AUTOMOBIL FORUM Graz: Nordafrika vs. Osteuropa

27.10.2010, 15:30 Uhr

Die Vor- und Nachteile der beiden Regionen Nordafrika und Osteuropa für einen Automobilzulieferer als Produktionsstandort zeigte Leoni-Vorstand Uwe H. Lamann den Teilnehmern des laufenden Grazer Forums. Die ‘Karawane’ der Kabelfertigung wird sich aber aus Sicht der Nürnberger vornehmlich aus Kosten- und Stabilitätsgründen tendenziell mittelfristig mehr und mehr nach Nordafrika verlagern.

Leoni-Vorstand Uwe. H. Lamann

“70 Prozent unseres Umsatzes geht in die Automobilbranche”, so der Leoni-Vorstand Lamann. 36 Produktionsstandorte in 19 Ländern unterhalten die Nürnberger, der weltweit tätige System- und Entwicklungslieferant für Draht, Kabel und Bordnetz-Systeme.

Bis zu 3.000 Meter Kabel sind heutzutage im Auto verlegt, JiT (Just-in-Time) und JiS (Just-in-Sequence)-Lieferung an die OEM-Montagebänder gehören zum Standard, erläutert Lamann das Leoni-Geschäft. Der Produktionsprozess ist sehr personal- logisitk- und flächenintensiv – mehr als ein zentraler Grund für Verlagerung der Fertigung ins Ausland.

In den vergangen zehn Jahren hat Leoni rund 30 neue Standorte eröffnet und zum Teil auch schon wieder geschlossen. Standortentscheidungen gehören damit quasi zum Tagesgeschäft der Nürnberger.

Für eine Standortentscheidung werden bei Leoni eine Vielzahl Faktoren, genau 42 Hauptkriterien, herangezogen: Dazu gehören beispeilsweise die Bereiche Lohnkosten, Arbeitsmarkt, Logistik, Infrastruktur, Steuern und Incentives.

Eigentlich müsste derzeit rein aus Lohn- und Inflationserwägungen bei einem Kabelhersteller die Standort-Entscheidung sofort für Länder wie Ägypten, Marokko oder Tunesien fallen, so Lamann. Dem gegenüber steht der in Nordafrika im Vergleich zu Osteuropa höhere Logistikaufwand bei gleichzeitig immer kürzer werdenden Lieferzielzeiten. Manchmal gebe es aktuell kundenseitig nur noch drei Tage Vorlaufzeit bei einem kompletten Bordnetz, so Lamann.Und dafür sei mitunter die Logistik aus Nordafrika noch zu unsicher (lange Transportwege/Seewege) – Ausnahme ist da aber Marokko mit dem relativ kurzen Seeweg über Gibraltar, um die europäischen OEM-Werke zu erreichen.

Täglich sind 60 bis 80 Lkw für Leoni in Europa und Nordafrika unterwegs und bewegen Vorprodukte zu den Fertigungsstandorten und die fertigen Kabelbäume zu den Kunden zurück. In dieser Hinsicht sind Rumänien, die Ukraine sowie Marokko momentan die besten Plätze für einen Kabelbaumstandort aus Leoni-Sicht.

Aber auch in Tunesien beschäftigt Leoni mittlerweile rund 11.000 Mitarbeiter, seit 1977 ist das Unternehmen vor Ort und genießt die Vorzüge der guten Arbeitnehmerqualifikation, des niedrigen Lohnniveaus. In der Ukraine sind die Lohnniveaus zwar auch attraktiv, allerdings sind die politischen Rahmenbedingungen doch in der Vergangenheit dort sehr instabil gewesen, so Lamann. In den vormals staatswirtschaft gelenkten Ländern fehle es ihm oftmals an Unternehmergeist. Deshalb musste Leoni etwa die Bustransporte der Werksangehörigen selbst initiieren. Leoni gehöre damit selbst zu einem der größeren Busgesellschaften im Lande.

Es gibt also kein Land in beiden Regionen Nordafrikas und Osteuropa, in dem sich aus Leoni-Sicht alle Faktoren positiv verhalten.

Deshalb will der Kabelbaumspezialist die beiden Standortregionen nun stärker vernetzen, um die jeweiligen lokalen Vorteile maximal nutzen zu können: Das heißt zum Beispiel, dass künftig die Vorkonfektionierung der Bordnetze verstärkt, weil lohnkostengünstiger, in Nordafrika erfolgen wird, und diese vorgefertigten Produkte dann etwa nach Rumänien geschickt werden, wo dann erst nach Lieferabruf durch die Kunden die Endkonfektionierung und die JiT-/JiS-Logistik der Bordnetzsysteme abgewickelt werden. Die Systeme gehören übrigens zu den ersten Bauteilen, die nach der Lackierung der Fahrzeugkarosserie montiert werden.

Spezifisch Leoni will in Osteuropa die Zahl der Beschäftigten voraussichtlich von aktuell 15.000 auf 11.000 Mitarbeiter bis ins Jahr 2015 reduzieren. Zeitgleich sollen die Mitarbeiterzahlen von Leoni an den nordafrikanischen Standorten, insbesondere Tunesien und Marokko, aufgestockt werden – um plus 27 Prozent von 22.000 Beschäftigten heute auf dann 28.000 Mitarbeiter bis 2015.

Lamann machte zum Abschluss deutlich, dass es keine Patentlösung bei der Standortwahl geben kann, allerdings heißt das in der Bordnetzfertigung, dass es nicht unbedingt immer automatisch nur nach Osten gehen muss – es kann durchaus auch Nordafrika sein.

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Andreas Gottwald

 

 

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