Exklusiv-Interview mit Michael Dick, Vorstand Technische Entwicklung
Fortschritt nach Masterplan
‚Flexibel, eigeninitiativ und zukunftsorientiert” beschreibt Entwicklungsvorstand Michael Dick seine Mannschaft in der TECHNISCHEN ENTWICKLUNG in Ingolstadt. Zu den Arbeitsfeldern der Audi-Entwickler zählen auch zukunftsweisende Verkehrskonzepte wie ‚Travolution’, ein Pilotprojekt, das aktuell im Ingolstädter Stadtgebiet mit Audi-Testfahrzeugen umgesetzt wird.
In Ingolstadt arbeiten über 5 000 Menschen in der Technischen Entwicklung. Worauf sind Sie mit Blick auf Ihr Team und das Leistungsspektrum besonders stolz?
Ich bin stolz darauf, dass unser Motto ‚Vorsprung durch Technik’ in jedem Winkel zu spüren und zu sehen ist. Unser Windkanal, einer der modernsten der Welt, das Physikum und das Elektronik-Center um nur einige herauszugreifen. Und ich bin stolz auf das Audi-Team, das alle Herausforderung mit Herzblut und Begeisterung meistert und jeden Tag mit neuen Ideen Innovationen schafft.
Wo sehen Sie die speziellen Stärken der Audi-Entwicklung?
Die Audi-Entwicklung ist flexibel, eigeninitiativ und zukunftsorientiert. Die anerkannten Stärken von Audi sind Design, Leichtbaukompetenz und Effizienztechnologien. Auch unsere Direkteinspritztechnik bei Benzin- und Dieselmotoren und die modulare Baukastenstruktur setzen Maßstäbe. Und das alles unter dem Dach des schon sprichwörtlichen Audi-Qualitätsanspruches.
Haben Sie eine Maxime für die Entwicklungsarbeit aufgestellt?
Ich bin überzeugt, dass der Erfolg von Audi in der produktiven Zusammenarbeit zwischen der Designabteilung und den Fachabteilungen der Technischen Entwicklung begründet ist. Und dies immer in enger Abstimmung mit den angrenzenden Geschäftsbereichen. Das offene Miteinander und die Förderung der Eigenverantwortung meiner Mitarbeiter sind mir persönlich sehr wichtig.
Ein Projekt, das Audi eng mit der Stadt Ingolstadt verbindet, ist ‚Travolution’. Bis zu 20 Fahrzeuge und 50 Ampelanlagen sollen dem Projekt angeschlossen werden. Was ist der aktuelle Stand?
Aktuell arbeiten wir an der Detaillierung des Anzeigekonzepts und sind in der Softwareimplementierungsphase. Die Anzahl der Testautos wird sukzessive erhöht. Gleiches gilt für die Infrastruktur. Im gesamten Stadtgebiet werden Ampelanlagen für die nächste Projektphase umgerüstet. Zusätzlich zu den Fahrzeugen und Ampeln sind bereits eine Tankstelle und ein Parkhaus mit dieser Technik ausgerüstet, da diese Interaktionspartner im Folgeprojekt ‚Travolution extended’ eine wichtige Rolle spielen.

Die Aufgabenstellungen in der Automobilentwicklung haben in jüngster Zeit enorm zugenommen: CO2-Reduzierung, alternative Antriebe oder auch intelligente Verkehrskonzepte wie ‚Travolution’ sind dazu Stichworte. Wie bewältigt Audi die wachsenden Anforderungen und den Mehraufwand?
Natürlich setzen wir Prioritäten, doch sind davon keine wichtigen Fahrzeugprojekte betroffen und schon gar nicht unsere Investitionen in die Zukunft, wie beispielsweise die Weiterentwicklung alternativer Antriebstechniken und die Elektrifizierung des Antriebstranges. Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenzen: Leichtbau, modularer Effizienzbaukasten und das e-Performance Projekthaus. Hier bündeln wir unsere Kräfte und arbeiten in Kooperation mit Universitäten und spezialisierten Partnern an den Elektrofahrzeugen der Zukunft.
Muss personell aufgestockt werden – intern und bei den Systempartnern in der Zulieferindustrie?
Unsere weiter wachsende attraktive Modellpalette ist die Basis für den Erfolg bei den Kunden und den wirtschaftlichen Kennzahlen. Damit ist natürlich auch die Sicherheit der Arbeitsplätze verbunden. Deshalb werden wir weiterhin mit Nachdruck an unseren Projekten arbeiten. Das gilt in diesem Sinn auch für unsere Entwicklungs-Partner. In einigen Bereichen, wie dem ‚e-Performance Projekthaus’, suchen wir weitere engagierte Spezialisten.
Inwieweit kann der FuE-Mehraufwand durch moderne Entwicklungsmethoden der virtuellen Welt aufgefangen werden?
Virtuelle Entwicklungstools sind schon lange ein Baustein unserer modernen Entwicklung. Hier verbinden wir das Beste aus zwei Welten. Der permanente Abgleich der Erkenntnisse aus realen Tests an der Hardware mit Ergebnissen der virtuellen Entwicklungsarbeit garantiert uns eine steile Lernkurve. Sie ist unabdingbar für die geplante Ausweitung der Audi-Produktpalette.
Aus dem Jahr 1999 stammt die Zahl, dass Audi 45 Prozent des gesamten Entwicklungsaufwandes intern stemmt. Gilt dieses Verhältnis in etwa heute noch?
Die Größenordnung von 50 Prozent ‚inhouse’ gilt auch heute noch.
Wird sich der Anteil der Entwicklungsleistungen, die extern bei Partnern wie Zulieferern und Engineering-Dienstleistern eingekauft werden, künftig erhöhen oder eher reduzieren?
Kernkompetenzen und Gesamtverantwortung werden auch zukünftig im Haus bleiben. Deswegen sehe ich keinen Grund für größere Veränderungen.
Die TE verfügt über hochmodernes Equipment und Anlagen – vom eigenen Testgelände, über ein Windkanalzentrum hin zu dem im Mai 2008 eröffneten Vorseriencenter. Sind mit Blick auf die Einrichtungen noch Wünsche offen?
Es existiert ein Masterplan, in dem alle Einrichtungen der Technischen Entwicklung mit Blick auf die zukünftigen Anforderungen, exakt geplant und umgesetzt werden. Gerade haben wir das Getriebe- und Emissionszentrum bezogen. Ich persönlich finde auch das neue Vorseriencenter sehr wichtig. Hier setzen wir tolle Synergien in der Zusammenarbeit mit der Produktion um.
Das neue Vorseriencenter in Ingolstadt, in dem bis zu 900 Mitarbeiter tätig sind, hat seinen eigenen Anlauf gerade bewältigt. Wie sind die ersten Erfahrungen?
Insbesondere der frühzeitige Einsatz von seriennahen Prozessen und Methoden bereits in der Prototypenphase zusammen mit den Kollegen der Produktion trägt zu einer deutlichen Effizienzsteigerung bei. Im VSC erkennen wir mögliche Problempunkte und deren Lösung wesentlich früher. Dadurch steigt die Qualität unserer Vorserienfahrzeuge.
Ist das Vorseriencenter auch ein Instrument zur Produktivitätssteigerung und zur Kostensenkung?
Natürlich. Diese frühe Möglichkeit der Produktoptimierung zusammen mit den Mitarbeitern der Produktion hat unglaubliches Potenzial. Dieses enge Teamwork in der ganz frühen Phase des Fahrzeugsbaus führt zu einem noch schnelleren und effizienteren Produktanlauf. Das frühzeitige Erkennen von Stellen mit Optimierungsbedarf spart Kosten und Zeit, denn die Verbesserungen können noch vor dem Bau der Serienwerkzeuge umgesetzt werden. So sind Produktivitätssteigerungen und die Reduzierung der Entwicklungskosten logische Konsequenz.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten regiert allerorts der Rotstift. Wo sehen Sie in Ihrem Ressort relativ schnell realisierbare Kostensenkungspotentiale?
Wir arbeiten jetzt schon sehr kosteneffizient. Schauen Sie sich beispielsweise die Komponenten unserer modularen Baukästen im Konzern an. Die gemeinsame Nutzung dieser Baugruppen über alle Marken hinweg ermöglicht eine effiziente Entwicklung. Und diese Strategie führen wir konsequent weiter. Hier sehe ich immer noch Potenziale. Und wir kümmern uns selbstverständlich um ständige Verbesserung der Arbeitsprozesse.
Das Interview führte Tina Rumpelt




