Exklusiv-Interview mit Peter Kössler, Leiter Werk Ingolstadt
„Die Komplexität beherrschen”
Sechs Modellneuanläufe bewältigte das WERK INGOLSTADT binnen knapp zwei Jahren. In der damit einhergehenden, gewachsenen Komplexität in der Fertigung sieht Werkleiter Peter Kössler eine der großen Herausforderung für die Zukunft.
Sie sind mit Audi vor der Haustür aufgewachsen. Wofür steht Audi für Sie als Ingolstädter?
Audi hat als größter Arbeitgeber schon immer diese Stadt geprägt. Audi war immer gegenwärtig, in der Familie, bei Freunden, in der Öffentlichkeit. Als dann Ende der 70er Jahre die Rallye-Erfolge von Audi hinzukamen, hat es mir als Bub natürlich so richtig Spaß gemacht, bei den Rennen mitzufiebern. Ab diesem Zeitpunkt hat sich mein Interesse an Audi immer mehr verstärkt.
Was wünschen Sie sich für das Werk in den nächsten 60 Jahren?
Ich wünsche mir für unser Werk, dass wir unseren Kurs mit der gleichen Begeisterung weiter so erfolgreich fortsetzen. Sprich, dass die Audi-Designer auch in Zukunft ein so glückliches Händchen beweisen, dass wir weiterhin innovativste Technik auf die Straße bringen, dass wir an diesem Standort auch künftig eine so hohe Kundenzufriedenheit erzeugen. Und dass wir auch die nächsten 60 Jahre die bereits sehr hohe Produktivität weiter ausbauen können.
Lässt sich der Erfolg von Audi in Ingolstadt in Zahlen fassen?
Gerade im Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre haben wir viel erreicht: Die Mitarbeiterzahl ist um zehn Prozent gewachsen. Dies bezieht sich auf den Standort Ingolstadt einschließlich der Technischen Entwicklung, die im vergangenen Jahrzehnt personell deutlich ausgebaut wurde. Im selben Zeitraum ist der Fahrzeug-Output des Werkes Ingolstadt um 50 Prozent gestiegen. Darüber hinaus sind die Produkte, die wir heute fertigen, deutlich komplexer als noch Mitte der 90er Jahre.

Wo sehen Sie in den nächsten Jahren die großen Herausforderungen für das Werk?
Die größte Herausforderung liegt sicherlich darin, die Komplexität am Standort zu beherrschen. Das heißt, die Teile ‚just in sequence‘ ans Band zu bringen, sie ohne Produktivitätsverluste zu erzeugen und zugleich die Qualität auf Spitzenniveau zu halten. Dies ist eine Herausforderung, mit der wir uns in einem immer stärkeren Maße auseinandersetzen müssen.
Was steht im Vordergrund: die ständig steigende Varianz oder die Komplexität der Automobile selbst?
Das Werk hat in den vergangenen Jahren auf der Produktseite sehr stark an Komplexität gewonnen: Wir fertigen hier heute die Modelle Audi A3, Audi A4 und Audi A5 in den jeweiligen Derivaten sowie den Audi Q5 und im Verbund mit Györ den Audi TT und das Audi A3 Cabriolet. Gleichermaßen stieg aber auch die Komplexität der Automobile selbst. Nehmen Sie das Beispiel Fahrerassistenzsysteme: Was vor fünf, sechs Jahren noch der A8-Baureihe vorbehalten war, bieten wir heute auch im A4 an. Ähnliches erwartet uns künftig auch beim A3.
Stichwort ‚Komplexität beherrschen‘: Wo sehen Ihr Team und Sie die großen Herausforderungen bei diesem Thema heute und in der nahen Zukunft?
Unser Credo in der Fertigung lautet: In stabilen, standardisierten Prozessen beste Qualität erzeugen, und zwar nach dem Prinzip ‚do it right the first time‘. Dabei helfen uns unsere Entwicklungs- und Planungsabteilungen. Wir prüfen zum Beispiel im Vorseriencenter gemeinsam sehr frühzeitig die Stabilität und Sicherheit unserer Prozesse, um später mit entsprechend sicheren und stabilen Prozessen in die Serienproduktion gehen zu können. Wichtig ist, bereits in der Produktentwicklung auf die produktionsgerechte Gestaltung zu achten. Darüber hinaus muss es uns nachhaltig gelingen, jeden einzelnen am Prozess Beteiligten für das Produkt zu begeistern. Die Qualität unserer Produkte liegt in den Händen unserer Mitarbeiter.
Wie lautet vor diesem Hintergrund Ihre Führungs-Philosophie?
Ich sehe meine Führungsmannschaft und mich als Trainer einer Spitzenmannschaft. Unsere Aufgabe ist es, zu motivieren und zu überzeugen. Es gilt, den Mitspielern, sprich den Mitarbeiter, zu erklären und deutlich zu machen, dass wir es im internationalen Wettbewerb mit starken Wettbewerbern zu tun haben. Kein Kunde kauft einen Audi, weil wir eine schöne Fabrik haben. Wir müssen auch in Zukunft mit unserer Qualität und Wertigkeit überzeugen.
Die Krise hat die Autoindustrie fest im Griff. Was bedeutet das für Ihre Arbeit und für den Standort Ingolstadt?
Das Thema ‚Mitarbeiter-Motivation’ ist heute wichtiger denn je. Wir müssen in solch schwierigen Zeiten ganz offen die Themen ansprechen, die unsere Mitarbeiter berühren. Wir müssen vermitteln, dass das Unternehmen hinter ihnen steht und alles tut, um die Arbeit und damit die Arbeitsplätze zu sichern. Wir machen aber auch klar, dass wir die Herausforderungen, die vor uns liegen, nur bewältigen, wenn wir alle zusammenarbeiten und die Aufgaben gemeinsam angehen.
Nach welchem Fahrplan fährt die Produktion durch die Krise?
Unser Fahrplan hatte schon immer zum Ziel, die Produktivität zu steigern. Daran hat sich nicht geändert. So konnten wir beispielsweise allein in einem Jahr die Laufwege in unserer Montage um 67 000 Kilometer verkürzen. Wir haben uns weitere ambitionierte Produktivitätsziele gesetzt, die unseren Spitzenplatz in der Autoindustrie weiter festigen werden.
Wo sehen Sie die großen Herausforderungen der Produktion von morgen?
Das Thema Demografie wird bei uns seit langem groß geschrieben: Wir bereiten uns heute schon darauf vor, die Prozesse am Band so zu gestalten, dass sie auch für ältere Menschen noch gut zu leisten sind. Denn Arbeitsplatz und Arbeitsprozesse müssen für all unsere Mitarbeiter ergonomisch optimal ausgerichtet sein. Schon heute laufen im Haus viele Projekte zu diesem Thema So haben wir beispielsweise einen ergonomischen Montagesitz entwickelt, mit dessen Hilfe der Werker am Band seine Teile bequem im Inneren des Autos einbauen kann.
Darüber hinaus werden aktuell im Rahmen einer Strukturanalyse alle Arbeitsplätze hinsichtlich ihrer Schwierigkeitsgrade mit Blick auf die körperliche Beanspruchung beurteilt mit der Zielsetzung, Arbeitsplätze mit höherer körperlicher Belastung möglichst zu vermeiden oder zumindest die Belastung durch schnellere Wechselzyklen für die Mitarbeiter an diesen Arbeitsplätzen zu reduzieren.
Das Interview führte Tina Rumpelt




