Schwere Zeiten für US-Smart
War das ein Raketenstart vor zwei Jahren, als Amerika den SMART über Nacht in sein Herz schloss. Nach außen jubelte die Daimler-Zentrale; wusste aber längst, dass es ohne Kooperationspartner keine Zukunft geben würde. Mit Renault-Nissan stehen Smart nun drei harte Jahre bevor.

Eitel Sonnenschein am 7. April: Carlos Ghosn (li.) und Dieter Zetsche besiegeln die Kleinwagen-Allianz mit einem Handschlag
Im Frühjahr 2010 war es endlich soweit. Nach einem knappen Jahr umfangreicher Vorarbeiten im Hintergrund stand fest, dass die Daimler AG beim Smart-Projekt zusammen mit Renault-Nissan ins Bett steigt. Applaus hier, Zufriedenheit dort, Kameras klickten und Hände wurden geschüttelt. Doch bei Daimler und dem Kleinwagenableger Smart gibt es nicht nur lachende Gesichter, denn um die Verkaufszahlen ist es schlecht bestellt. Besonders der Boommarkt USA hat keine rechte Lust mehr auf den sparsamen Zweisitzer aus Hambach: Wurden 2008 noch knapp 25 000 Fahrzeuge in den USA verkauft, waren es im Krisenjahr 2009 nicht einmal mehr 15 000. Dieses Jahr sieht es nicht besser aus, im Gegenteil. „Wir haben im Monat Mai 2010 in den USA 695 Smarts verkauft“, erklärt Smart-Markenchef Marc Langenbrinck, „das ist natürlich viel zu wenig. Zwar steigern wir uns langsam von Monat zu Monat, aber nur auf niedrigem Niveau.“
Erster Hype verflogen
Die günstigen Kraftstoffpreise in den Vereinigten Staaten sind aber nur ein Grund. „Als Smart hier in den USA startete, kostete die Gallone Benzin 4,50 Dollar“, erläutert US-Smart-Chefin Jill Lajdziak, „doch die Krise hat den amerikanischen Automarkt besonders hart getroffen. Viele Leute haben weniger Geld und die, die Geld haben, geben es nicht aus.“ Der erste Hype ist fort und die ehemals wild mit den Hufen scharrenden Amerikaner haben die rechte Lust am smarten Kleinwagen verloren.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Vertrieb stockt. Daimler vergab die amerikanische Smart-Distribution seinerzeit an Roger Penske. Auto-Urgestein Penske trommelte und stellte binnen weniger Monate ein stattliches Händlernetz auf die Beine, das die interessanten Regionen der USA überspannte. Doch nach dem ersten Feuer und den mehr als 20 000 verkauften Erstlingen in 2008 wurde es ruhig. Die Werbemaßnahmen schliefen ein und der Smart verschwand weitgehend aus der Öffentlichkeit. Derweil gaben indirekte Konkurrenten wie Mini oder der schicke Toyota-Ableger Scion mächtig Gas.

Die US-Smart-Chefin Jill Lajdziak (oben) ist im Zugzwang: Nur 695 verkaufte Smarts, pro Monat (im Mai) sind zu wenig. Die Daimler-Führung erwartet einen Umsatz von 30 000 Fahrzeugen im Jahr, damit sich das Projekt rechnet.
Lajdziak musste in diesem Jahr erst einmal Altlasten abarbeiten. „Als ich Anfang 2010 anfing, hatte ich sogar noch 2008er Modelle im Bestand und es kamen immer mehr Fahrzeuge aus Europa nach. Nach dem Sommer kommen bereits die neuen Fahrzeuge aus dem Modelljahr 2011. Da gibt es viel zu tun“, hofft Lajdziak auf bessere Zeiten. Jill Lajdziak weiß, wovon sie redet. Sie gilt als Urgestein in der amerikanischen Autowirtschaft, baute die GM-Marke Saturn von Anfang an mit auf und sah sie im vergangenen Jahr als Chefin untergehen. Roger Penske holte sie Anfang 2010 in sein Team, um die müden Smart-Verkäufe auf Vordermann zu bringen. Nicht nur innerhalb der amerikanischen Landesgrenzen wurden die Rufe lauter, dass Verkaufsprofi Penske nicht genug unternehme, um Smart nachhaltig in die Köpfe der potenzieller Autokäufer zu bringen. Seit einem halben Jahr trommelt und recherchiert die amerikanische Smart-Führung engagierter denn je. Der Druck aus Stuttgart wird zunehmend größer und nicht nur Jill Lajdziak weiß, dass „nicht einmal zehn verkaufte Smarts pro Monat und Händler einfach zu wenig sind.“
„Wir brauchen weitere Smart-Modelle“

Der Smart-Absatz in den USA ist eingebrochen. Um den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg zu haben, will Smart auch zu neuen Geschäftsmodellen greifen: In Austin Texas wird das aus Ulm bekannte Kurzzeit-Leasing-Modell Car2Go seit November 2009 mit 200 Smarts Fortwo erprobt
Doch die Trauben hängen hoch und die Situation hat sich in den letzten Monaten kaum gebessert. Öko-Autos liegen gerade in Saubermann-Staaten wie Kalifornien voll im Trend. Doch die Marke Smart profitiert davon einfach nicht. Die Kraftstoffpreise liegen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aktuell zumeist bei rund drei Dollar pro Gallone (3,8 Liter). Das Thema Kraftstoffersparnis steht daher bei den meisten Amerikanern hinten an. Neue Werbekampagnen und eine Erhöhung des mehr als dürftigen Marketingbudgets sollen dafür sorgen, dass Smart in den USA wieder auf die Beine kommt. Selbst 20 000 Fahrzeuge pro Jahr dürften mittelfristig jedoch deutlich zu wenig sein. Damit das Projekt läuft, kalkuliert die Daimler-Führung intern mit mindestens 30 000 Fahrzeugen. „Natürlich sind wir über die groß angelegte Kooperation mit Renault-Nissan sehr froh“, sagt Jill Lajdziak, „wir brauchen hier in den USA weitere Smart-Modelle; insbesondere solche mit mehr als zwei Sitzplätzen. Dann können wir völlig andere Kundengruppen ansprechen.“
Doch die nächsten dreieinhalb Jahre werden für alle Beteiligten nicht leicht. In diesem Sommer folgt eine dezente Modellpflege des Smart Fortwo. Die ist jedoch dünn, so dass die Kunden weder in Europa noch in den USA in die smarten Verkaufsräume stürzen dürften. Besonders außen tut sich beim aufgefrischten Smart nicht viel. Im Innenraum wird der Fortwo ein gutes Stück schmucker. Doch das allzeit ‚nickende Getriebe‘ bleibt erhalten.
In Europa gehört der Smart Fortwo längst zum alltäglichen Straßenbild. In den Großstädten wird längs und quer geparkt. Der Smart ist für viele gerade als Gebrauchtwagen zu einem netten Cityflitzer geworden. Allerdings gelingt es dem Smart ebenso wenig wie BMW mit dem Mini oder Fiat mit seinem 500er, männliche Kunden anzulocken.
Größere Schritte in Richtung Absatzsteigerung dürfte es frühestens Ende 2013 geben, wenn die neuen Modelle Fortwo und Forfour präsentiert werden. Ein wenig Rückenwind soll eine erste Flotte von 250 Elektro-Smarts bringen, die ab Sommer in die USA geliefert werden. Jüngst wurde in Hawaii Smart-Standort Nummer 78 eröffnet. Damit ist die Automarke, die 1998 in Europa startete, in den relevanten Regionen der großen US-Städte vertreten.
Nächster Smart auch als Viertürer

Die Elektro-Auto-Studie Zoe zeigt, wie sich die Franzosen die Zukunft im Kleinstwagen-Segment vorstellen: vier Plätze, Schiebetür und einen E-Motor mit 73 PS
Nachdem die größten Probleme durch die französisch-japanisch-deutsche Kooperation nunmehr ausgeräumt sind, laufen die konkreten Arbeiten für die neue Smart-Generation des Jahres 2013/2014 auf vollen Touren. Im Schwabenland liegen bereits seit langer Zeit die Designskizzen für den neuen Fortwo in der Schublade. „Fest steht, dass der Smart zukünftig nur als Familie existieren kann“, unterstreicht Dr. Joachim Schmidt, bei Mercedes verantwortlich für Vertrieb und Marketing. So ist die Konzeption einer viertürigen Version die logische Folge. Die soll anders als der erste Smart Forfour, den Mitsubishi entwickelte, jedoch mehr sein als ein langweiliger Kleinwagen von der Stange. Tridion-Sicherheitszelle und Heckmotor sind für die neuen Versionen von Fortwo und Forfour gesetzt. Und auch die seinerzeit gestrichenen Pläne für einen Smart-SUV kommen wieder auf den Tisch.
Der Smart Fortwo III wird gewohnt kurz bleiben. Daher bleibt es auch beim Heckmotor. „Anders kann man ein 2,70 Meter-Auto gar nicht hinbekommen“, erklärt Schmidt. Damit der kleinste Mercedes nicht in die Gefahr kommt, als Renault mit einem aufgesetzten Stern wahrgenommen zu werden, werden sich die neuen Smart-Generationen deutlich von den vergleichbaren Renault- und Nissan-Modellen unterscheiden. Doch Grundkonstrukt und Heckmotor sind auch bei den Franzosen gesetzt. So kommt Mercedes aus der ebenso kostenintensiven wie misslichen Lage, alle wichtigen Komponenten speziell nur für den Smart entwickeln zu müssen.
Wenn Daimler und Renault-Nissan in drei bis vier Jahren gemeinsam Kleinwagenversionen auf den Markt bringen, lassen sich endlich auch die Stückzahlen rechnen: Im Gespräch sind mittelfristig 300 000 bis 400 000 Kleinstfahrzeuge pro Jahr. Bisher dümpelte man bei Smart mit maximal 100 000 Fahrzeugen herum, für die das neue Invest nicht lohnen würde. Bei der Produktion der Fahrzeuge selbst werden Mercedes und Renault jedoch getrennte Wege gehen. Smart Fortwo und Forfour werden aus dem bekannten Werk in Hambach kommen. Renault-Nissan will eigene Werke nutzen.
Motoren kommen von Renault
Anders sieht das bei den Triebwerken aus. Hier scheint bereits festzustehen, dass die Motoren ausschließlich bei Renault vom Band laufen. Bis zuletzt hatte BMW kräftig um Mercedes-Benz geworben. Doch die Bayern patzten in ihrer Lieblingsdisziplin, dem Motorenbau, und konnten die Schwaben nicht für die Entwicklung von kleinen Triebwerken gewinnen. Mercedes waren die präsentierten Dreizylinder mit Turboaufladung, variabler Ventilsteuerung und insbesondere wegen des Hubraums von knapp 1,5 Litern zu groß. Bei Smart ist man kleiner unterwegs: Knapp 1,0 bis 1,2 Liter sind geplant. Die Entwicklung eines Dreizylinders allein erschien den Mercedes-Verantwortlichen zu aufwendig. Wenn schon neue Motoren, dann soll das Grundkonstrukt sowohl mit drei als auch mit vier Brennkammern möglich sein.
„Solche Motoren könnten dann auch in die nächste Generation A- und B-Klasse Einzug halten“, erklärt Mercedes-Mann Schmidt. Die kommen 2011. Sie stehen auf der neuen MFA-Plattform und erhalten zum Start neue Mercedes-Triebwerke. Doch eine Auffrischung der Palette mit kleinen, aufgeladenen Triebwerken aus der Mercedes-Renault-Kooperation scheint im Laufe des Modellzyklus wahrscheinlich. Groß ist die Angst, dass der Kleinwagen-Hype an Daimler vorbeizieht, während Konzerne wie VW, Fiat oder Toyota womöglich Treffer landen. Netter Nebeneffekt: Der kleine Dreizylinder, der zusammen mit Renault-Nissan entwickelt wird, könnte zudem als Range-Extender in verschiedenen Mercedes-Modellen eingesetzt werden.
Auch Infiniti profitiert
Nicht ganz unwichtig war bei Mercedes bei der Auswahl des zukünftigen Partners, dass die neuen Modelle auch elektrifiziert werden. Renault setzt seit rund einem Jahr auf das Thema Elektroantrieb. Fest steht, dass die neuen Smart-Modelle dem Vorbild des Fortwo ed folgend sämtlichst auch eine Elektroversion bekommen. Freuen kann sich auch der schicke Nissan-Ableger Infiniti. Er soll zukünftig Triebwerke aus dem Hause Mercedes-Benz bekommen. Das sorgt für eine bessere Auslastung der Daimler-Motorenwerke und bringt Infiniti konkurrenzfähige Technik, die man nicht selbst erfinden muss.
Stefan Grundhoff





