Zulieferer: Bedrohte Spezies

15.09.2009, 8:22 Uhr

Den Automobillieferanten drohe laut einem Bericht des Handelsblatt eine verstärkte Auslese. Die Unternehmen verschärfen bereits ihre Sparprogramme. Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive in Bergisch Gladbach sagt: “Die wichtigsten Zulieferer weltweit haben im ersten Halbjahr 2009 im Schnitt Einbußen von fast 30 Prozent verzeichnet”. Weitere Experten erwarten eine Verdoppelung der Insolvenzzahlen.

Den Zulieferern steht die eigentliche Belastungsprobe noch bevor. Auf den schnellen Einbruch an den Automärkten wird nach ihrer Einschätzung nur ein sehr langsamer Aufschwung folgen, heißt es in der Wirtschaftszeitung. Zugleich müssten neue und teure Spartechnologien sowie elektrische Antriebe entwickelt und neue Märkte erschlossen werden. Experten sprechen bereits von der schwersten Krise in der Geschichte der Branche, die Anbieter wappnen sich für einen Marathon mit knallharter Auslese. Die Zahl der Zuliefererinsolvenzen könnte sich bis Jahresende verdoppeln.

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"Wir brauchen finanzielle Spielräume": ZF-Vorstandschef Hans-Georg Härter.

Die Nummer drei im deutschen Markt, ZF Friedrichshafen, verschärfe jetzt laut Handelsblatt ihr Sparprogramm. Um 600 Millionen statt wie bisher geplant 500 Millionen Euro sollen jährlich die Kosten sinken. “Wir brauchen finanzielle Spielräume, um auch künftig frei und selbstständig unternehmerische Entscheidungen treffen zu können”, begründet der ZF-Vorstandschef Hans-Georg Härter.

Auch Kolbenspezialist Mahle hat angekündigt, die Kosten um 20 Prozent zu senken. Bosch hält sich noch bedeckt. Aber Experten erwarten auch beim Weltmarktführer eine Verschärfung des Sparkurses.

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„Wir rechnen mit einem Nike-Verlauf in der Autokonjunktur", erklärt Mahle-Chef Heinz K. Junker.

“Wir rechnen mit einem Nike-Verlauf in der Autokonjunktur”, erklärt Mahle-Chef Heinz K. Junker in Anspielung auf das Logo des US-Sportartikelherstellers. Der Nike-Haken führt nach einem kurzen steilen Abwärtsstrich nur sehr flach wieder nach oben.

“Im Zweifel müssen definitiv mehr als weniger Kapazitäten abgebaut werden”, sagte Autoexperte Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive in Bergisch Gladbach gegenüber der Wirtschaftszeitung. Gemeinsam mit den Beratern von Management Engineers hat er die 100 größten Zulieferer weltweit untersucht.

Trotz der Kapitalstärke der deutschen Zulieferer zeichnet er ein düsteres Bild: “Kurzarbeit wird bei vielen deutschen Zulieferern nicht ausreichen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen; mit Personalabbau von 10 bis 15 Prozent ist dauerhaft zu rechnen”, stellt Bratzel in der Studie fest.

Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive in Bergisch Gladbach, Bild: FHDW

Professor Stefan Bratzel vom Center of Automotive in Bergisch Gladbach, Bild: FHDW

Auch Mahle-Chef Junker gibt zu bedenken: “Kurzarbeit wirkt derzeit wie Valium-Tabletten.” Er sieht die Lage der Autoindustrie kritischer als so mancher Autokonzern. “Das Problem der Überkapazitäten ist strukturell”, sagt Junker.

Möglicherweise werde es bis 2014 oder 2015 dauern, um das Produktionsniveau von 2007 zu erreichen. Nach den Worten des Mahle-Chefs werden weltweit dieses Jahr noch weniger Autos abgesetzt, als in den ohnehin düsteren Prognosen angenommen. Waren die Erwartungen zuletzt von 66 auf 57 Millionen verkaufte Fahrzeuge gefallen, hält Junker jetzt 52 Millionen für realistisch.

Das drückt die deutsche Zulieferindustrie mit ihren Unternehmen und 328 000 Beschäftigten in die schwerste Krise ihrer Geschichte. “Die wichtigsten Zulieferer weltweit haben im ersten Halbjahr 2009 im Schnitt Einbußen von fast 30 Prozent verzeichnet”, sagt Autoexperte Bratzel. Am Jahresende werde mindestens ein Minus von 25 Prozent herauskommen.

Die meisten Firmen rutschen bereits in die roten Zahlen. Bosch wird erstmals seit Kriegsende in diesem Jahr Verlust schreiben. Für viele andere kommt es noch härter. Größere Zulieferer, darunter so bekannte wie Edscha oder Karmann, sind schon insolvent. Experten schätzen, dass sich ihre Zahl bis Ende 2009 auf 80 mindestens verdoppeln könnte.

Wegen ihrer hohen Eigenkapitaldecke werden viele große deutsche Zulieferer 2009 noch halbwegs überstehen. Aber kommen hausgemachte Probleme wie bei Continental dazu, dramatisiert sich die Lage.

Die Nummer zwei in Deutschland muss neben den Sparanstrengungen eine Lösung für den Schuldenberg von zehn Milliarden Euro finden und sich neu sortieren. Für die für Spritsparmotoren wichtigen Turbolader fehlt ein Konzept. Der wichtige Bereich Motoren und Getriebe ist nicht profitabel. Das Verhältnis zu wichtigen Kunden ist angeschlagen. Contis designierter Chefaufseher Wolfgang Reitzle wird sein ganzes Gewicht in der Autobranche in die Waagschale werfen müssen, um wieder Vertrauen zu gewinnen. Konkurrent Bosch hat dank Contis Schwäche eine ganze Reihe strategischer Projekte abgefischt.

Das Hauen und Stechen in der Branche nimmt zu. Autoexperte Bratzel ist sicher, dass sich die Zulieferbranche neu ordnen und in den kommenden fünf Jahren einigen die Luft ausgehen wird.

 

 

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