Exklusiv-Interview mit Ulf Berkenhagen, Vorstand Einkauf
Stark im Konzernverbund
Um 390 Millionen Euro senkte Audi 2008 die Produktkosten durch Materialkostenoptimierung. Und dieser Zug fährt weiter, auf ganz unterschiedlichen Gleisen: Audi-Einkaufsvorstand Ulf Berkenhagen fokussiert ‚Best-Cost-Sourcing’ im Ausland ebenso wie Standardisierung und Entfeinerung bei Produkten.
Herr Berkenhagen, ist eine Konsolidierung der Zulieferindustrie eine gute oder eine schlechte Nachricht für einen Einkäufer?
Beides. Es ist ein Ausleseprozess, und ich bin überzeugt, dass die leistungsfähigen Lieferanten gestärkt aus der Krise hervorgehen werden.
Audi-Finanzvorstand Axel Strotbek forderte jüngst „konsequente Ausgaben- und Investitionsdisziplin”, um den Belastungen durch den rückläufigen Absatz entgegen zu treten. Wo und wie werden Sie in Ihrem Ressort die Ausgabendisziplin fördern?
Dies ist ein für alle Geschäftsbereiche geltender Prozess. Wir als Audi-Einkauf fördern und unterstützen diesen Prozess, in dem wir, in enger Abstimmung mit allen am Prozess Beteiligten, Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung von zum Beispiel Investitionen nehmen. Dies kann soweit gehen, dass wir bei Investitionen oder bei Projektausgaben auch zeitliche Anpassungen vornehmen. Darüber hinaus untersuchen wir permanent die Möglichkeiten zur Optimierung von Produkten und Prozessen bei uns wie bei unseren Lieferanten.
2008 senkte Audi durch Materialkostenoptimierung die Produktkosten um rund 390 Millionen Euro. Mit welchen Maßnahmen ?
Eine unerlässliche Maßnahme ist der permanente Abgleich der Preise für Zukaufteile: Sind diese tatsächlich noch marktgerecht, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuell stark schwankenden Rohstoffpreise? Diese Abstimmung erfolgt immer gemeinsam mit den Kollegen im Konzernverbund. Das lohnt sich. Häufig kommen wir zu dem Ergebnis, dass wir Veränderungen vornehmen müssen. Wobei wir in manchen Fällen schlichtweg den Preis anpassen, weil dieser mit Blick auf den Markt zu hoch ist. In anderen Fällen erkennen wir, dass sich hinter dem Preis Kostenstrukturen verbergen, die optimiert werden können.
Wie weit gehen Sie bei solchen Analysen in die Wertschöpfungskette beim Lieferanten hinein?
Wir laden unsere Schlüssellieferanten regelmäßig ein, mit ihnen zusammen die gesamten Wertschöpfungsketten durchzugehen, mit der Zielsetzung, gemeinsam Potenziale zu identifizieren, die uns über Kostenoptimierung zu Preisreduzierungen führen. Wenn wir erkennen, dass die Kostenstrukturen zugunsten einer besseren Preisgestaltung verändert werden können, kann es durchaus sein, dass wir auch auf Second-Tier-Ebene handeln.

Welche Rolle spielt der Einsatz von Gleichteilen und Carry-over-Parts bei den Kostenreduzierungen?
Ich sehe es als eine Stärke des Unternehmens Audi, im Verbund eines weltweiten Konzerns agieren zu können. Wir kaufen heute nicht auf der Basis von einer Million Autos ein, die wir bei Audi fertigen, sondern auf der Ebene des VW-Konzerns mit sechs Millionen Autos im Jahr. Die Synergien und das Stückzahlvolumen, das sich damit für alle Konzernmarken ergibt, nutzen wir in immer größerem Maße. Gleichteile und Carry-over-Parts sind wichtige Bausteine dieser erfolgreichen Strategie.
Soll der Gleichteile-Anteil innerhalb des VW-Konzerns wachsen?
Wenn Sie diese Fragen den Kollegen in der Entwicklung stellen, werden sie sagen, er ist schon zu hoch. Ich als Einkäufer sage, der Anteil ist noch zu gering.
Bekommt das Thema ‚Entfeinerung beim Produkt’ durch die Krise und den hohen Kostendruck einen neuerlichen Schub?
Das ist kein von der Krise getriebenes Thema. Schon die bisherigen Kostenreduzierungsprogramme wie beispielsweise ‚ForMotion’, in die Audi wie alle anderen Konzernmarken eingebunden war, berücksichtigten sehr stark dieses Thema. Entfeinerung ist konsequenterweise auch heute unser tägliches Geschäft, Krise hin oder her. Wir bei Audi achten natürlich darauf, dass wir die wesentlichen Attribute unserer Marke durch Entfeinerung nicht in Frage stellen. Salopp gesagt heißt das: Ein Audi wird auch weiterhin vier Ringe haben und auf keinen Fall nur drei.
Audi Hungaria in Györ hat im vergangenen Jahr den C-Teile-Einkauf für den gesamten Volkswagen-Konzern übernommen. Mit welchen Zielsetzungen?
Bei C-Teilen handelt es sich um eine Vielzahl von geringwertigen Teilen, die in unseren Augen von einer viel zu großen Anzahl von Lieferanten hergestellt werden. Mit der Bündelung der Einkaufaktivitäten für C-Teile fokussieren wir klare Aufgabenstellungen, die dem Team in Györ übertragen wurden. Im ersten Schritt lautet unser Ziel, der Preisgestaltung dieser C-Teile die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Ein Instrument dazu ist die Standardisierung, zum Beispiel bei Schrauben. Der zweite und nächste logische Schritt wird es sein, auch die Zahl der Lieferanten einzugrenzen.
Wie wird sich der Ausland-Einkauf von Audi weiter entwickeln?
Unser direktes Auslandseinkaufsvolumen, nach unserer Definition Einkäufe außerhalb Westeuropas, liegt heute unter zehn Prozent. Der Auslandseinkauf wird wachsen. Wir sind bestrebt, uns in Schlüsselmärkten wie China oder auch Indien noch mehr als bisher einkaufsseitig zu orientieren. Wobei unumstößlich gilt: Auslandseinkauf ist kein Selbstzweck, sondern unterliegt genauso wie der Einkauf hierzulande klaren wirtschaftlichen und qualitativen Anforderungen.
Künftiges Wachstum wird vor allem in den kleineren Fahrzeugsegmenten stattfinden. Aber auch hier werden Innovationen die Markendifferenzierung bestimmen, und zwar bezahlbare Innovationen. Welchen Ansatz verfolgt Audi hier?
Audi wird im nächsten Jahr den A1 auf den Markt bringen und damit ein neues Marktsegment erschließen. Ziel von Audi ist es nach wie vor, der führende Premiumhersteller zu sein – immer unter der Maßgabe, profitabel zu sein. Wir sind sicher, dass wir das schaffen. Wir sind sehr breit aufgestellt und, das kann ich heute schon sagen, wir haben für das neue Modell Features aufgestellt, die es für unsere Kunden sehr interessant macht. Beispiele sind MMI, intelligente Lichtsysteme oder auch innovative Infotainmentsysteme, die in dieser Klasse bislang noch nicht angeboten werden.
Das Interview führte Tina Rumpelt




