Felix Kuhnert, Leiter PwC Automotive Europa

"Gut die Hälfte der Befragten in unserer Studie hält es für realistisch, dass in China langfristig bis zu 30 Millionen Pkw pro Jahr verkauft werden könnten", sagt Felix Kuhnert, Leiter PwC Automotive Europa. - Bild: PwC

AUTOMOBIL PRODUKTION sprach mit Felix Kuhnert von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC, über die künftige Aussichten der deutschen Automobilbranche. Der Leiter von PwC Automotive Europa in Stuttgart sagt, dass laut einer PwC-eigenen Studie rund 90 Prozent der Unternehmen ein Umsatzplus erwarten, 70 Prozent auch eine nachhaltige Verbesserung ihrer Wirtschaftslage sehen. Das bedeute mehr Investitionen in den Standort Deutschland. Dennoch bleiben Kostendruck und Kapazitätsaufbau wesentliche Herausforderungen.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wie wird 2011 für die deutschen Unternehmen der Automobilbranche
Die deutsche Autoindustrie fährt nach eigener Einschätzung auch 2011 auf der Erfolgsspur. Fast neun von zehn Herstellern und Zulieferunternehmen rechnen laut unserer Studie ‘Konjunkturerwartungen
in der Automobilindustrie’ * im kommenden Jahr mit Umsatzsteigerungen, knapp jeder dritte Befragte erwartet sogar Zuwächse von mehr als 15 Prozent, wie aus der Befragung hervor geht. Der Optimismus stützt sich zum Großteil auf die schnelle Erholung der Absatzregionen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welcher Regionen genau?
Europa ist mit 96 Prozent der Befragten derzeit für die meisten Unternehmen nach wie vor die wichtigste Absatzregion, gefolgt von China  mit 63 Prozent und Nordamerika mit 55 Prozent der Nennungen.
Langfristig sehen die meisten Unternehmen klar die BRIC-Regionen als Wachstumstreiber für die Automobilindustrie. Wobei Russland mit nur neun Prozent als Wackelkandidat gilt – es liegt weit abgeschlagen auf Rang sechs, hinter Indien mit 37 Prozent und Brasilien  mit 32 Prozent. Einig sind sich die meisten bei China. Gut die Hälfte der Befragten, genau 55 Prozent, hält es für realistisch, dass dort langfristig bis zu 30 Millionen Pkw pro Jahr verkauft werden könnten. Dies wäre das Zehnfache des heutigen Absatzvolumens in Deutschland.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können deutsche Unternehmen signifikant daran partizipieren?
Die Automobilmärkte der Schwellenländer werden für die deutsche Autoindustrie zweifellos weiter an Bedeutung gewinnen. Dies geht auch mit Verlagerungen von Produktionskapazitäten einher, Sorgen vor einem Exodus der Hersteller und Zulieferer vom Standort Deutschland sind jedoch unbegründet.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Warum?
Auch wenn die deutschen Hersteller 2010 erstmals mehr Fahrzeuge im Ausland produziert haben als im Inland, planen fast 70 Prozent der befragten Unternehmen verstärkte Investitionen am Standort Deutschland. Damit fährt die Branche eine Doppelstrategie: Um die vielfältigen Anforderungen wie die Optimierung der Verbrennungstechnologie, die Weiterentwicklung von Elektro- und Hybridantrieben und die Auffächerung der Produktpalette bewältigen zu können, brauchen die Hersteller eine breite und verlässliche Zulieferbasis in Deutschland.

Gleichzeitig sind Hersteller und Zulieferbetriebe in den Wachstumsmärkten präsent, wobei Kooperationen an Bedeutung gewinnen: Gut sechs von zehn Befragten setzen auf strategische Allianzen, knapp 40 Prozent suchen Joint-Venture-Partner in aufstrebenden Märkten. Eine (weitere) Verlagerung von Fertigungskapazitäten ist für knapp jeden dritten Befragten eine Option, während nur 13 Prozent verstärkt Forschungs- und Entwicklungsabteilung in den wichtigsten Auslandsmärkten ansiedeln wollen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Geht die Branche in Deutschland damit gestärkt aus der Krise hervor?
Die aktuell gute Wettbewerbsposition der deutschen Automobilindustrie ist darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen die Krise genutzt und ihre „Hausaufgaben“ gemacht haben. So haben vier von fünf Befragten ihre Fertigung und andere operative Prozesse optimiert. Die Personalstruktur ist bei gut 70 Prozent der Unternehmen flexibler geworden. Gut sechs von zehn Befragten haben ihren Einkauf stärker oder überhaupt internationalisiert. Demgegenüber hat nur knapp jedes zweite Unternehmen wegen der Krise Investitionen zurückgestellt.

Die positiven Umsatzerwartungen gehen bei den meisten Befragten mit einer optimistischen Einschätzung der Unternehmensentwicklung insgesamt einher. Gut 70 Prozent der befragten Entscheider rechnen auf Sicht der kommenden drei bis fünf Jahre mit einer weiteren Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage. Dabei sind die international aufgestellten Unternehmen etwas häufiger zuversichtlich, geanu 74 Prozent, als die ausschließlich in Deutschland aktiven, unter denen sind es 68 Prozent.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also doch auch Schattenseiten?
Der Konjunkturoptimismus darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass die deutsche Automobilindustrie weiterhin Herausforderungen zu bewältigen hat. Den Kostendruck sowie den Aufbau der erforderlichen Fertigungskapazitäten nennen die relativ meisten Befragten als wichtigste Aufgabe des kommenden Jahres. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass viele zu günstigen Zinssätzen abgeschlossene Finanzierungen bald auslaufen.

Über steigende Materialkosten machen sich 80 Prozent Sorgen. Demgegenüber weniger verbreitet sind Befürchtungen, nicht mit dem hohen Innovationstempo in der Branche mithalten zu können, dies nenen rund 65 Prozent, oder nicht ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Das meinen immerhin noch 60 Prozent der Studienteilnehmer.

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Die globale Automobilindustrie hat sich im Laufe des Jahres 2010 schneller erholt als ursprünglich erwartet. Die Auftragseingänge bei Automobilzuliefer- und -herstellerunternehmen weisen teilweise hohe zweistellige Wachstumsraten auf. Auch für 2011 rechnet PwC Autofacts mit einem Zuwachs der globalen Produktion um rd. 4,1 Millionen Fahrzeugeinheiten auf ein Gesamtvolumen von rd. 74,0 Millionen Fahrzeugeinheiten. Langfristig rechnet PwC Autofacts mit einem Wachstum von rd. 5,4% pro Jahr bis 2015. Dies bedeutet ein Wachstum der globalen Fahrzeugproduktion um rd. 21,0 Mio. Einheiten. Dieses Wachstum wird im Wesentlichen durch die asiatischen Länder, insbesondere China und Indien getrieben.

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Eine besondere Rolle nehmen die deutschen Automobilhersteller, sowohl in Europa als auch weltweit, ein und können aufgrund ihrer internationalen Präsenz und wettbewerbsfähigen Produkten ihre Produktionsvolumina weiter steigern.

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Während die inländische Fahrzeugproduktion der deutschen Automobilhersteller bis 2015 nur marginale Wachstumszuwächse mit einem jährlichen CAGR von 1,9% verzeichnet, wird die ausländische Produktion dagegen nach den Erwartungen von PwC Autofacts zwischen den Jahren 2010 bis 2015 um 2,9 Mio. Einheiten ansteigen. Dies entspricht einem CAGR von 7,3% pro Jahr.

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* Für die Studie befragte PwC 202 Unternehmen der deutschen Automobilindustrie, von denen 143 auch im Ausland produzieren. Die Unternehmen erzielen überwiegend einen Inlandsumsatz von weniger als 250 Millionen Euro (75 Prozent der Befragten) und beschäftigen weniger als 500 Mitarbeiter in Deutschland (60 Prozent).

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald