Forum Graz 2011: Chinas OEMs auf dem Weg nach Europa
Über chinesische OEMs und deren Europa-Strategien spricht Dr. Garnet Kasperk. China kommt. Wie und wie schnell, das entscheidet auch das Kooperationsverhalten möglicher Partner in den etablierten Märkten.

Garnet Kasperk: "Gibt es eine 'Gelbe Gefahr' oder eine 'Gelbe Realität'?" - Bild: Heinz A. Pachernegg
Dr. Garnet Kasperk, Direktorin des Center for International Automobile Management an der RWTH Aachen, fragte bewusst provokativ ins Plenum des Grazer Kongresses: “Gibt es eine ‘Gelbe Gefahr’ oder eine ‘Gelbe Realität’?” Und: “Wie sollen wir auf die Entwicklungen in China reagieren?”
Immerhin, seit 2009 ist das Land größter Fahrzeugmarkt der Welt. Zugleich ist der heimische Markt noch sehr jung. Er wird aber auf jeden Fall weiter wachsen und auch ’erwachsen’. Für 2015 rechnet Kasperk beispielsweise mit einem Marktanstieg auf 17,3 Millionen Fahrzeuge.
Maßgeblich wird der weitere Autobesitz durch das Wirtschaftswachstums im Reich der Mitte unterstützt. Fraglich bleibt dabei, wie und ob das Land auch sein Pro-Kopf-Einkommen einigermaßen gleichmäßig verteilen kann. Das ist entscheidend, um wirklich valide Absatzprognosen abgeben zu können.
Kasperk stellt fest: 2010 war China ein Kompakt- und Limousinenmarkt. 90 Prozent der Produktion 2010 wurden von den zwölf größten Hersteller des Landes gestemmt. Die Konzentration der Produktionswerke am Küstenstreifen löse sich zwar etwas auf, das liege vor allem am Anstieg der Einkommen in den Millionenstädten im Landesinnere, wo nun auch zunehmend weitere Werke entstehen, wie sie diagnostiziert.
Umzingelungstaktik auf dem Weg in etablierte Märkte
Die chinesischen Automobil-Exporte, kostenseitig derzeit ein Fahrzeugwert von durchschnittlich 6.500 US-Dollar, liegen aktuell bei rund 560.000 Fahrzeuge jährlich, vornehmlich in Märkte in Asien, Afrika oder – zunehmend – Osteuropa/Russland. Die Strategie des Chinesen orientiert sich dabei durchaus an Kriegsszenarien, an einer Umzingelungstaktik, wie die Direktorin meint: Zunächst bewegten sich die heimischen OEMs in den Entwicklungs- und Schwellenländer, im nächsten Schritt kamen Potenzialmärkte hinzu, zuletzt stehen die Kernmärkte, also USA und Westeuropa, auf der Agenda chinesischer Autoexporteure.
Parallel zu dieser Entwicklung erweitern chinesische OEMs ihr Produktportfolio, und steigen quasi von unten, also zunächst von den Mikro- und Kleinwagen-Segmenten auf zunehmend die größeren und ertragreicheren Medium-, Van-, und SUV-Fahrzeugsegmente auf. Ganz zuletzt stehe dann das Premium-/Luxus-Segment auf der ‘to-Do’-Liste chinesischer OEMs, so Kasperk weiter.
Im Rahmen des zwölften Fünf-Jahresplanes geht es vornehmlich um eine Konsolidierung auf vier große OEMs (SAIC,FAW DFM, Chana). Darüber werden auch die globalen Aufgabenstellungern koordiniert. So investiert China weltweit und sei etwa größter Landkäufer der Welt, vorwiegend in Afrika. Über drei Staatsfonds werden alle großen Auslandsinvestitionen getätigt. Allein an Deutschland gingen zuletzt rund ein Drittel aller Automotive-Investitionen.
Von Lernprozessen und Tauschmethoden
Übergeordnetes und politisch gesteuertes Ziel der chinesischen Regierung sei es, so die Direktorin des Center for International Automobile Management an der RWTH Aachen, Zusammenarbeiten mit westlichen Unternehmen zu etablieren und zu forcieren. Dabei ist auch ein erratisches Vorgehen Teil der Strategie, denn aufgrund der schieren Masse an menschlichen und materiellen Ressourcen kann das Land auch zeitweiliges Scheitern verkraften und durchlebt dadurch ein intensiven Lernprozess. Zu diesem Erfahrungsprozess des Ausprobierens ermutige die Regierung derzeit die chinesischen Unternehmen massiv. Diese Internationalisierung chinesischer OEMs werde laut Kasperk dabei auf allen verfügbaren Kanälen vorangetrieben. Als Hauptmotiv sieht Kasperk das Macht- und Einflussstreben vonseiten chinesischer Politik.
Kasperk meint: China kommt auf jeden Fall auch wieder nach Europa, und zwar schon bald: Als Zeithorizont erwartet sie den Sprung der Chinesen bereits in zwei bis drei Jahren. Wie und wie schnell, das entscheidet auch das möglichst kluge Kooperationsverhalten von möglichen Partnern in den etablierten Märkten. Kasperk rät dringend von der Offenlegung von Kernkompetenzen, Know-how etc. westlicher Firmen an chinesische Partner ab. Denn chinesische Partner seien vornehmlich am Tausch interessiert, und wenn es nichts zum Tauschen mehr gebe, werde auf jeden Fall eine Übernahme angestrebt.
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Andreas Gottwald





