“Der Stern war 40 Jahre lang mein Leitbild!”

21.01.2011, 10:30 Uhr

Der ehemalige Daimler-Vorstand Prof. Jürgen Hubbert über die Umbrüche in der Automobilindustrie, die noch nie größer waren. Und aus welchen Fehlern der Vergangenheit die Stuttgarter ihre Lehren für die Zukunft ziehen sollten – ganz egal, ob es um Technologie, Kooperationen oder Kunden geht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viel Daimler steckt heute noch in Ihrem Alltag?
Ich habe keine direkte Verbindung zur Daimler AG, also keinen Beratervertrag oder etwas ähnliches. Ich tausche mich aber regelmäßig mit meinen Ex-Kollegen aus. Ich schaue mir an, was in den Werken passiert, bei den Fahrzeugen und spreche mit den Verantwortlichen. Insofern prägt Daimler nach wie vor mein Leben, auch wenn andere Aktivitäten im Moment mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Der Stern war 40 Jahre lang mein Leitbild

Prof. Jürgen Hubbert. - Foto: Mayer

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie viel Mercedes steckt im Alltag?
Für mich ist das synonym – Mercedes und Daimler. Ich trage jeden Tag den Stern am Revers, weil er für mich 40 Jahre lang das Leitbild war, dem ich versucht habe, Glanz zu geben und zu folgen. Und insofern ist das für mich nach wie vor identisch. Mercedes ist die Welt, in der ich erfolgreich sein durfte. Dieses Unternehmen war es, das mir das alles ermöglicht hat.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist ein Leben ohne diese Marke für Sie überhaupt vorstellbar?
Nein. Weder in dem, was ich fahre, noch in dem, was ich tue, oder in dem, was ich denke.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Daimler und Mercedes?
Daimler ist das Unternehmen, das die Voraussetzungen schafft, dass große Marken dort kreiert und weiterentwickelt werden können. Eine davon ist Mercedes. Als Gründermarke natürlich die wichtigste im Pkw- und Nutzfahrzeug-Bereich. Im Pkw-Bereich haben wir Smart entwickelt und den Maybach wiederbelebt. So steht Daimler für mich im weitesten Sinne für die Kompetenz im Automobilbau und Mercedes ist der Markenbotschafter, der seine Neuheiten gegenüber den Kunden platziert und dort auch verifiziert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was wird in Zukunft wichtiger werden: Daimler als Konzern oder Mercedes als Marke?
Ich weiß nicht, ob man hier differenzieren kann und darf. Was ich allerdings sicher glaube, ist, dass Marken an Bedeutung gewinnen, da Produkte sich immer ähnlicher werden. Differenzierung wird künftig über zwei Dinge erfolgen: über die Marke und ihre Werte und über die Betreuungsqualität.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es ein bestimmtes Vorbild?
Nein, ich glaube nicht, dass man für Mercedes ein Vorbild findet. Für die Kraft einer Marke kann man allerdings ein Beispiel finden – das ist derzeit Red Bull. Mit einem relativ einfachen Produkt kreiert man über sensationelles Marketing einen Welterfolg. Das funktioniert offensichtlich und zeigt, dass man eine Marke so aufladen kann, dass sie wirklich bei einem Großteil der Kunden überzeugend wirkt und zum Kauf verführt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Davon sollte sich Mercedes etwas abschauen?
Mercedes muss sich immer wieder erinnern – jeden Tag – wie wichtig die Marke ist. Und muss alles vermeiden, was die Gefahr beinhaltet die Marke zu beschädigen.

Der Stern war 40 Jahre lang mein Leitbild

Ehrung für Prof. Jürgen Hubbert. - Foto: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was sind denn Faktoren, welche die Marke verbessern könnten?
Während meiner aktiven Zeit gab es eine unglaublichintensive Diskussion über die Frage des Stretchings der Marke: Was kann man dieser Marke zumuten? Und als die A-Klasse auf den Markt kam, gab es viele kritische Stimmen, die sagten, das sei zu viel. Da das Auto aber ein völlig ungewöhnliches Auto war, eines, das man mit den Werten von Mercedes in Verbindung bringen konnte, hat sich dann sehr schnell rausgestellt: das ist ein ganz integraler Bestandteil.

Und heute zweifelt niemand mehr an der Sinnhaftigkeit, die A-Klasse zu integrieren. Wir waren uns aber auch klar: Smart geht nicht und Maybach geht nicht. Von daher ist Stretching ein Faktor. Der zweite ist, wenn man die Werte, die die Kunden hinter der Marke finden wollen und suchen – und die ja in dem Slogan „Das beste oder nichts“ beinhaltet sind – selbst beschädigt oder in Gefahr bringt. Das ist zu einer Zeit geschehen, als das Auto nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses des Konzerns stand. Und ich bin froh und glücklich, dass heute wieder genau diese Werte im Vordergrund stehen.

 

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