„Klassische Tugenden gefragt”
Zurück zu den Wurzeln: SOLIDE FINANZIERUNG UND INNOVATIVE PRODUKTE schreiben Experten der Automobilindustrie als Handlungsmaxime ins Stammbuch, um langfristig wieder in die Erfolgsspur zu kommen. Insbesondere Zulieferer hätten Handlungsbedarf.
Die Ansage lässt keinen Spielraum für Deuteleien: „Den deutschen Automobil-Zulieferbetrieben droht nach dem Abschwung im vierten Quartal des Vorjahrs nun ein weiterer Gewinneinbruch von bis zu 6 Milliarden Euro weltweit. Aufgrund der schnellen und drastischen Umsatzverluste von über 40 Prozent bleiben die Unternehmen auf ihren kurzfristig nicht-flexibilisierbaren Kosten sitzen. Politische Maßnahmen wie Kurzarbeit und Abwrackprämie dämpfen zwar die Effekte, dennoch wird die gesamte Zulieferbranche in 2009 deutlich in der Verlustzone operieren. Wenn es den Unternehmen nicht gelingt, kurzfristig ihre Ertrags- und Refinanzierungslage zu stabilisieren, könnte dies eine Vielzahl weiterer Insolvenzen und den Abbau von über 50.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Zulieferindustrie zur Folge haben.” Diese Einschätzung stammt aus der Feder von Dr. Martin Haubensak, Partner im Bereich Automobilindustrie bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Haubensak glaubt, dass als Folge der Wirtschaftskrise bis 2010 weltweit in Summe etwa 17 bis 22 Millionen weniger Fahrzeuge als geplant verkauft werden.
Hohe Verbindlichkeiten problematisch
„Zusätzlich verschieben sich die Verkäufe hin zu kleineren Pkw-Segmenten”, bemerkt der Automotive-Experte. Und: Die aktuelle Krise führe zu einer Bereinigung des globalen Zuliefermarktes. „Problematisch ist die Situation insbesondere für die Zulieferer, die bereits heute zu hohe Verbindlichkeiten in ihrer Bilanz stehen haben. Weder der Staat noch die Hersteller können hier auf breiter Basis als Retter fungieren”, sagt Haubensak. Wie stark ein Zulieferbetrieb jetzt vom Absatzeinbruch betroffen ist, hänge vor allem von der strategischen und finanziellen Ausgangslage ab. Strategische Stärke zeige sich in Technologie- und Marktführerschaft und einem regional ausgewogenen Kundenportfolio. Finanzielle Stärke bedeutet vor allem ausreichende
Liquidität und hohe Eigenkapitalbasis. „Hier sind die klassischen deutschen Tugenden gefragt, also solide Finanzierung und innovative Produkte”, bringt es Haubensak auf den Punkt.
Dr. Götz, Partner bei A.T. Kearney: “Die Pkw-Nachfrage
wird lnger auf niedrigem Niveau verharren.”
Die meisten Zulieferer hätten auf die Krise bereits reagiert – mit Schichtenreduzierung, Freisetzung temporärer Mitarbeiter, Überstunden- und Urlaubsabbau, Reisekostenreduktion oder Kürzungen bei Zulagen und Boni. Um die Krise über die nächsten Jahre hinweg zu meistern, sollten „zudem Maßnahmen zur Kostensenkung und Cash-Optimierung systematisch eingesetzt werden”, lautet seine Empfehlung. Die A.T. Kearney-Studie nennt dazu die Hebel Einkauf, Bestandssenkung, kurzfristige Anlagen-Optimierung und Reduzierung der Gemeinkosten. Hier seien typischerweise Kostensenkungen von bis zu 25% und Verbesserungen einzelner Bilanzpositionen von bis zu 50% erreichbar.
Globale Trends nicht zu stoppen
Eines macht die Studie aber auch klar: Die derzeitige Krise kann die übergeordneten globalen Trends keinesfalls aufhalten. Die Nachfrage nach individueller Mobilität wird weiter ansteigen. China und Indien werden auch in diesem Jahr ihren Wachstumspfad abgeschwächt fortsetzen können, und Europa wird voraussichtlich in 18 bis 24 Monaten auf das Vorkrisenniveau zurückkehren. Danach wird der amerikanische Markt folgen: „Da die Kreditkrise in den USA auch die Privathaushalte umfasst, wird die Nachfrage nach Personenkraftwagen länger auf niedrigerem Niveau verharren”, so Dr. Götz Klink, Partner bei A.T. Kearney im Bereich Automotive.
Wie also lautet die Handlungsempfehlung für Zulieferer? „Für sie wird es entscheidend sein, Technologien auf individuelle Bedürfnisse der Märkte auszurichten und Projekte klar auf den strategischen Fit hin zu selektieren. In der Krise gilt es, Wachstumschancen in Emerging Markets, im Ultra-Low-Cost-Car-Segment und insbesondere bei Technologien zur Emissions- und Verbrauchsregulierung im Auge zu behalten”, so Klink.
Vor dem Hintergrund einer zu erwartenden Marktbereinigung sei es wesentlich, Klarheit über die optimale Technologiestrategie für Übernahmeaktivitäten zu besitzen, um kurzfristig handlungsbereit zu sein und fehlende Kompetenzen zu akquirieren.
Dr. Martin Haubensak, Partner im Bereich Automobilindustrie bei
A.T. Kearney: “Zu hohe Verbindlichkeiten in der Bilanz sind problematisch.”
Operative Chancen nutzen
Neben dem möglichen strategischen Zukauf von Technologien durch Unternehmenstransaktionen biete die momentane Krise auch ganz operative Chancen. „Die Insolvenz von Wettbewerbern können starke und schnelle Zulieferer nutzen, um Aufträge und ggf. auch einzelne Werke zu übernehmen”, sagt Klink. „Durch eine enge Abstimmung mit Herstellern und Banken kann so eine Win-win-win-Situation geschaffen werden”.
Die anhaltende Krise wird zweifelsohne zu einer Marktbereinigung und Verschlankung der Kapazitäten führen. Wer finanzielle Schwächen offenbart, wird auch bei strategischer Fitness die Eigenständigkeit oder gar die Existenz verlieren. Erfolgreich werde sein, wer kurzfristig Liquidität sichert, Kosten senkt und gleichzeitig strategischen Weitblick beweist. „Das klassische Unternehmertum ist gefragt”, so Haubensak: „Kurzfristiges Erfordernis ist die Umsetzung von ‚Fitness-Programmen’, um zu überleben. Wichtig ist dann die Entwicklung von klaren, langfristigen strategischen Konzepten, um nach 2010 gestärkt an Konsolidierung und Wachstum zu partizipieren.”Christian Klein





