Marchionne will Fiat aufsplitten

22.04.2010, 8:11 Uhr

“Divide et impera” lautet das Motto von Fiat-Chef Sergio Marchionne. Dem “Handelsblatt” zufolge will er Fiat in „Fiat“ und „Fiat Industrial“ aufspalten

Sergio Marchionne will den Fiat-Konzern aufspalten. (Bild: Fiat)

Sergio Marchionne ist immer für eine Überraschung gut. Aber diesmal ließ der Fiat-Vorstandsvorsitzende nach fast fünf Stunden Vorträgen auf dem Investorentag in Turin eine echte Bombe platzen: Wie das “Handelsblatt” berichtet, will sich der italienische Traditionskonzern in die Automobilsparte „Fiat“ und „Fiat Industrial“ aufspalten. Damit trennt das Unternehmen das Autogeschäft von dem der Lkw-Tochter Iveco und der Land- und Baumaschinentochter CNH sowie von Industrial Marine Activities. Das industrielle Geschäft soll an die Börse gebracht werden. Jeder Fiat-Aktionär erhält im Zuge der Börsenplatzierung eine Fiat-Industrial-Aktie.

„Das Konzept des Konglomerats ist nicht mehr zeitgemäß“, begründete Marchionne die Entscheidung. Die beiden Geschäfte seien zu unterschiedlich. „Bisher war ein Spin-off undenkbar“, sagte er. Das Unternehmen habe die gesamte Energie gebraucht, um durch die Krise zu kommen. „Jetzt gibt es keinen Grund mehr“, sagte Marchionne und gab auch einen Zeitrahmen: „Sobald der Verwaltungsrat das Projekt abgesegnet hat, brauchen wir sechs Monate.“

„Für uns ist es eine historische Wende“, sagte der Agnelli-Enkel John Elkann, der gestern offiziell zum neuen Präsidenten der Fiat-Gruppe ernannt wurde. Er wird auch in Zukunft Präsident von Fiat bleiben. Präsident der neuen Gruppe Fiat Industrial wird Sergio Marchionne.

Fiat bestätigt mit der Aufspaltung seit langer Zeit anhaltende Spekulationen. Anders als die meisten Beobachter erwartet hatten, wird der Konzern jedoch das industrielle Geschäft an die Börse bringen und nicht die Autosparte. Investoren drängen bereits seit Jahren auf einen Spin-off der Autosparte, um das Potenzial an der Börse besser auszuschöpfen und um mögliche Allianzen mit anderen Autokonzernen zu erleichtern.

Nach Berechnungen von David Arnold, Auto-Analyst von Credit Suisse, liegt der Börsenwert von Fiat heute 20 Prozent unter dem, was das Unternehmen am Markt wert wäre, wenn es getrennt notiert wäre. Während Arnold für die Fiat-Aktie derzeit ein Preisziel von 11,50 Euro für das kommende Jahr hat, sieht er mit der Abspaltung ein Potenzial von 13,90 Euro.

„Die Aufspaltung ist nötig, um den beiden Unternehmen ein Maximum an Flexibilität zu geben, um sich weltweit nach Möglichkeiten umzuschauen“, sagte Marchionne. In der Vergangenheit seien die Gespräche mit anderen Herstellern oft daran gescheitert, dass Fiat außer Autos auch Traktoren und Lkws mitbringt. Unter den potenziellen Partner weltweit sei kein Deutscher dabei, sagt Marchionne auf Nachfrage des “Handelsblatts”.

Eine Trennung des Autogeschäfts vom Rest des Konzerns könnte theoretisch auch eine komplette Fusion mit Chrysler erleichtern, die jedoch im Fünf-Jahres-Plan nicht vorgesehen ist. Schließlich hat der italienische Traditionskonzern im vergangenen Jahr den angeschlagenen US-Hersteller vor dem Bankrott gerettet und 20 Prozent der Aktien und die Unternehmensführung übernommen. Im ersten Quartal dieses Jahres hat Chrysler zum ersten Mal einen operativen Gewinn geschrieben.

Nach dem neuen Strategieplan soll Fiat Auto gemeinsam mit Chrysler bis 2014 weltweit 51 neue und aufgefrischte Modelle auf den Markt bringen und insgesamt sechs Millionen Pkw und Kleinlaster verkaufen. Der Umsatz der Autosparte soll bis 2014 verdoppelt werden

Während die Nachrichten zur Aufteilung des Konzerns gestern überraschend kamen, wurde der neue Fünf-Jahres-Plan für 2010 bis 2014 von den Investoren mit Spannung erwartet. Zum ersten Mal gibt Fiat konkrete Ziele für die gemeinsame Zukunft bekannt. Dabei interessiert nun vor allem die Autosparte: Der Umsatz der Autosparte soll 2014 nach den Plänen 51 Mrd. Euro betragen, mehr als der Fiat-Konzern im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Lkw-Tochter Iveco und der Land- und Baumaschinentochter CNH umgesetzt hat und fast doppelt so viel, wie die Autosparte im vergangenen Jahr erlöst hat. Vor allem die Chrysler-Marke Jeep soll in Zukunft eine globale Marke werden. Bei der eher klobigen Marke Dodge will Marchionne dagegen „die US-Identität beibehalten“.

Über die Reaktionen der Konkurrenten macht sich Marchionne keine Illusionen: „Vor allem die Deutschen liegen sicher schon lachend am Boden“, sagt er. Aber die hätten Fiat in der Vergangenheit schon totgeschrieben. „Letztlich wird der Markt entscheiden.

 
 

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