Exklusivinterview: Wir brauchen einen Masterplan Elektromobilität
Nicht nur Continental erhofft sich vom Thema Elektromobilität gute Geschäfte in den kommenden Jahren. Allerdings müssen effizientere Treiber her, sonst wird Deutschland im globalen Vergleich nicht Schritt halten, prognostiziert Dr. Elmar Degenhart, Vorstandsvorsitzender der Continental AG.

Dr. Elmar Degenhart, Vorstandsvorsitzender der Continental AG
Dr. Elmar Degenhart: Zunächst haben wir unsere Kompetenzbasis für neue Technologien nicht ausschließlich, aber mehrheitlich in Deutschland. Und dazu greifen wir auf den Vermögenswert zurück, den wir in Deutschland schlechthin haben, wenn es um Technologie geht – das sind unsere Ingenieure und deren Ausbildung. Wir entwickeln in Deutschland Komponenten und Systeme für E-Mobilität an den Standorten Berlin, Nürnberg und Regensburg In Nürnberg , Karben und Gifhorn fertigen wir Komponenten, unter anderem befindet sich hier die Produktion für die Lithium Ionen-Batterie und die Leistungselektronik.
Wir gehen im kommenden Jahr bei einem europäischen Hersteller mit einem kompletten Elektroantrieb in Serie. Leistungselektronik, Motorsteuerung sowie Elektromotor inklusive Übersetzungsgetriebe kommen hier von Continental zum Einsatz. Für die Produktion des Elektromotors haben wir den Standort Gifhorn ausgewählt, weil der über die Kompetenz verfügt, mechanische Systeme mit einer sehr hohen Qualität in Serie zu bringen. In Deutschland beschäftigen wir weit über 1000 Mitarbeiter in der Entwicklung von Bauteilen und Systemen der E-Mobilität. Hinzu kommen noch viele hundert Mitarbeiter in Produktion, Einkauf & Logistik und andere. Darüber hinaus nutzen wir im Ausland bereits signifikante Ressourcen im Bereich Entwicklung und Produktion für die E-Mobilität. Unser Engagement außerhalb Deutschlands werden wir in den nächsten Monaten deutlich intensivieren. Ganz konkret werden wir das in China tun. Dort werden wir unsere Entwicklungs- und Fertigungsressourcen in der nahen Zukunft deutlich erweitern.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Schaeffler Gruppe eröffnet in China zwei neue Standorte. Sind Sie da als Continental mit eingeplant?
Dr. Elmar Degenhart: Nein, wir agieren standortseitig getrennt. Die Continental hat in China fast 12.000 Mitarbeiter an verschiedensten Standorten. Naturgemäß lokalisiert man zunächst die Forschung und Entwicklung an einem Standort, bevor man in die Produktion vor Ort geht.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Für welche Region in China würden Sie sich entscheiden?
Dr. Elmar Degenhart: Das hängt zum großen Teil davon ab, ob wir in China eine Kooperation mit einem chinesischen Partner eingehen oder nicht.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Autobauer oder Zulieferer?
Dr. Elmar Degenhart: Es macht eher eine Kooperation mit einem Zulieferer Sinn. Bei einer Kooperation mit einem Kunden besteht das große Risiko, dass über kurz oder lang Interessenskonflikte entstehen.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Würde das dann bedeuten, dass Sie künftig doch Batterien produzieren möchten?
Dr. Elmar Degenhart: Wir produzieren ja Batterien am Standort Nürnberg, allerdings keine Batteriezellen. Die Batteriezellen kaufen wir derzeit zu.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Beabsichtigen Sie in China das gesamte Package – also mit Zellen – anzubieten?
Dr. Elmar Degenhart: Dass wir in die Entwicklung und Produktion von Batteriezellen einsteigen, ist sehr unwahrscheinlich. Warum? Das ist Elektrochemie und somit nicht unsere Kernkompetenz.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben jetzt einen Aufsichtsratsvorsitzenden, den Linde-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Reitzle, der ja “in Chemie macht”. Hat das diese Frage nicht verändert?
Dr. Elmar Degenhart: Elektrochemie ist noch mal zu unterscheiden von Wasserstofftechnologie. Wenn es um Brennstoffzellen-Technologie geht – dort sind wir in der Entwicklung mit dabei. Wir haben dieses Jahr beispielsweise in Amerika eine komplette Antriebsstrangeinheit inklusive Leistungselektronik, Motorsteuerung und Elektromotor in einer Kleinstserie in den Markt gebracht.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Für welches Unternehmen oder welches Fahrzeug?
Dr. Elmar Degenhart: Den Kunden darf ich Ihnen hier leider aus Wettbewerbsgründen nicht nennen.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Zurück zur Elektromobilität. Sie erwarten sich vom E-Trend künftig eine sehr positive Geschäftsentwicklung. Ist das nicht zu viel der Euphorie?
Dr. Elmar Degenhart: Das ist eher die Frage, wie lange es dauert. An der positiven Entwicklung grundsätzlich habe ich keinen Zweifel.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie fordern einen Masterplan für Deutschland. Die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) ist doch so eine Art Masterplan für Deutschland. Sehen Sie das anders?
Dr. Elmar Degenhart: Die existierende Plattform ist eine gute Basis, um einen Masterplan zu entwickeln. Ich sage nicht, dass wir noch etwas anderes brauchen, aber so, wie die nationale Plattform momentan aufgesetzt ist und wie sie betrieben wird, spielen zu viele singuläre Interessen eine Rolle. Insbesondere, weil eine branchenübergreifende Vernetzung bewerkstelligt werden muss. Bei Elektromobilität muss die Energiewirtschaft mit der Automobilindustrie, mit der IT-Industrie und mit der Politik vernetzt werden. Deshalb sind interdisziplinäre Verknüpfungen notwendig. Spätestens dann dürfen einzelne Interessen keine dominierende Rolle mehr spielen.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Was genau fordern Sie?
Dr. Elmar Degenhart: Die Industrie ist ganz besonders gefordert, mehr Offenheit zu praktizieren und Einzelinteressen zurück zu stellen. Und damit tun wir uns in Deutschland sehr schwer. Das werden die Chinesen und die Koreaner anders machen.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Also fordern Sie nicht von der Regierung ein, via Basta-Mentalität auf den Tisch zu hauen, um das durchzuboxen. Sondern Sie appellieren an Ihre Industriekollegen?
Dr. Elmar Degenhart: Absolut. Das ist nicht Aufgabe der Politik, das ist vor allem eine Aufgabe der Industrie. Politik kann dabei unterstützen und Brücken bauen.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Halten Sie das für realistisch?
Dr. Elmar Degenhart: Wenn wir das nicht schaffen, dann werden wir gegenüber anderen Ländern einen großen Nachteil haben.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Einige Kollegen von Ihnen kritisieren längst die NPE-Initiative. Alles sei recht zäh und würde zu lange dauern. Dann sind noch drei Ministerien im Spiel. Wie weit wird das Thema gedeihen, wenn im Mai 2011 wieder an die Kanzlerin berichtet wird?
Dr. Elmar Degenhart: Die Industrie macht das ja nicht für die Politik, sondern für sich selbst. Und wenn es die Verantwortlichen in den großen, aber auch mittleren und kleinen Unternehmungen nicht schaffen, sich zusammen zu setzen und offen miteinander umzugehen – auch zu akzeptieren, dass nicht jeder alles machen kann – dann werden wir international nicht den Erfolg haben, den wir haben könnten und müssen.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Wäre denn nicht so eine Art “Kernteam” erfolgsversprechend? Wolfgang Schäuble forderte 1994 mal ein „Kerneuropa“. Wäre so etwas nicht eine gute Idee?
Dr. Elmar Degenhart: Ja, so geht man normalerweise vor, wenn man eine große Aufgabe zu bewältigen hat.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie viele Mitglieder würden Sie zu so einem Kernteam zählen?
Dr. Elmar Degenhart: Ein Kernteam mit 30 Mitgliedern – das wird nicht funktionieren. Eine solche Gruppe darf maximal 10 oder 12 Mitglieder haben, die auch von denen akzeptiert werden, die da nicht dabei sein können. Wir dürfen darüber hinaus insbesondere die kleinen Mittelständler, die ja in Deutschland unheimlich innovativ sind, nicht ausschließen von einem solchen Prozess.
AUTOMOBIL PRODUKTION: An wen denken Sie da konkret?
Dr. Elmar Degenhart: Gerade habe ich ein kleines Unternehmen kennen gelernt, das vor kurzem eine Rekordfahrt hingelegt hat. Wir haben sehr viele tolle Unternehmungen in Deutschland – in diesem Fall sind es weit weniger als 100 hochmotivierte Fachleute und Nachwuchskräfte, die allesamt frische Ideen haben.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Sprechen Sie von dem Berliner Unternehmen DBM Energy und seiner Rekordfahrt von München nach Berlin?
Dr. Elmar Degenhart: Genau. Die gehen pragmatisch und schnell an eine Problemstellung heran und setzen sie um, und das viel schneller, als es oft ein großer Konzern tun könnte. Ich finde es gut, dass es solche Strukturen in unserem Land gibt. Wir dürfen sie nicht zerstören, sondern müssen sie vielmehr unterstützen. Aber noch einmal: Die Idee hinter dem Kernteam ist, dass Interessengruppen oder Vertreter zusammen kommen, die das, was sie sich vornehmen, auch wirklich umsetzen wollen. Das ist ja die Kunst: Diese Dinge so zu vernetzen, dass man nicht bloß dabei war, sondern dass man hinterher gemeinsam etwas tut. Daher wird sich die Zahl vermutlich eher verringern, wenn man sozusagen genau jene bündelt, die wirklich jetzt die Zukunft neu gestalten wollen.







