Trends 2011 – Boysen: Zurück auf Wachstumskurs

24.01.2011, 6:30 Uhr

Rolf Geisel, Geschäftsführer des Abgastechnik-Spezialisten Boysen, rechnet für 2011 mit einem weiteren Umsatzwachstum in der Größenordnung von 15 Prozent auf dann 850 Millionen Euro.

Im Gespräch mit AUTOMOBIL PRODUKTION nimmt er Stellung zu Erwartungen, Herausforderungen, Strategien und Visionen im Rahmen der Trends-2011-Umfrage. 2010 funktionierten Produktion und Lieferkette der Altensteiger trotz stark schwankenden Bestellmengen der Kunden praktisch störungsfrei. Persönlich wettet er, dass frühestens in 40 Jahren genauso viel Fahrzeuge mit rein elektrischem Antrieb wie mit klassischem Verbrennungsmotor gefertigt werden.

"Der Trend zum Downsizing drückt auf unsere Umsätze", gesteht Boysen-Chef Rolf Geisel, ist aber für 2011 optimistisch. - Bild: Boysen

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Geisel, Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, mit Blick in Ihre Auftragsbücher, wie positiv ging 2010 zu Ende, wie wird 2011 für Boysen?
Für Boysen war 2010 – praktisch in jeder Hinsicht – ein gutes Jahr. Wir sind sehr zügig aus der Krise gekommen. Wir erwarten für das am 31. Dezember zu Ende gehende Geschäftsjahr einen Umsatzzuwachs von rund 15 Prozent auf etwa 740 Millionen Euro. 2009 hatten wir noch einen leichten Umsatzrückgang von 1,7 Prozent auf 634 Millionen Euro verzeichnen müssen. Mit anderen Worten: Beim Umsatz liegen wir 2010 voraussichtlich 13 Prozent über dem Wert von 2008.

Auch mit unserem Ergebnis können wir in diesem Jahr zufrieden sein. Wir hatten ja das Glück, sogar im Krisenjahr 2009 schwarze Zahlen zu schreiben. Zwar nennen wir in Bezug auf unseren Gewinn traditionell keine Zahlen. Aber gehen Sie davon aus, dass 2010 in unseren Augen kein gutes Jahr gewesen wäre, wenn sich nicht auch unsere Rendite positiv entwickelt hätte.

Abgerundet wird unsere erfreuliche, zum jetzigen Zeitpunkt aber immer noch vorläufige Bilanz des Jahres 2010 durch unsere hervorragende Lieferfähigkeit. Mit Lieferengpässen, wie sie von manchem Fahrzeughersteller teilweise sogar über die Medien beklagt wurden, hatten wir rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil: So reibungslos wie im zu Ende gehenden Jahr haben wir die stark schwankenden Bestellmengen unserer Kunden in der Vergangenheit noch nie abarbeiten können. Produktion und Lieferkette funktionierten praktisch störungsfrei: Unsere Investitionen haben sich gelohnt; unser Produktionsverbund mit optimierten Schnittstellen funktioniert sehr gut.

Aus heutiger Sicht haben wir allen Grund, auch für das kommende Jahr optimistisch zu sein. Wir rechnen für 2011 mit einem weiteren Umsatzwachstum in der Größenordnung von 15 Prozent auf dann 850 Millionen Euro. Besonders erfreulich daran ist, dass dieses Wachstum nicht nur aus dem Ausland kommen wird, wie wir noch bis vor kurzem annehmen mussten, sondern zu gut einem Viertel auch aus dem Inland. Darüber hinaus erwarten wir bei der Zahl der Beschäftigten in der Boysen-Gruppe einen weiteren Anstieg um rund 80 auf insgesamt 1.900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?
Den Vorhersagen von Prof. Sinn will ich gerne Glauben schenken. Aber im Ernst: Für einen Automobilzulieferer und Abgastechnik-Spezialisten wie Boysen sind sieben Jahre eine sehr lange Zeit. Wenn mir vor sieben Jahren jemand gesagt hätte, dass wir Ende 2010 mit fast 1900 Mitarbeitern an zehn Standorten auf drei Kontinenten einen Umsatz von 740 Millionen Euro machen würden, dann wäre ich damals auch skeptisch gewesen. Natürlich haben wir ein Ziel fest vor Augen, wo wir in fünf bis zehn Jahren stehen wollen.

Aber ob wir es erreichen, verfehlen oder gar übertreffen, kann heute kein Mensch sagen. Dazu ist das Ganze viel zu komplex und die Zahl der Unbekannten in dieser Rechnung viel zu groß. Alles, was über einen Zeitraum von maximal drei Jahren hinausgeht, liegt jenseits unseres Planungshorizonts. Entsprechende Prognosen sind bestenfalls mutig. Als Stiftungsunternehmen und mittelständisch strukturierte Gruppe denken und handeln wir zwar möglichst langfristig und nachhaltig. Gleichzeitig fahren wir immer auf Sicht. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt und daran halten wir gerne fest.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
International, ökonomisch und politisch gibt es eine Vielzahl von Problemen, Risiken und Unwägbarkeiten, mit denen sich Ihre Aufzählung fast bis ins Unendliche fortsetzen ließe. Was uns als Boysen betrifft, ist die Liste der Herausforderungen deutlich überschaubarer. Trotzdem will jede einzelne davon erst einmal bewältigt werden: unser Themenspektrum erstreckt sich in etwa vom Ingenieurs- und Fachkräftemangel, sich verschärfende Preiskämpfe und steigenden Wettbewerbsdruck bis hin zur weiteren Internationalisierung der Boysen Gruppe.

Angesichts der sich nur schwach entwickelnden europäischen Märkte wächst naturgemäß unsere Abhängigkeit von Wachstumsmärkten wie den USA und China, wobei die Mechanismen dieser Märkte grundverschieden sind. Ein wachsendes wirtschaftliches Risiko insbesondere für Zulieferer sehe ich in der durch Plattformen und Baukastenstrategien bedingten Zunahme von Großaufträgen. Bricht ein solches Volumen einmal weg, kann ein mittelständisches Unternehmen leicht ins Schlingern geraten.

 

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