Formel 1 Red Bull

Vorbild Formel 1: Die FIA will eine eigene E-Rennserie an den Start bringen. - Bild: Renault

Die “Formula E” eröffnet insbesondere Zulieferern die Chance, ihre E-Kompetenz unter Beweis zu stellen. Exklusivinterview mit Prof. Dr. Burkhard Göschel, Leiter der ENECC (Electrical New Energy Championship Commission)

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Prof. Göschel, welche Überlegungen stecken hinter der für 2013 geplanten “FIA Formula E”?

Burkhard Göschel: Die Elektromobilität braucht eines: Emotionalität. Rein rationale Elektromobilität wird die Kunden nicht aus den Häusern holen. Deshalb haben wir auch schon festgelegt, in welchem Rahmen sich eine “Formula E” bewegen sollte: Stadt-nah, mit einem anderen Zuschauerkreis als bisher im Motorsport üblich. Sie soll vor allem auch jüngere Generationen ansprechen.

Und deshalb muss es auch ein Motorsport-Event sein, der gepaart ist Dingen, die anders als heute im Motorsport üblich sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Verraten Sie mir ein Beispiel?

Burkhard Göschel: Zum Beispiel so etwas wie einem Snowboard-Event.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also mehr Event-Charakter als richtiger Motorsport?

Burkhard Göschel: Es muss mehr Event-Charakter haben. Und es muss sehr Stadt-nah sein oder teilweise auch in den Innenstädten stattfinden. Das ist auch eine der Fragen, die wir lösen müssen: inwieweit die Sicherheitsbedürfnisse von Rennstrecken in einer Innenstadt dargestellt werden können. Und welcher Aufwand ist da zu leisten?

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und diese Spezifikationen haben Sie als Leiter der FIA-Kommission ENECC, der Electrical and New Energy Championship Commission, schon erarbeitet?

Burkhard Göschel: Wir haben technische Spezifikationen ausgearbeitet. Die müssen vom Ansatz her radikal sein: als Event, von der Fahrleistung her und auch von der Leistungsfähigkeit der Fahrzeuge her. Es soll kein Zuverlässigkeits-Event werden, sondern wir streben Rundenzeiten oberhalb der Formel 3 an.

In der Diskussion ist noch die Frage der Renndauer. Sie wird wegen der Speicherfähigkeit der Batterien wohl zwischen 15 und 20 Minuten liegen. Für einen Durchgang wohlgemerkt. Wir planen aber mit mehreren Durchgängen, also auch mit Zwischenladen der Fahrzeuge.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also so eine Art “K.O.-Verfahren”?

Burkhard Göschel: Ja. Auf die Art und Weise wird die Serie attraktiv werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie weit ist das Konzept in der Umsetzung?

Burkhard Göschel: Wir werden Ende des Jahres ein erstes Demonstrations-Event veranstalten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In welcher Stadt planen Sie das?

Burkhard Göschel: Das ist noch offen. Es wird die ersten Rennen im Laufe des nächsten Jahres geben ? eher gegen Ende 2013. Und man wird ? so ist das Vorhaben ? 2014 in eine richtige Meisterschaft gehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viele Interessenten haben sich bei der FIA schon gemeldet und wollen teilnehmen?

Burkhard Göschel: Wir haben eine Ausschreibung gemacht ? einmal für die Promotion und den Veranstalter. Da gibt es etliche Bewerbungen. Hier stehen wir schon kurz vor dem Entscheidungsprozess.

Und genauso haben wir eine Ausschreibung für die Fahrzeuge gemacht. Das Ausschreibungsverfahren ist gerade ausgelaufen. Und dort haben wir auch eine ganze Reihe von Interessenten, die sich für eine Teilnahme bewerben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sind auch namhafte Hersteller darunter?

Burkhard Göschel: Es sind auch namhafte dabei, speziell was Powertrain anbelangt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Es bewerben sich OEMs und auch Zulieferer?

Burkhard Göschel: Die Bewerbungen sind gemischt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werden Bosch, Continental oder auch Magna, wo Sie ja der CTO sind, die “Formula E” als erweiterte Entwicklungs- und PR-Plattform nutzen?

Burkhard Göschel: Magna wird dies nicht tun. Der eigentliche Wettbewerb findet aber natürlich im Bereich des Powertrain und der Energiespeicherung statt. Dort ist auch das Interesse aus technologischer Sicht sehr hoch, insbesondere das Interesse der Industrie.

Wir haben die Aerodynamik weitgehend frei gestaltet. Wir haben bis heute keine Leistungsbegrenzung drin, sondern nur das Zellengewicht der Batterie und das Fahrzeuggesamtgewicht festgeschrieben. Nicht mehr. Das erlaubt spannende Entwicklungen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stellt die “Formula E” eine ganz besondere Chance für die Zulieferer dar?

Burkhard Göschel: Das, was die Serie offen lässt, ist der Zugang in die Komponenten- und Systemwelt. Nach meiner Einschätzung ist das Chassis des Fahrzeugs eher sekundär. Die Serie könnte sogar funktionieren, wenn man ein Einheits-Chassis vorschreibt.

Denn die technologische Differenzierung erfolgt weniger über das Chassis, als über das Thema Powertrain und elektrische Speicherung. Letzteres ist ein Kernthema der Zulieferer oder vielleicht auch ein Streitpunkt zwischen Zulieferer und OEM außerhalb des sportlichen Wettbewerbs ? nach dem Motto: wer macht was? Kompetenz lässt sich im Rahmen der “Formula E” nur in der Komponenten- und Systemwelt darlegen…

AUTOMOBIL PRODUKTION: … und das sogar global….

Burkhard Göschel: Die Entwicklung der Kerntechnologien findet ja global statt. Deshalb stößt die “Formula E” eben nicht nur auf Interesse in Europa. Auch in diesem Bereich ist es ein neuer Ansatz.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werden wir viele Teams sehen, die sich gleichzeitig in der Formel 1 und der “Formula E” engagieren?

Burkhard Göschel: Ich glaube nicht, dass da eine Verbindung zwischen Formel 1 und “Formula E” gibt. Es wird ein anderer Eventcharakter sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Obwohl Sie in der Formel 1 mit KERS fahren und damit auch schon viel Erfahrung auf dem Gebiet der Energierückgewinnung und -freisetzung gesammelt wurde?

Burkhard Göschel: Die Events werden in aller Regel nicht zusammen stattfinden. Eventuell könnte Monte Carlo eine Ausnahme sein. Ich weiß es aber noch nicht. Aber ansonsten wird das unabhängig voneinander betrieben, weil die Events ja auch an unterschiedliche Zielgruppen adressiert sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber kann ein Team nicht von der Formel 1 etwas von “Formula E” lernen und anders herum?

Burkhard Göschel: Na klar, das geht schon.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also gibt es Unternehmen, die ihre Teilnahme in beiden Serien planen?

Burkhard Göschel: Interessenten gibt?s ? von der Formel 1 aber weniger.

Burkhard Göschel breit

Burkhard Göschel: Wettbewerb fördert die Innovation. Ob das jetzt im industriellen Wettbewerb ist oder im Motorsport. - Bild: Christian Jungwirth

AUTOMOBIL PRODUKTION: Beim Langstreckenklassiker in Le Mans starten 2012 Toyota und Audi mit Hybrid-Rennwagen…

Burkhard Göschel: Aber sagen wir mal so: es interessieren sich Hersteller, die sehr stark in dem Thema Hybridisierung oder Elektrofahrzeuge und der Batterietechnologie sind. Da ist Interesse von Seiten der Hersteller da, aber auch von anderen Firmen, die noch nicht so präsent sind. Unter anderem ist dies so, weil wir die Technologie weitgehend offen lassen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sind das reine Automotive-Player oder kommen da auch ganz neue Namen hinzu?

Burkhard Göschel: Es kommen auch neue Player dazu.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aus welchen Bereichen?

Burkhard Göschel: Interessiert sind alle, die etwas mit dem elektrischen Powertrain zu tun haben oder nachhaltiger Energieversorgung. Die “Formula E” ist ja ein Teil der FIA-Strategie Sustainability ? also die Nachhaltigkeit ? in den Motorsport zu bringen. “Formula E” ist da die Speerspitze. Das gilt nicht nur für die Fahrzeuge, sondern auch für den Event.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie namhafte Fahrer verpflichten?

Burkhard Göschel: Da die Serie fahrerisch anspruchsvoll sein wird, haben wir da keine Sorge. Und auch die Belohnung für den Sieger in dieser Weltmeisterschaft wird nicht nur rein finanziell sein, sondern auch den Zugang zu anderen Serien eröffnen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie groß schätzen Sie den Nutzen dieser Serie für die technologische Entwicklung oder für die Begeisterung der E-Mobilität ein?

Burkhard Göschel: Das sind ganz klar zwei Themen. Für den technischen Nutzen ? deshalb haben wir das Reglement so frei ausgelegt ? ist derjenige im Vorteil, der in der Leistungsfähigkeit der Batterie Vorteile hat oder in der Effizienz des Gesamtantriebs. Dort sollen neue Wege eingeschlagen werden.

Heute hängt man beispielsweise bei der Entwicklung von Batterien, wenn sie sehr viel Leistung abgeben müssen. Das kann eine Batterie einfach nicht, denn die chemischen Prozesse lassen nicht mehr zu. Da haben wir das Reglement absichtlich sehr offen gelassen. Um Leistungsthemen einen neuen Kick zu geben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Erwarten Sie viele Innovationen?

Burkhard Göschel: Eigentlich schon. Aber sagen wir es so: Wettbewerb fördert die Innovation. Ob das jetzt im industriellen Wettbewerb ist oder im Motorsport.

Burkhard Göschel

Burkhard Göschel: Was müssen die Helfer machen, wenn das Auto verunfallt ist? Und wie rette ich einen Fahrer aus einem verunfallten Auto? Das haben wir alles komplett neu erarbeitet. - Bild: Christian Jungwirth

AUTOMOBIL PRODUKTION: Erwarten Sie komplett neue Systeme oder eher einzelne Komponenten? Und erwarten Sie diese von globalen Zulieferern?

Burkhard Göschel: Ja, absolut. Oder eben von Herstellern.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werden wir in der “Formula E” auch Player aus China sehen?

Burkhard Göschel: Ich glaube schon. Das Interesse wird wahrscheinlich höher, wenn das Thema sichtbarer wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was veranschlagen Sie für ein Team als “Formula-E”-Budget?

Burkhard Göschel: Deutlich weniger als die Formel 1.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ich würde eher meinen, dass diese Teams mehr Geld benötigen…

Burkhard Göschel: Sponsoren für den Motorsport zu bekommen funktioniert nur noch ? oder fast nur noch ?wenn die modernen Formen des gesellschaftlichen Lebens, wie Nachhaltigkeit, verankert sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also sprich: Sie wollen weg vom Marketing-Gag und hin zur Technologiebörse?

Burkhard Göschel: Vielleicht das. Und auch den Motorsport sehr viel stärker zu positionieren, dass er nachhaltige Technologien unterstützt. Es ist ein Anliegen der FIA.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber ist das mit der Lust am Motorsport, an vielen PS und lautem Motorengeräusch, zu vereinbaren?

Burkhard Göschel: Das wir die Herausforderung: die Emotionalität zu verbinden mit dem rationalen Argument, Energie einzusparen. Das ist ein ähnlicher Widerspruch wie zum Beispiel bei “Efficient Dynamics” von BMW. Das passt nämlich vordergründig nicht richtig zusammen, hochdynamisch und effizient.

Der Reiz liegt in der Lösung des Zielkonflikts. Und genau diesen Zielkonflikt haben wir an der Stelle wieder: Motorsport ist hochdynamisch, ist hochemotional. Aber Sie müssen darüber hinaus den Zielkonflikt lösen, dass Nachhaltigkeit auf spannende Weise damit verknüpft wird. Nur so ist langfristiger Erfolg sicher.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wird das für die Sponsoren wichtig sein, dass die “Formula-E”-Fahrzeuge über die Geräusche Emotionen erzeugen?

Burkhard Göschel: Wir wollen auch das freigeben. Es darf also jeder seinen eigenen Lärm machen. Da müssen wir nur noch überlegen, ob man das akustisch nach der Stärke begrenzt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber rein theoretisch könnten die Teilnehmer auch mit Musik als Motorengeräusch um die Ecken fahren?

Burkhard Göschel: Bis jetzt, ja. Statt Motorenlärm, Turbinengeräuschen oder tiefem Brummen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Sicherheitsvorkehrungen, die in Ihrem Reglement stehen, klingen ein gutes Stück drastischer als bei der Formel 1…

Burkhard Göschel: Wir haben in der ENECC die Sicherheitsthemen und die Sicherheitsvorschriften für die Elektrifizierung des Powertrains völlig neu erarbeitet. Das hat uns fast ein Jahr gekostet, weil die Erfahrung einfach nicht ausreichend vorhanden war.

Das Reglement beschreibt die Sicherheit beim Betrieb des Fahrzeuges, aber auch im Crashverhalten, sowie nach einem Crash. Also: Was müssen die Helfer machen, wenn das Auto verunfallt ist? Und wie rette ich einen Fahrer aus einem verunfallten Auto? Das haben wir alles komplett neu erarbeitet.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie können aus Sicherheitsgründen keine Boxenstopps machen, oder?

Burkhard Göschel: Bei der vorgegebenen Renndauer von 15 bis 20 Minuten ist das nicht erforderlich. Zwischen den einzelnen Rennen wird es sicher einen Zugang zum Fahrzeug geben

AUTOMOBIL PRODUKTION: Brauchen Sie eine Mindestteilnehmerzahl an Batterie- oder Zellherstellern?

Burkhard Göschel: Das haben wir offen gehalten. Wir haben die Anzahl der Autos festgeschrieben. Wir werden mit 24 Autos starten. So ist es geplant.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hat Bernie Ecclestone etwas mit der “Formula E” zu tun?

Burkhard Göschel: Gar nichts.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist er daran interessiert?

Burkhard Göschel: Die Serie ist Bernie-frei und wird es auch bleiben.

Das Interview führte Bettina Mayer