BMW und Klatten sichern ihre Macht über SGL Carbon

18.11.2011, 14:15 Uhr

Der Premiumautobauer BMW zeigt Zähne und sichert sich 15,6 Prozent an SGL Carbon. Damit wird der Kohlefaserspezialist eindeutig von den Münchnern und seiner Großaktionärin Susanne Klatten dominiert.

BMW Zentrale München

BMW und SGL arbeiten bereits seit Längeren zusammen: Anfang September wurde ein gemeinsames Werk für Karbonfasern in Moses Lake (USA) eingeweiht, nachdem im Frühjahr 2009 ein entsprechendes Joint Venture gegründet worden war. - Bild: BMW

Rund ein Dreivierteljahr nach Volkswagen ist nun auch BMW bei SGL Carbon eingestiegen, um den eigenen Zugang zur Leichtbauexpertise des Karbonspezialisten abzusichern. “Das Thema Leichtbau spielt in der Automobilindustrie zukünftig eine immer größere Rolle”, begründete Finanzchef Friedrich Eichiner die Entscheidung.

Da auch SGL-Aktionär Volkswagen Interesse an einer Aufstockung nachgesagt wird, flammen die Übernahmespekulationen um den MDax-Konzern wieder auf und beflügeln am Freitag die Aktie.

Friedrich Eichiner

Friedrich Eichiner: "Die Beteiligung an der SGL Group ist ein konsequenter Schritt, um die bisherige erfolgreiche Zusammenarbeit zu untermauern." - Bild: BMW Group

BMW und Skion werfen Anteile nicht in einen Topf

Und tatsächlich könnte mit dem Einstieg BMWs eine Übernahmeofferte für die Hessen fällig werden, da BMW-Großaktionärin Susanne Klatten über ihr Beteiligungsvehikel Skion bereits 29 Prozent an SGL hält. Werden Klattens Anteile mit den nun erworbenen von BMW in einen Topf geworfen (“Acting in Concert”), kämen beide Parteien über die maßgebliche 30 Prozent-Marke und müssten ein Pflichtangebot vorlegen. Die für die Klärung dieser Frage zuständige Bundesanstalt für Finanzdientleistungsaufsicht (BaFin) wollte sich am Morgen zu dem konkreten Fall nicht äußern.

Ein BMW-Sprecher erklärte, die Investments von BMW und Skion seien getrennt voneinander zu sehen. “Ein Acting in Concert findet nicht statt”. Auch ein Skion-Sprecher vertrat diese Position.

Da der Mindestpreis, der dem Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate entspricht, jedoch sowieso unter dem aktuellen Kurs liegen würde, rechnen Marktteilnehmer nicht damit, dass allzu viele SGL-Aktien den Besitzer wechseln würden, sollte tatsächlich ein Angebot unterbreitet werden müssen.

Übernahmefantasien sorgen für Kursauftrieb

Der SGL-Aktie verleiht die Übernahmefantasie trotzdem gehörigen Auftrieb: Am späten Vormittag legt der Kurs um 5,4 Prozent auf 45,50 Euro zu. Der Mindestpreis eines Pflichtangebots würde nach Berechnungen von Dow Jones Newswires etwas unter 40 Euro liegen.

Der BMW-Sprecher sagte, dass man sich in München mit der erworbenen Beteiligung wohlfühle. Für die Zukunft seien “weitere Schritte” aber nicht ausgeschlossen. Was sich BMW den Einstieg kosten ließ, wurde nicht bekannt. Einen Sitz im Aufsichsrat wird “aus heutiger Sicht” nicht angestrebt.

Deftige Niederlage für VW?

Europas größter Autobauer Volkswagen wollte die Vorgänge indes nicht kommentieren. Die Wolfsburger hatten sich Ende Februar völlig überraschend bei SGL Carbon eingekauft und halten mittlerweile knapp zehn Prozent an den Wiesbadenern. Vor einigen Wochen gab es in den Medien Spekulationen, VW könne sogar noch weiter zukaufen. Ein weiterer großer Aktionär von SGL Carbon ist die Voith GmbH, die wiederum eng mit der VW-Tochter Audi zusammenarbeitet.

Für den VW-Patriarchen Ferdinand Piech ist der heutige Tag eine deftige Niederlage. Sowohl er als auch VW-Chef Winterkorn müssen sich fragen lassen, warum sie beim Thema Kohlefaser so lange gewartet haben. Jetzt müssen sich die Wolfsburger beim Schlüsselthema Leichtbau von BMW vorführen lassen.

Gewebefertigung SGL Carbon

Das Thema Leichtbau ist einer der wichtigsten Zukunftsfaktoren für die Automobilbranche. - Bild: SGL Group

Leichtbau als einer der wichtigsten Zukunftsfaktoren

Das Interesse der Automobilindustrie an SGL ist so groß, weil das Thema Leichtbau einer der wichtigsten Zukunftsfaktoren für die Branche ist. Die Wiesbadener fertigen Karbonfasern, die zunehmend häufiger auch in der Autoindustrie eingesetzt werden, da sie nicht nur leicht sondern auch sehr stabil sind.

Hintergrund des verstärkten Einsatzes von leichteren Materialien sind die rigideren Emissionsvorschriften der Zukunft und die Elektromobilität. Mit konsequentem Leichtbau soll einerseits das Gewicht von herkömmlichen Autos reduziert werden, was zu Verbrauchseinsparungen führt, andererseits soll das typische Mehrgewicht von strombetriebenen Autos kompensiert werden.

BMW und SGL arbeiten bereits seit Längeren zusammen: Anfang September wurde ein gemeinsames Werk für Karbonfasern in Moses Lake (USA) eingeweiht, nachdem im Frühjahr 2009 ein entsprechendes Joint Venture gegründet worden war. Die in Moses Lake hergestellten Fasern werden zu Kohlefaserplatten weiterverarbeitet, die wiederum als Karosserieteile in die geplanten Elektroautos i3 und i8 einfließen.

“Die Beteiligung an der SGL Group ist ein konsequenter Schritt, um die bisherige erfolgreiche Zusammenarbeit zu untermauern”, sagte BMW-Finanzvorstand Eichiner am Freitag. Ein SGL-Carbon-Sprecher begrüßte den Einstieg des DAX-Konzerns. “Dadurch die die Wertschätzung der erfolgreichen Zusammenarbeit dokumentiert.”

Auch die BMW-Konkurrenten schlafen nicht im Leichtbau-Bereich: Audi arbeitet mit Voith zusammen, Daimler gründete Anfang 2011 ein Karbonfaser-Joint-Venture mit dem japanischen Entwicklungspartner Toray Industries.

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Dow Jones Newswires/kru

 

 

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