Alexander Wortberg breit

Alexander Wortberg: "Der Ordereingang bei uns in der Produktion läuft ganz lebhaft, das öffentliche Interesse und auch das Interesse der Konkurrenz an unserem Tun ist groß." - Bild: Qoros

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie zufrieden sind Sie mit der Anlaufphase in der Produktion für den Qoros 3. Ich nehme an, Sie erleben gerade eine spannende Zeit?

Alexander Wortberg: In der Tat! Grundsätzlich ist der Anlauf stabil. Unser neues Werk steht. Einstellung und Qualifikation unserer Mitarbeiter laufen sehr gut. Die große Herausforderung besteht darin, ein völlig neues Produkt mit neuem Motor in einem neuen Werk anlaufen zu lassen. Konsequenterweise haben wir vergleichsweise viele Vorserienphasen eingeplant und auch seit dem Frühjahr letzten Jahres gebaut. Seit November 2013 produzieren wir unsere Händler-Erstausstattung und auch Kundenfahrzeuge. Bezueglich Qualität und Volumen sind wir im Plan.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Verkaufsstart war Mitte Dezember. Wie ist denn die Marktaufnahme für den Qoros 3 in China?

Alexander Wortberg: Der Ordereingang bei uns in der Produktion läuft ganz lebhaft, das öffentliche Interesse und auch das Interesse der Konkurrenz an unserem Tun ist groß. Soweit ich das als Produktionsmann beurteilen kann, sind auch meine Kollegen von der Verkaufsseite ganz zufrieden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auf welche Stückzahl ist das Werk in Changshu ausgelegt und wie kann man sich den Hochlauf vorstellen?

Alexander Wortberg: Das Werk ist jetzt auf eine Jahresstückzahl von 150.000 Einheiten im erweiterten 2-Schichtbetrieb ausgelegt. Momentan haben wir 1.500 Mitarbeiter. Bei der Produktion handelt es sich um klassische Kernfertigung. Das heißt: Karosseriebau mit einem Ein-Linien-System, das ist bei den Stückzahlen klar, einer Lackiererei und einer Montagelinie, die flexibel ausgerichtet ist, so dass wir in der Lage sind, verschiedene Modelle gemischt fertigen zu können. Das gilt für alle drei Produktionsbereiche.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das heißt, dass alle drei entwickelten Modelle, die in diesem Jahr an den Markt kommen, respektive mit dem Qoros 3 Sedan schon da sind, auf diesem System gefertigt werden?

Alexander Wortberg: Genau, der Qoros 3 Sedan, der Qoros 3 Hatch, der im Laufe diesen Jahres auf den Markt kommt und der darauf folgende Qoros Qross, werden gemischt in diesen jetzt investierten Strukturen gefertigt werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wenn weitere Modelle hinzu kommen, dann wird einfach eine weitere Produktionslinie im Werk eröffnet?

Alexander Wortberg: Das hängt letztlich vom Volumen ab. Vereinfacht gesagt, ist es aber so. Wir haben ein ? wie ich denke ? sehr hochwertiges Produktangebot, das wir sehr flexibel in den Markt bringen können. Die große Stärke unseres Systems ist, dass wir in der Produktion sehr flexibel auf geänderte Marktanforderungen und insbesondere Mixverschiebungen reagieren können. Erweiterungen gehören zu unserem Portfolio an erweiterten Möglichkeiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hier am Standort in Changshu?

Alexander Wortberg: Ja. Unser Werk hier ist ja völlig neu errichtet. In einigen Bereichen, insbesondere in der Lackiererei, sind Gebäude, Fördertechnik und Anlagenstruktur bereits darauf ausgerichtet, relativ schnell erweitern zu können. In relevanten Bereiche haben wir mit Blick auf die Volumenflexibilität bereits gewisse Strukturen vorgehalten, um nicht wieder ganz von vorne beginnen zu müssen. Und im Karosseriebau und in der Montage haben wir Ausbaufelder definiert, in denen wir dann auch entsprechend erweitern können, um die Kapazität von jetzt 150.000 Einheiten ungefähr zu verdoppeln.

Alexander Wortberg

Alexander Wortberg: "Unser Maßstab bezüglich Qualität und Produktivität wird ganz klar durch die internationalen Wettbewerber gesetzt." - Bild: Qoros

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bis Ende des Jahres lag die Produktion bei 40 bis 50 Fahrzeugen täglich, im Januar haben Sie verdoppelt. Für ein bereits im Markt befindliches Fahrzeug hört sich das nach sehr wenig an. Was ist der Grund für die relativ geringe Stückzahl?

Alexander Wortberg: Sie müssen bedenken, dass die meisten unserer Händler ja erst vor wenigen Wochen neu eröffnet haben, und wir somit derzeit noch nicht die volle Breite unserer Absatzkanäle genießen. Zum anderen hat Qualität für uns in der Anlaufphase wie auch später allerhöchste Priorität. Wir kommen mit einer neuen Marke, begleitet von hohen Erwartungen in den wichtigsten Automarkt der Welt.

Der chinesische Markt ist aber nicht nur groß, er ist auch sehr anspruchsvoll. Für uns geht es darum, dass wir Glaubwürdigkeit für die Marke erzeugen. Das schafft man nur mit überzeugender Qualität. In dieser Situation leiste ich mir den Luxus, bei auftauchenden Problemen konsequent das Band anzuhalten. Bei uns werden keine Fehler multipliziert. Wenn ein Problem auftritt, dann lösen wir das sofort. Glauben Sie mir: Wenn es wirklich hart auf hart geht, sind wir bereit, Volumen für Qualität zu opfern.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mussten Sie das Opfer schon mal bringen?

Alexander Wortberg: Natürlich steht in solch einem Werks- und Fahrzeuglanlauf das Band des öfteren. Doch bislang waren alle Line Stops wieder aufholbar. Was wir bislang erlebt haben, ist ein Mix der erwartbaren Schwierigkeiten, die es bei jedem Modellanlauf gibt, inklusive Nachjustierungen im Prozessablauf und die Behebung kleinerer konstruktiver Mängel.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wenn Sie von Qualität mit Blick auf den chinesischen Markt sprechen. Wo liegt da ihre Messlatte: Bei den großen internationalen Herstellern, die in China am Markt sind oder bei den chinesischen Hersteller?

Alexander Wortberg: Unser Maßstab bezüglich Qualität und Produktivität wird ganz klar durch die internationalen Wettbewerber gesetzt. Den internationalen Joint Ventures in China gelingt es ja, durchaus internationale Qualität anzubieten. Das ist ein Grund für den Erfolg und für die Tragfähigkeit der Marken hier in China. Und dieses Qualitätsniveau ist unser Ziel. Das erreichen wir im Rahmen unserer Anlaufkurve zur Zeit auch. Wir bieten unsere Produkte ja auch in Europa an. Was es sicher nicht gibt, ist ein unterschiedlicher Qualitätsanspruch zwischen unseren Europa- und China-Produkten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es diese Differenzierung überhaupt noch: Hohe Qualität in Europa und weniger hohe in China wenn man auf die Erwartungshaltung der Kunden schaut?

Alexander Wortberg: Nein, das ist vorbei. Internationale Hersteller können es sich nicht leisten, beispielsweise veraltete Technik in China anzubieten. Wer das macht, hat keine Chance. Der chinesische Kunde ist sehr qualitätssensibel, hat einen sehr hohen Anspruch. Er ist unter anderem aus diesem Grund sehr Marken-affin und versteht die Marke als Qualitätsversprechen. Er ist gleichzeitig aber auch wenig an Marken gebunden. Das eröffnet nun Möglichkeiten für uns. Es heißt aber auch, dass wir dieses Versprechen erfüllen müssen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Qualität in der Produktion hat ja immer stark mit der Qualität der Zulieferer zu tun. Greifen Sie auf chinesische Zulieferer zurück oder sind es die internationalen Supplier, die in China vertreten sind?

Alexander Wortberg: Wir greifen auf lokal angesiedelte Zulieferer in China zu. Wir sourcen da aber, gerade was die qualitätsrelevanten Umfänge angeht, sehr stark von lokal angesiedelten internationalen Zulieferern. Um ein paar Namen zu nennen, beispielsweise von Lear, Benteler, ZF, Bosch oder Getrag. Beim Antriebsstrang, Elektronik, den relevanten Interieurumfängen wie zum Beispiel bei den Sitzen, genügt uns das aus der chinesischen Zulieferindutrie verfügbare Qualitätsniveau in vielen Fällen nicht. Solche Umfängen bekommen wir größtenteils aus den selben lokalen Standorten internationaler Zulieferer, die auch die internationalen Joint Ventures in China bedienen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo binden Sie dennoch rein chinesische Zulieferer ein?

Alexander Wortberg: In all jenen Bereichen, in denen das ohne Verlust an kundenrelevanter Qualität möglich ist. Auf rein chinesische Zulieferer zurück zu greifen, ist aus verschiedenen Gründen interessant. Zum einen wegen der unten Umständen geringeren Kosten, zum anderen wegen der größeren Flexibilität. Da haben diese chinesischen Zulieferer teilweise die Nase vorn. Um es vereinfachend zu sagen: chinesische Zulieferer sind für solche Bereiche interessant, in denen kundenrelevante Qualität nicht auf dem Spiel steht, beispielsweise bei Teilumfängen im Bodybereich oder im weniger anspruchsvollen Interieurbereich. Hier greifen wir schon auf rein chinesische Zulieferer zurück und das klappt auch ganz gut.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben große Erfahrung in der Produktion bei BMW gesammelt. Wenn Sie den Vergleich ziehen zwischen der Produktion bei einem Premiumhersteller, und dem, was jetzt Sie jetzt bei Qoros auf die Beine stellen: Wo ist der Unterschied?

Alexander Wortberg: Zunächst einmal: wir sind neu, aber vor allem auch flexibel und agil. Zwar müssen wir alles neu aufsetzen, aber es gibt eben auch keine ererbte und eventuell allzu lieb gewordene Vergangenheit die uns davon abhält die Dinge jetzt und hier richtig zu tun. Was die Technik angeht, so haben wir die einmalige Gelegenheit jetzt auch vollständig und durchgängig in neue Technik zu investieren und diese Technik effizient zum Laufen bringen ? ohne aufwändige Integration in einen bestehenden und unter Umständen belastenden Status Quo. Das erspart uns nicht nur eine Schnittstellenproblematik, sondern wir können auf von vornherein schlanke integrierte Lösung realisieren. Ein Beispiel dafür ist unser Manufacturing Execution System abat+ eines deutschen Softwarehauses, das wir durchgängig zur Steuerung der Fertigung vom Karosseriebau bis Endmontage nutzen.

Der größte Unterschied liegt aber nicht in der Technik, er liegt in der gezielten Personalauswahl. Das ist gleichzeitig Herausforderung und Chance. Wir haben hier die großartige Möglichkeit, junge Leute direkt von lokalen technischen Schulen einzustellen, die wir trainieren müssen, aber die wir auch formen können. Denen wir unsere Ansätze, unsere Ideen einer schlanken Fertigung von vorneherein als selbstverständlich und normal beibringen können. Mit diesen jungen Menschen von vorne beginnen zu können, hat massive Vorteile. Motivation, Einsatzfreude und Lernfaehigkeit machen hier einen großen Teil der durchschnittlich geringeren Erfahrung wett. Ich bin selbst ein wenig erstaunt, wie gut das funktioniert. Da wir in China auch als innovativ und sehr attraktiv wahrgenommen werden, nutzen wir auch die Möglichkeit, gezielt gute Leute von anderen OEMs für uns begeistern zu können. In der Produktion haben wir heute eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Mitarbeitern, und da sind viele richtig gute Leute dabei. Etwa ein Drittel unserer Lohnempfänger und die Mehrzahl unserer Werks-Ingenieure haben einschlägige Automobil-Erfahrung. Kritische Funktionen sind durchgehend mit erfahrenem Personal besetzt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ein neues Werk, eine neue Marke, keine Altlasten. Ist das für einen Produktionschef wie Sie eine Traumkonstellation.

Alexander Wortberg: Im Prinzip ja. Es ist aber auch eine Konstellation, die sehr viele Herausforderungen birgt. Das darf man nicht vergessen. Man muss alles gleichzeitig aufbauen. Kein OEM würde das freiwillig tun. Ein neues Werk, neue Produktlinie mit neuem Antrieb auf einer grundsätzlich neuen Produktstruktur mit neuem Personal in einer neuen Firma. Das hat nach meiner Kenntnis in der jüngeren Vergangenheit auch niemand tun müssen, jedenfalls nicht in der kurzen uns zur Verfügung stehenden Zeit. Das tun zu müssen hat aber verschiedene Vorteile: Zum einen sind wir zum Erfolg verdammt, sitzen tatsächlich in einem Boot. Meine Kollegen, die Unternehmensführung, die Mitarbeiter, realisieren auch: Wenn wir als Unternehmen erfolgreich sein wollen, muss hier jeder sein bestes bringen und für die gemeinsame Zukunft kämpfen. Und das kann sehr motivierend wirken. Das können Sie mir glauben. Das erzeugt viel Flexibilitäten, viel Willen zum Erfolg. Und den sieht man dann auch an dem, was passiert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist das auch dieser Spirit: Wir zeigen, dass es geht!?

Alexander Wortberg: Absolut. Das war schon eine Triebfeder gerade für die rund 100 internationalen Kräfte, die zu Qoros gekommen sind: Zu zeigen, dass es geht und wie es geht. Sehen Sie sich zum Beipiel unsere Führungsmannschaft im Werk an. Wir haben hier ein fantastisches Team, das neben den bereits erwähnten Deutschen außerdem aus Engländern, einem Amerikaner und knapp zur Hälfte aus Chinesen besteht, alle mit der richtigen Erfahrung und einer gesunden Portion Antrieb. In diesem Umfeld nutzen wir den Geist der ersten Stunde und den Stolz auf das bislang Erreichte auch dazu, eine kraftvolle und eigenständige Qoros-Kultur aufzubauen. Zu zeigen “dass es geht” gehört hier dazu.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das Projekt Qoros genießt hohe Aufmerksamkeit. Das Topmanagement rekrutiert sich weitgehend aus deutschen Experten. Nehmen Sie die spezielle Aufmerksamkeit aus Deutschland wahr?

Alexander Wortberg: Die Aufmerksamkeit ist ohne Zweifel da, das sieht man an der Presse. Das merkt man auch im Diskurs mit ehemaligen Kollegen, mit Wettbewerbern. Letztlich versuchen wir etwas, was in den letzten Jahrzehnten niemand in der Form geschafft hat. Und wir sind ja bereits sehr weit. Wir sind vielleicht weiter als jeder andere, der die Gründung eines neuen OEM oder einer neuen Marke jemals versucht hat. Ich denke, das erzeugt grundsätzlich einen hohen Grad an Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig versuchen wir die Dinge auch etwas anders anzugehen. Wir sind kein internationaler OEM in China, wir sind auch kein originär chinesischer Automobilhersteller, wir sind ein Hybrid, etwas Neues in der Größe und das am wichtigsten Pkw-Markt der Welt. Dass das ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erzeugt, das liegt natürlich auf der Hand. Wir werden sicherlich auch in den nächsten Jahren aufmerksam beobachtet werden, wie erfolgreich wir unsere Konzepte umsetzen können.

Das Interview führte Frank Volk