Interview Frank Dreves Audi NL385

Frank Dreves: "Audi hat sich ganz bewusst für Mexiko entschieden und diese Entscheidung wurde gemeinsam mit den zuständigen Gremien des Volkswagen Konzerns getroffen." - Bild: Audi

Interview mit Audi-Produktionschef Frank Dreves über den Fortschritt der Projekte und die Vorteile der Standorte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dreves, sind Sie mit dem Projektfortschritt in Mexiko zufrieden?

Frank Dreves: Wir haben es in Mexiko mit sehr zuverlässigen Partnern zu tun, die sich dafür einsetzen, dass unser gemeinsames Vorhaben ein Erfolg wird. Bis jetzt läuft alles nach Plan. Kleine zeitliche Verschiebungen gibt es bei einem so großen Projekt natürlich immer einmal ? so sind zum Beispiel die jeweiligen Wetterbedingungen nicht immer kalkulierbar.Das ist aber nichts, was man nicht wieder aufholen kann. Insofern bin ich durchaus zufrieden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hat man sich denn auch bei Ihrer Mutter VW inzwischen mit dem Standort angefreundet? VW hätte ja gerne das US-Werk in Chattanooga ausgebaut…

Frank Dreves: Audi hat sich ganz bewusst für Mexiko entschieden und diese Entscheidung wurde gemeinsam mit den zuständigen Gremien des Volkswagen Konzerns getroffen. Und das hat gute Gründe: Mexiko bietet beste wirtschaftliche Voraussetzungen, nicht zuletzt aufgrund seiner Freihandelsabkommen mit mehr als 40 Staaten.

Das bedeutet, dass wir den Audi Q5, den wir dort bauen werden, beispielsweise nach Europa und Lateinamerika zollfrei liefern können. Das Gleiche gilt für die USA, ein besonders wichtiger SUV-Markt. Ein dortiges Werk würde beim Export nach Europa eine Zollbelastung von zehn Prozent bedeuten.

Ein weiterer Grund für Mexiko ist, dass das Land Teil des Dollarraums ist. Das hilft uns, Währungsschwankungen auszugleichen. Auch Volkswagen selbst ist schon beinahe 50 Jahre mit einem Werk in Puebla vertreten. Davon versprechen wir uns letztlich auch Synergien in puncto Lieferantennetzwerk.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bei der Grundsteinlegung hatten Sie verneint, dass Audi weitere Werke in Amerika plant. Inzwischen wurde der Bau einer Audi-Produktion in Brasilien verkündet. Was hat dazu geführt, dass Sie nun doch ein weiteres Werk bauen?

Frank Dreves: Wir haben den Markt unter den aktuellen Bedingungen neu bewertet. Durch eine lokale Fertigung der Audi A3 Limousine und des Audi Q3 in Brasilien kann Audi eine Zusatzbesteuerung von 30 Prozent vermeiden und mit wettbewerbsfähigen Preisen im Premium-Markt antreten. Brasilien bietet dafür sehr gute wirtschaftliche Voraussetzungen, Flexibilität, eine gute Lieferanten- und Lohnstruktur.

Zudem können wir auch hier Synergien im Konzern nutzen, da wir auf dem Gelände des Volkswagen-Werks bei Curitiba produzieren. So schaffen wir die nötigen Fertigungskapazitäten, um unser weiteres Wachstum stemmen zu können. Und wir bleiben auf dem südamerikanischen Markt wettbewerbsfähig und stärken die Rolle Südamerikas in der Absatzstrategie von Audi.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mexiko hat ein Handelsabkommen mit Brasilien. Wieso hat Audi das Werk in Mexiko nicht so ausgelegt, dass dort auch die Fahrzeuge für Brasilien produziert werden?

Frank Dreves: Beide Projekte für sich sind wichtige Bausteine im weltweit wachsenden Produktionsnetzwerk von Audi ? und damit Teil unserer internationalen Expansionsstrategie.Audi hat das Ziel der Marktführerschaft im Premium-Segment in Brasilien. Mit der neuen Fertigung werden wir unsere Position in der Region stärken und unser Wachstum weiter vorantreiben. Die steuerlichen Vorteile ermöglichen uns dazu wettbewerbsfähige Preise.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das Werk in Mexiko ist letztlich also Ihre Produktionsbasis für den NAFTA-Raum und Mittelamerika, während Südamerika aus Brasilien bedient wird?

Frank Dreves: Mexiko ist in der Mitte Amerikas strategisch günstig gelegen und damit Dreh- und Angelpunkt zwischen Nord- und Südamerika.

Mit unserem künftigen Werk werden wir dort eine ideale Brückenfunktion zwischen Lateinamerika einerseits und dem NAFTA-Raum mit den USA, Kanada und Mexiko andererseits haben. Jeder der beiden Standorte hat seinen eigenen Stellenwert und seine eigenen Produkte.

Während wir in Mexiko künftig den Audi Q5 für den gesamten Weltmarkt produzieren, werden in Brasilien die neue Audi A3 Limousine und der Audi Q3 für den brasilianischen Markt vom Band fahren. Insofern ist das eine Ergänzung und ein wichtiger Baustein in unserer internationalen Expansionsstrategie.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Eines der kritischeren Themen im Zusammenhang mit Mexiko ist die Verfügbarkeit von Facharbeitern. Wie löst Audi dieses Problem?

Frank Dreves: Mexiko verfügt über eine große und gut ausgebildete Schicht an Facharbeitern. Wir haben bei Audi hohe Anforderungen an unsere Prozesse und Produkte. Damit die Mitarbeiter in all unseren Standorten diese Anforderungen verstehen und zu 100 Prozent erfüllen können, qualifizieren wir sie weltweit.

Aus diesem Grund bauen wir auch in San José Chiapa ein Trainingscenter, das in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Puebla betrieben wird. Einen Teil der künftigen Mitarbeiter holen wir darüber hinaus nach Deutschland, um sie hier zu schulen. Im Übrigen investieren wir auch in Mexiko von Beginn an in die Ausbildung junger Berufsanfänger. Hierbei setzen wir auf das bewährte duale System aus Deutschland. Der erste Ausbildungsjahrgang mit 65 jungen Menschen ist bereits Anfang August an den Start gegangen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: …und wie schaut es mit qualifizierten Zulieferern aus?

Frank Dreves: Über unsere Premium-Qualität diskutieren wir nicht, egal wo wir auf der Welt unsere Autos bauen. Dafür schulen wir auch die Lieferanten und Dienstleister intensiv. Zur Sicherung der Qualität gibt es einen sehr detaillierten Sourcing-Prozess mit Evaluierung und Qualifizierung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Synergien mit VW nehmen zu. Das kann doch auch zu Nachteilen führen. Worin wird sich die Audi-Produktion auch in Zukunft unterscheiden?

Bei Audi fertigen wir Premium-Automobile in Premium-Qualität. Wir nennen es auch höchste Präzision im Detail. Und dieses Credo lebt unsere Mannschaft an jedem unserer Standorte, ob in Deutschland, in China oder eben in Zukunft auch in Mexiko.

In unserem weltweiten Audi-Produktionsnetzwerk sind auch überall ein- und dieselben Produktionsstandards gültig. Das Audi Produktionssystem APS bildet dafür die Basis. Es ist sehr flexibel und hocheffizient, ausgerichtet zum Beispiel auf kurze Durchlaufzeiten und niedrige Bestände. Wir leben in unserem APS den kontinuierlichen Verbesserungsprozess und legen höchsten Wert auf ergonomische Arbeitsplatzgestaltung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie schaut die weitere Audi-Produktionsstrategie in den nächsten Jahren aus?

Frank Dreves: Unser Wachstumstempo ist ungebrochen. Und wir wollen weiter wachsen. Das bedeutet, dass wir zusätzliche Fertigungskapazitäten benötigen. In den kommenden Jahren werden wir unser weltweites Produktionsnetzwerk weiter ausbauen und internationalisieren. Das Werk in San José Chiapa, in dem die nächste Generation des Audi Q5 für den Weltmarkt vom Band fahren wird, bildet die Grundlage für unser weiteres Wachstum.

Zudem haben wir erst im April in unserer SKD-Fertigung im russischen Kaluga den Betrieb aufgenommen. Im Sommer hatten wir einen erfolgreichen Produktionsstart der Audi A3 Limousine im ungarischen Györ. Dafür haben wir unsere bereits bestehende Fertigung zu einer Fabrik mit vollumfänglichem Produktionsprozess ausgebaut. Zugleich werden wir diese ganz neue Variante der A3-Baureihe auch in einem neuen Werk im südchinesischen Foshan ab Ende diesen Jahres produzieren.

Gleichzeitig bilden unsere heimischen Standorte Ingolstadt und Neckarsulm weiterhin unser Rückgrat. Wir stärken sie durch Erweiterungen, auch in der unmittelbaren Region wie beispielsweise mit dem Bau einer Betriebsstätte in Münchsmünster, dem Audi driving experience center in Neuburg und den geplanten Logistik- und Fertigungsaktivitäten im Heilbronner Industriegebiet Böllinger Höfe.

Das Interview führten Wolfgang Gomoll und Frank Volk