Thomas Bauernhansl ist unter anderem Leiter der Fraunhofer Institute IPA, IFF, EEP. – Bild: Hetenyi

Thomas Bauernhansl ist unter anderem Leiter der Fraunhofer Institute IPA, IFF, EEP. – Bild: Hetenyi

Noch habe die deutsche Industrie hier die Chance, ihren anerkannten Technologievorsprung in eine aus europäischer Perspektive dauerhafte Spitzenposition umzumünzen. Zu diesem Urteil komme auch eine Roland Berger Analyse.

Der Trend ist eindeutig: So, wie die Automobile der kommenden Generationen immer mehr zu “rollenden Smartphones” mutieren, werden sich auch die Wertschöpfungssysteme im Automobilbau über die gesamte Zulieferer-Kette hinweg neu ausrichten ? und das teils mit eruptiver Energie.

Kunden im Personalisierungsprozess aktiv beteiligen

Thomas Bauernhansl, Leiter der Fraunhofer Institute IPA, IFF, EEP, Mitglied der wissenschaftlichen Gesellschaft für Produktionstechnik und seit Juli 2014 Studiendekan Technologiemanagement an der Uni Stuttgart, stellte in Braunschweig fest: “Die Fähigkeit, Komplexität effektiv zu bewirtschaften, wird ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.” Angenehmer Nebeneffekt: Analog zur Smartphone-Individualisierung via App-Zusammenstellung gäbe es auch beim Automobil die Chance, den Kunden am Personalisierungsprozess aktiv zu beteiligen. Der Innovationsfokus müsse auf einem Eco-System, personalisierter Assistenz und Human Machine Interfaces liegen. Mit im Zentrum der Diskussionen steht bei OEMs offenbar derzeit die Suche nach Möglichkeiten, die “Lufthoheit” über den Betrieb des Eco-Systems nicht Google zu überlassen. Bauernhansls ?Braunschweiger Appell?: “Wir müssen lernen, in Geschäftsmodellen zu denken!”

Für deren Umsetzung sei aber ausnahmslos eine hohe Schlagzahl angesagt: Schnelle Prozessfähigkeit, hohe Flexibilität und Skaleneffekte müssten Fertigung und Prozesse dominieren. Die schlummernden Potenziale sind nicht gering. Das Fraunhofer IPA hält eine Steigerung der Wertschöpfung in den Unternehmen durch auf Industrie 4.0-Strukturen ausgerichtete Prozesse um bis zu 50 Prozent für realistisch. Auf der Basis erster Erfahrungen eines Industrie 4.0-Pilotprojekts bei Bosch – Insider nennen das Werk Bad Homburg im Saarland – wird ein Produktivitätszuwachs von 10 Prozent und ein Absenken des Lageraufwands um ein Drittel prognostiziert. Der Antriebsspezialist SEW Eurodrive trete gerade mit einem Pilotprojekt in Bruchsal an, die Intensität an Industrie 4.0-Effekten auszuloten.

Google engagiert sich bei Industrierobotik

Derweil eröffnet Google bereits eine zweite Front und unternimmt erste Schritte auf das Terrain der Industrierobotik ? nicht zuletzt ermuntert durch eine zweistellige Nachfragequote Chinas auf diesem Feld der Automatisierung. Der Internetkonzern hat bereits acht Roboter gekauft und entwickelt ein cloudbasiertes Betriebssystem für Roboter. Kooperationspartner ist der Mega-Elektronik-Auftragsfertiger Foxconn, bekannt als Apples iPhone-Werkbank.

Auf diesem 10. Kongress Digitale Fabrik@Produktion – unter der Ägide von SV Veranstaltungen organisiert und in Braunschweig durchgeführt – wurde bereits zu Beginn deutlich: Der Sprung über den “digitalen Schatten” ? ein Begriff für die Aktionsmuster eines Avatars ? ist für die Industrie unausweichlich. Aber er kann gelingen.

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Aus Braunschweig berichtet Christian Klein