ZF-Chef Hans-Georg Härter

ZF-Chef Hans-Georg Härter

Im Rahmen unserer Trends-2011-Umfrage der AUTOMOBIL PRODUKTION sprachen wir auch mit ZF-Chef Hans-Georg Härter, der für die kommenden Jahre gute Wachstumsperspektiven und viele Marktchancen, aber auch Marktrisiken sieht.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Härter, Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, mit Blick in Ihre Auftragsbücher, wie positiv ging 2010 zu Ende, wie wird 2011 für ZF?
Das Jahr 2010 war für ZF überaus erfolgreich – und vor allem überraschend erfolgreich. Dass wir eine so steile, v-förmige Entwicklung sehen, hätte niemand gedacht. Wir schreiben wieder deutlich schwarze Zahlen. Das Jahr 2011 wird für ZF erfolgreich. Wir planen, beim Umsatz stärker zu wachsen als der Branchendurchschnitt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?
Wir sehen für die kommenden Jahre gute Wachstumsperspektiven und viele Marktchancen, aber auch Marktrisiken. Die Regulierung der internationalen Finanzmärkte ist allen Beteuerungen von vor Jahresfrist zum Trotz noch nicht ernsthaft angegangen worden. Hier ist nach wie vor jederzeit ein Rückschlag oder sogar eine neue Weltfinanzkrise möglich. Auch die Stabilität der Finanzmärkte in der Europäischen Union ist keineswegs sicher, Stichwort Griechenland und Irland. Wie viel Schwung die Wachstumslokomotiven Asien und Südamerika in den kommenden Jahren behalten können, vermag ich auch nicht zu beurteilen. Kurzum: Das nächste Jahr wird mutmaßlich recht gut und auch die weiteren Aussichten sind positiv – aber 7 Jahre in die Zukunft sehen kann ich nicht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
Zu den wesentlichen Herausforderungen zählt nach wie vor die Rohstoffversorgung. Stahl und Aluminium haben sich im Laufe dieses Jahres im Schnitt um ein Drittel verteuert, Naturkautschuk sogar um 80 Prozent. Bei Stahl und Aluminium ist unsere Versorgung abgesichert, während es bei bestimmten Granulaten schon jetzt problematisch ist, unsere Produktion mit ausreichenden Mengen zu versorgen. Die Beschaffungszeiten haben sich verlängert und die Lage ist insgesamt sehr angespannt. In Einzelfällen müssen wir mit Task Forces die Versorgung durch unsere Lieferanten sichern – bisher mit Erfolg. Sicherlich wird uns dieses Thema auch in den nächsten Jahren noch beschäftigen. Auch der wachsende Preisdruck durch die Fahrzeughersteller stellt uns zunehmend vor Herausforderungen, die wir meistern müssen.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden Ihr Produktportfolio mittelfristig wie verändern? Und was will Ihr Kunde?
Die Antriebskonfiguration wird diversifizieren. Neben konventionellen Antrieb werden sich Hybridantriebe durchsetzen; auch das Elektroauto wird eine ernstzunehmende Nische besetzen. ZF wird dem Rechnung tragen: einerseits durch Weiterentwicklung der Getriebe und Antriebskomponenten für verbrennungsmotorischen Antrieb, andererseits durch weiteren Ausbau der Hybridtechnologie. Hier sind wir ja seit 2008 mit einem eigenen Werk für Elektromotoren für Hybridantriebe sehr gut aufgestellt; auch mit Elektromotorischen Antrieben beschäftigen wir uns intensiv.

Bei konventionellen (und Hybridgetrieben) wird sich der Trend zur Automatisierung weiter verstärken; Getriebe werden eine höhere Spreizung und damit eine höhere Gangzahl (als 5 oder 6) aufweisen müssen. Zum Thema Leichtbau bzw. neue Materialien: einerseits ist das Selbstzweck, um das Fahrzeuggewicht insgesamt zu senken, andererseits vor allem für Elektrofahrzeuge von großer Bedeutung. ZF setzt hier auf neue Materialien wie beispielsweise faserverstärkte Kunststoffe und auf eine Funktionsintegration zur Reduzierung des Gewichts. Eine Herausforderung bei der Verwendung von neuen Materialien besteht in einer gesicherten Serienfertigung.

Getriebe-Montage in einem ZF-Werk. - Bild: ZF

AUTOMOBIL PRODUKTION: Fokus Deutschland: Ingenieur- resp. Fachkräftemangel, Alterung der Gesellschaft und Rente mit 67, drohende Lohnkostensteigerungen, fehlgeleitete Kundenerwartungen an künftige Elektromobilität, wie schlimm ist es wirklich?
ZF ist auf der Suche nach zusätzlichen Fachkräften in allen Funktionen. Vom Facharbeiter über den Informatiker bis hin zur Juristin. Die demografische Entwicklung, gepaart mit höheren Qualifizierungsanforderungen sind die bedeutendsten Ursachen für den Fachkräftemangel. Studien weisen darauf hin, dass wir jedoch nicht nur einen Mangel an Ingenieuren bzw. Akademikern haben, sondern bald auch Mitarbeiter anderer Qualifikationsstufen an allen Ecken und Enden fehlen werden. Allein in Baden-Württemberg liegt das Defizit bei rund 290.000 Arbeitskräften, bis 2030 sind es bereits 500.000. ZF rüstet sich gegen diesen Arbeitskräftemangel mit einer Personalpolitik, die sich an die demografische Entwicklung anpasst. Um auch in Zukunft den Bedarf an qualifizierten und motivierten Nachwuchskräften abdecken zu können, positionieren wir uns als attraktiver Arbeitgeber. Ingenieure, die interdisziplinäre Studiengänge absolviert haben, gehören ebenso zu unseren Wunschkandidaten wie gut ausgebildete Facharbeiter, die eigene Ideen einbringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: VW-Chef Prof. Dr. Martin Winterkorn will bekanntlich Toyota und GM als weltgrößte Autobauer ablösen. Welche Ziele haben Sie sich für 2011 ff. gesetzt?
Kontinuität und Stabilität sind unsere Stärken. ZF ist in Vergangenheit mit Augenmaß gewachsen und bereits Technologieführer in der Antriebs- und Fahrwerktechnik. Im globalen Ranking der Automobilzulieferer gehören wir heute zur Top Ten. Diese Position wollen wir festigen. Wir haben uns auch auf die Fahnen geschrieben, unsere Kundenorientierung noch weiter zu verbessern und uns optimal an den Märkten zu orientieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie wollen Sie diese erreichen?
Unsere Kunden wollen, dass sie alles aus einer Hand bekommen. Aus diesem Grund haben wir den ZF-Konzern strategisch neu ausgerichtet – mit den vier Divisionen Pkw-Antriebstechnik, Pkw-Fahrwerktechnik, Nutzfahrzeug-Technik und Industrie-Technik. Das bringt uns Effizienzgewinne, neue Geschäfte und festigt eine einheitliche ZF-Kultur, die für uns als Unternehmen und auch für die Zusammenarbeit mit unseren Kunden eminent wichtig ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wirkt sich der dauernd steigende Kostendruck vonseiten der Kunden und der Wettbewerber auf Ihr Unternehmen aus – umsatztechnisch im Hinblick auf Ihr Automotive-Geschäft? Mit welchen Auswirkungen auf bestehende Standorte und die künftige Standortauswahl? Wo planen Sie bis 2015 neue Investitionen, neue Werke? Was heißt das für den Produktionsstandort Deutschland?
Der Kostendruck von allen Seiten – insbesondere von den Fahrzeugherstellern – ist ein ernst zu nehmendes Problem. Dennoch wird unser Automotive-Geschäft auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Zwar nutzen wir Möglichkeiten – wie zum Beispiel den Einstieg ins Windkraftgeschäft oder Telematik-Dienstleistungen – eine Diversifizierung auf breiter Front wird es aber auf absehbare Zeit bei uns nicht geben. In erster Linie investieren wir durch die Gründung neuer Produktionsstandorte oder die Modernisierung von Fertigungsanlagen. Allein im Jahr 2011 wollen wir fast eine Milliarde Euro in die Hand nehmen – im In- und Ausland. Der Standort Deutschland wird auch weiterhin eine gewichtige Rolle spielen und ist Investitions-Schwerpunkt. Nach wie vor beschäftigen wir rund zwei Drittel unserer Mitarbeiter hier.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichwort Markt-/Einkaufsmacht: Die Verteilungskämpfe innerhalb der Gesellschaften wie zwischen den Staaten/Wirtschaftsmächten werden härter – viel scheint derweil auf ‚Krawall gebürstet‘ zu sein. Auch im Automobilbau kann von den vielbeschworenen Partnerschaften keine Rede sein, eher ist der Tenor: Der Kunde ruft, der Lieferant hat zu gehorchen. Wie entwickelt sich Ihr Verhältnis zu den OEM-Kunden/ zu den Zulieferern? Wird der Ton in der Branche noch rauer? Was bedeutet das für die Zukunft?
Wir pflegen zu allen Akteuren im Markt ein professionelles Verhältnis – trotz erheblichen Preisdrucks von Seiten der Fahrzeughersteller und trotz der Tatsache, dass wir im Notfall unseren strategischen Lieferanten unter die Arme greifen müssen, um selbst handlungsfähig zu sein – sei es durch Lieferantenkredite, die Finanzierung des Vormaterials oder auch Preiszugeständnisse. Uneingeschränkte Kundenorientierung, aber auch der faire Umgang mit unseren Lieferanten hat für uns Priorität. In der neuen Konzernstruktur können wir diese beiden Elemente noch besser umsetzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Machen Sie sich, macht sich die deutsche Autobranche von China auf Dauer zu abhängig?
Die Entwicklung des chinesischen Marktes hat bei ZF einen sehr hohen Stellenwert. Nicht umsonst verfügen wir dort über 20 Produktionsstandorte. Wir setzen aber auch auf andere Wachstumsmärkte: Gerade erst haben wir im indischen Pune, in der Nähe von Mumbai, ein Montagewerk für Lkw-Getriebe eröffnet. Zu Jahresbeginn 2010 stand die Gründung eines weiteren Montagewerks in direkter Nachbarschaft auf dem Programm. Dort werden künftig pro Jahr jeweils rund 10.000 Achsen und Getriebe für Baumaschinen gefertigt. Auch in Nordamerika wächst ZF wieder. Mittelfristig wollen wir in dieser Region den Umsatz von rund einer auf vier Milliarden Euro erhöhen. Doch das sind nur einige Beispiele. Auch Europa und Südamerika gehören zu unseren Wachstumsregionen. Von einer reinen Fokussierung auf China kann von daher keine Rede sein.

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald