Helmut Stettner, Werkleiter Neckarsulm, und Jochen Wagner, Leiter Produktion Audi A8 in einer Gesprächssituation.

Helmut Stettner (links), Werkleiter Neckarsulm, und Jochen Wagner, Leiter Produktion Audi A8, sprechen über die Herausforderungen und den Teamgeist am Standort. Bild: Audi

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Investitionen galt es im Werk Neckarsulm mit Blick auf den neuen Audi A8 zu bewältigen?
Stettner: Am Standort Neckarsulm haben wir in den vergangenen drei Jahren über zwei Milliarden Euro in die Hand genommen und speziell für den A8 die Werksgrenzen erweitert. Wir haben hier eine neue Teilemontage mit 38.000 Qudratmetern gebaut - die Halle A11 auf der Westseite. Dies entspricht in etwa der Größe von knapp sechs Fußballfeldern. Neu ist auch der Karosseriebau mit 63.000 Quadratmetern. Hinzu kommen technologische wie auch ergonomische Innovationen. Die Stichworte dazu lauten: Leichtbau und Multimaterialmix. Themen, wie wir sie bereits seit dem ersten A8 von 1994 verfolgen. Der neue A8 ist für uns Ausdruck der Digitalisierung, der Elektrifizierung und neuer ergonomischer Ziele. Zum Produkt kommen die ganzen Prozesse: Für die galt es, die Mitarbeiter entlang der kompletten Prozesskette entsprechend auszubilden.

2 Mrd. Euro hat Audi in den vergangenen drei Jahren in die Erweiterung des Werks investiert.
AUTOMOBIL PRODUKTION

AUTOMOBIL PRODUKTION: 14 Fügeverfahren, alle Fahrzeuge sind durchgehend mild hybridisiert und es wird auch ein Plug-in-Hybrid kommen. Ist dies auch für das Personal ein großer Sprung?
Stettner:
Mit Blick etwa auf Modelle haben die Mitarbeiter spezielle Schulungen durchlaufen. Wir sprechen hier von einer Pyramide, in der es verschiedene Qualifikationsformen und Berechtigungen gibt. Ganz oben in der Pyramide findet man die Mitarbeiter, die an der Hochvolttechnik arbeiten. Für sie gibt es spezielle Ausbildungsprogramme, Qualifikationen, ohne die sie nicht an den Fahrzeugen arbeiten dürfen. Und durch die Themen Automatisierung und Multimaterialmix haben wir es mit einer wesentlich komplexeren Anlagentechnik zu tun. Im Karosseriebau sind alleine 500 Roboter im Einsatz. Hier müssen nicht nur die Arbeiter am Fahrzeug, sondern auch die Instandhalter mit Blick auf die Digitalisierung ganz anders und neu arbeiten. Ein Instandhalter mit 20 Schraubenschlüsseln ist passé, heutzutage ist er mit dem Tablet unterwegs. Hier kommen auch die Schlagworte „Predicitive Maintenance“ ins Spiel. Im Zuge der Digitalisierung haben wir die Möglichkeiten zur präventiven Anlagenwartung und somit auch die Verfügbarkeiten nach oben zu schrauben. Damit einher gehen die Anforderungen an die Mitarbeiter. Der Kundenwunsch steht immer im Vordergrund und wir wollen maximale Individualität ermöglichen. Trends kommen immer schneller, Zyklen werden immer kürzer - da müssen wir reagieren können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie werden die Werker auf diese Herausforderungen vorbereitet?
Wagner: Mit dem neuen A8 haben wir unsere flächendeckenden Trainings deutlich erweitert. Für alle Gewerke, sei es der Karosseriebau, die Montage oder die Logistik. Hier werden die Mitarbeiter erst einmal in einem Grundfertigkeitentraining auf die neuen Technologien und speziellen Montageumfänge qualifiziert, etwa auf Fügeumfänge im Karosseriebau. Im Trainingscenter läuft diese Qualifikation so lange außerhalb der Linie, bis sie die Arbeitsgänge perfekt beherrschen. Erst dann gehen sie in die Linie. So erreichen wir, dass wir bereits in der Vorserie mit maximaler Qualität produzieren.
Stettner: Das hat große Vorteile für uns. Mit diesen hochwertigen Produkten erzielen wir dann bereits in der Entwicklungserprobung und der Qualitätsabsicherung eine ganz andere Aussagekraft sowie eine große Prozesssicherheit.
Wagner: Und das Thema Prozesssicherheit ist keine einseitige Sache, die nur die Kern-Mitarbeiter aus der Instandhaltung, aus der Arbeitsvorbereitung und dem Karosseriebau betrifft. Wir haben die Mitarbeiter bereits vier Jahre vor SOP ins Leichtbau-Technikum geschickt, und sie haben die Technologien mitentwickelt, so dass hinterher eine prozesssichere Technologie implementiert werden konnte. Die Mitarbeiter kommen zurück als Eckwerker, als Gruppenleiter, die in der Technologieentwicklung ihre Produktionserfahrung einbringen. Das ist ein sehr erfolgreicher Weg und damit fahren wir sehr stabil. Stabiler als je zuvor bei einem Anlauf mit diesen zahlreichen neuen Technologien.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das Hochfahren der A8-Serienfertigung haben Sie in einer sehr kurzen Zeit hinbekommen. In drei Monaten, richtig?
Wagner:
Ja, im Grundsatz waren das drei Monate, bis wir auf Taktzeit waren. Und dies, weil wir die Technologien gemeinsam mit der Technischen Entwicklung entwickelt haben. Kritische Themen werden bereits im Technikum optimiert und nicht erst viel später im  Produktionsprozess festgestellt. Die neuen Technologien wurden somit bereits im Technikum entsprechend für die Großserie qualifiziert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Leichtbau ist das große Thema bei Ihnen im Haus, beim Top-Modell A8 ohnehin. Mit Blick auf den Karosseriebau ist hier im Werk auch das Leichtbauzentrum mit 200 Mitarbeitern angesiedelt.
Wagner: Das Leichtbauzentrum ist in der Entwicklung angesiedelt. Genau dorthin entsenden wir unsere Mitarbeiter. Die Produktionsplanung ist beteiligt und auch unsere Produktionsmitarbeiter mit ihren Erfahrungen aus den Vorgängermodellen sind dort  bereits zirka vier Jahre vor dem Serienstart dabei, um Technologien mitzuentwickeln.
Stettner: Das Leichtbauzentrum bei uns am Standort steht für die besonderen Kompetenzen, die wir am Standort haben. Das sind die Themen Aluminium, CFK wie auch die Entwicklung von Magnesium-Teilen sowie hochfester Stähle, die auch aus der Feder der hiesigen Konstrukteure stammen. Dort haben wir das erste Mal auch die CFK-Leichtbautechnik entwickelt und in Serie gebracht.
Wagner: Gemeinsam mit dem Vorseriencenter ist das Leichtbauzentrum zum Beispiel auch verantwortlich für die Implementierung der Leichtbau-Karosserietechnik in anderen Konzernstandorten.


AUTOMOBIL PRODUKTION: Was waren die größten Herausforderungen, diesen Materialmix in der Montagehalle umzusetzen?
Wagner: Ein gutes Stichwort, denn das CFK-Element etwa, die Rückwand,  das klassischerweise ein Karosseriebauteil war, haben wir nun in die Montage verlagert. Die Grenzen verschwinden also auch zwischen den Gewerken. Eine Herausforderung, weil wir diese hochautomatisierten Roboter-Anlagen, wie wir sie im Karosseriebau kennen, jetzt auch in der Montage haben. Die Montagekollegen müssen nun umdenken, weil dort immer mehr Automatisierung stattfindet als bisher. In Neckarsulm erproben wir das zunächst in der Kleinserie und optimieren die Technologie weiter für die Großserie. Es findet somit ein systematischer Übertrag von der Kleinserie des R8 auf die Großsserie des A8 statt.