Jean-Marc Gales, CEO der Lotus Group. Bild: Wolf-Peter Steinheißer

“Evora 400 ist das Auto, das Lotus in die Zukunft bringt”, sagt Jean-Marc Gales, CEO der Lotus Group. Bild: Wolf-Peter Steinheißer

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Gales, wie geht es ihrem Adrenalinhaushalt. Die vergangenen Tag waren ja recht ereignisreich bei Lotus. Erst der 3-Eleven in Goodwood, dann der Produktionstart des Evora 400. Erleben wir den Start in die Lotus-Zukunft?
Das kann man so sehen. Die Erfolgszeit hat ja schon angefangen mit der Erweiterung unseres Händlernetzes, den steigenden Verkäufen von Elise und Exige. Allerdings ? das Auto, das Lotus in die Zukunft bringt ist der neue Evora 400. Eindeutig. Das Auto liegt in den Fahrleistungen deutlich höher als die anderen Modelle und wir haben es in der Fertigung deutlich günstiger gemacht. Das ist das Auto, das uns in die schwarzen Zahlen bringt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wird das auch der Haupt-Absatzträger von den Stückzahlen her?
Ja. Für die nächsten 12 Monate sicherlich.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Als Sie bei AUTOMOBIL FORUM einen Modellausblick gaben, hat das SUV gefehlt?
Ja, den habe ich ausgespart. Aber: wir haben bereits zwei Designmodelle und werden in den nächsten drei Monaten entscheiden, welche wir favorisieren. Dann wollen wir einen Prototypen bauen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prototyp heißt aber: die Entscheidung, das Auto grundsätzlich zu machen, ist gefallen?
Die Entscheidung ist gefallen. Ob wir das Auto an den Markt bringen, hängt letztlich aber davon ab, ob wir alle Hürden zur Zulassung meistern. Man muss da schon ein wenig vorsichtig sein. Auf jeden Fall ist die Übung, ein Lotus SUV konzeptionell auf die Beine zu stellen und nachher einen Prototypen zu entwickeln. Weil wir wollen ein SUV machen, das leichter ist und schneller ist und auch besser aussieht wie alle anderen SUV?s auf dem Markt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist SUV der richtige Begriff für dieses geplante Fahrzeug? Oder wird es eher ein Crossover?
Es ist eher ein Crossover. Das Auto wird niedrig sein, also unter 1,60 Meter. Das Auto wird auch relativ breit sein. Nicht zu breit, weil ein Lotus soll nie zu breit sein, da sonst das Fahrverhalten eingetrübt wird. Und das Auto wird sehr elegant sein und sportlich.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Im Gegensatz zu ihrer sonstigen Modellpalette würde der Crossover eher ein alltagstaugliches Modell?
Er muss alltagstauglich sein und wird vier bis fünf Personen Platz bieten. Aber er muss trotzdem anders sein. Nehmen Sie das Gewicht von SUV´s ? sagen wir mal Macan-Segment. Ich frage mich: wieso muss ein SUV zwei Tonnen wiegen? Ein Grund ist, dass die meisten SUV aus einem Basismodell abgeleitet sind ? ein X5 ist aus dem 5er abgeleitet, ein ML aus der E-Klasse. Da ist viel vordefiniert. Dann kommt der Allrad-Antrieb dazu, größere Räder, die hohe Karosserie ? und schon ist man bei zwei Tonnen und drüber. Wenn man jedoch den anderen Weg geht und sagt: ich habe einen Sportwagen und nehme diese Elemente auch für das SUV. Jedes Element, jedes Modul, das der SUV kriegt, werden wir darauf abprüfen, ob wir es auch in die Sportwagen einbauen könnten. Wir werden keine Klimaanlage in den SUV einbauen, die wir vielleicht nicht auch in den Sportwagen einbauen könnten. Also muss sie leicht und klein sein. Ich kann die Sitze vom Evora in den SUV einbauen und spare 20 Kilo sofort gegenüber einem normalen SUV.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wird sich das SUV an der Größe des Evora 400 orientieren?
Es wird Macan-Größe werden, aber tiefer und mit ähnlicher Breite. Vom Raumangebot wird es Platz haben für vier, fünf Personen. Im Innenraum wird es deutlich luftiger wie ein normales SUV werden. Wir werden viel mit Aluminium arbeiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Um wie viel leichter?
Unser Ziel ist, 200 bis 300 Kilo gegenüber einem normalen SUV vergleichbarer Größe einzusparen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Denken Sie denn auch über SUV hinaus in ganz neue Segmente zu gehen?
Mit dem SUV ist unsere Modellrange dann schon ziemlich voll. Wir haben der 3-Elf, den radikalen Sportwagen. Ich schließe nicht aus, dass Elise/Exige in der Zukunft deutlich überarbeitet werden. Die Autos fahren sich schon jetzt sehr, sehr gut. Wir wollen aber noch mehr Gewicht rausnehmen und die Fahrzeuge noch agiler machen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben der Evora 400 aber auch etwas mehr Komfort gegönnt?
Es ist auf jeden Fall ein Thema, stärker Richtung Alltagstauglichkeit zu gehen. Das ist bei uns kein Kaufgrund. Keiner kauft einen Lotus, um damit drei Kinder zu transportieren. Aber was die Kunden uns immer wieder gesagt haben: der Ein- und Ausstieg muss einfacher werden. Wir haben den Ein- und Ausstieg seit 20 Jahren nicht verändert. Und in der nächsten größeren Überarbeitung von Elise/Exige wollen wir das verbessern. Bei der Evora ist das bereits umgesetzt, dort ist der Einstiegschweller 50 mm tiefer und 60 mm schmaler als beim Vorgänger. So was ähnliches haben wir auch vor mit Elise und Exige. Was die Kunden dann auch immer wieder wollen: sie wollen eine bessere Heizung, bessere Lüftung. Wir haben zugehört. Der neue Evora hat ein komplett neues Heizungs-/Lüftungssystem. Das wir auch demnächst in den beiden anderen Modellreihen einbauen werden. Und natürlich das gesamte Instrumentencluster. Da gab es immer wieder Probleme. Die Ergonomie ? Übersichtlichkeit ? Lesbarkeit. Die sind beim Evora jetzt komplett aus der Welt geschafft. Und die werden bei den anderen Modellen auch deutlich verbessert werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mit der Evora 400 und dem SUV wollen Sie in neue Stückzahldimensionen wachsen. Bislang wird bei Lotus noch viel in Handarbeit gefertigt. Müssen sie mit Blick auf die künftig höhere Stückzahlen auch Abschied von der traditionellen Fertigungsweise nehmen?
Das Gute an dieser Art der Fertigung ist: da steckt noch ein Mensch dahinter. Wir werden demnächst auch diesen Menschen mit einer kleinen Plakette im Fahrzeug verewigen. Das Signal ist: da gibt es jemand, der Verantwortung hat für genau dieses Auto. Darüber reden wir viel zu wenig, denn das unterscheidet uns ja von den meisten Herstellern. Nehmen sie die Bezüge. Wir haben noch einen Trim-Shop, wo wir Sitze, Bezüge und ganze Armaturen, Armaturenbrett-Bezüge komplett selber machen. Da arbeiten ungefähr 20 Leute. Wenn wir nun auf 3.500 Einheiten gehen, können wir das beibehalten. Auch bis 4.000 Fahrzeuge jährlich müssen wir unser Fertigungsverfahren nicht groß ändern. Wir müssen halt mehr Leute einstellen. Und das werden wir auch tun. Was wir aber auch machen werden: wir gehen aus der Fertigungstiefe raus. Früher haben wir Reifen und Felgen selber zusammengebaut. Heute überlassen wir das einem Zulieferer. Früher haben wir Federn und Dämpfer selber zusammengebaut. Heute überlassen wir das einem Zulieferer.

Jean Marc Gales, Lotus

Die AUTOMOBIL PRODUKTION-Redakteure Gabriel Pankow (links) und Frank Volk (Mitte) im Gespräch mit Lotus-CEO Jean Marc Gales. Bild: Wolff-Peter Steinheißer

AUTOMOBIL PRODUKTION: War das Teil Ihres Sparprogramms?
Das ist Teil des Sparprogramms ? ja. Wir wollen einzelne Montageschritte einfach nach außen verlagern. Wir werden als nächstes ansehen, ob wir die gesamten Frontmodule auslagern können ? und damit auch moderner werden. Dabei wird die Handarbeit weiter eine große Rolle spielen, über die augelagerte Fertigung gibt es aber doch mehr Modularisierung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mit Blick auch auf das SUV: Ist Elektrifizierung des Antriebsstrangs ein Thema für Lotus?
Das ist ein zweischneidiges Thema. Vor Jahren haben wir die Evora 414 Hybrid gemacht. Diese wog dann allerdings mit allen Batterien und allem Drum und Dran 1.800 Kilo. Unser Hauptziel ist Handling und Leichtbau ? dafür ist Hybrid nicht die richtige Lösung. Weil ich mache das Auto automatisch 200 Kilo schwerer und damit hat man das komplette Fahrverhalten annulliert. Das geht nicht mehr. Dann werden die Bremsen größer. Das Fahrwerk wird größer, die Querlenker werden dicker. Alles wird schwerer. Und damit verliert man das Rennen. Wenn wir in diese Richtung gehen, dann sehe ich ein vollelektrisches Modell ? hat ja Tesla auch schon gemacht auf dem Fahrwerk der Lotus Elise.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Kommen wir auf die wirtschaftliche Seite. Wie kritisch war der Zustand von Lotus, als Sie im Mai 2014 bei Lotus übernommen haben und wie schaut es jetzt aus?
Der Zustand war dramatisch. Wir hatten Verluste in Größenordnung des Umsatzes (80 Mio Pfd. Umsatz, 90 Mio Pfd. Verlust, Anm. d. Red.), dazu hohe Abschreibungen. Proton (Besitzer von Lotus, Anm. d. Red) hat über Jahre hinweg sehr viel Geld ? rund eine halbe Milliarde Pfund ? in Lotus hinein gesteckt. Daher war das Ziel klar: Lotus muss innerhalb der nächsten drei Jahre in die schwarzen Zahlen kommen. Wir haben eine Strategie entwickelt: Im ersten Jahr Entwicklung eine Transformationsplans. Im zweiten Jahr muss ein positiver Cash-Flow her. Und im dritten Jahr muss der Gewinn her.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo stehen Sie bei der Umsetzung des Plans?
Wir sind jetzt im zweiten Jahr im vierten Monat und auf einem guten Weg, den positiven Cash-Flow zu. Das würde heißen, dass wir es schaffen, unsere Modelle aus eigener finanzieller Kraft zu entwickeln. Das ist ein Riesenschritt. Denn man darf nicht vergessen: Lotus war nie profitabel im Autobereich, Geld wurde immer nur im Ingenieurbereich verdient. Wenn wir nächstes Jahr den Turnaround schaffen, sind wir am Ziel. Wir stehen jetzt also in der Hälfte des kompletten Turnarounds hin zur Profitabilität.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie haben Sie das in dem Tempo hingekriegt. Lotus galt ja fast schon als hoffnungsloser Fall?
Wir haben die Firma aber massiv umgestellt. Haben Lagerhaltung umgestellt. Haben ein völlig neues Produktprogramm gemacht. Haben uns das Thema Fertigungstiefe angesehen. Das Thema Produktkosten. Das Thema bei Fertigungszeiten. Zulieferer herausgenommen, reduziert auch. Und um andere Zulieferer ersetzt. Gewicht aus den Fahrzeugen rausgenommen ? was ja auch niedrigere Kosten bedeutet. Wir haben jeden Posten durchgekämmt. Nichts übrig gelassen ? bis hin zu Reisekosten. Jeder fliegt Economy bei uns. Und wenn man nicht reisen muss, macht man eine Videokonferenz. Das Thema Kostenoptimierung ist durch. Das haben wir jetzt hinter uns. Die Steigerung des Umsatzes ist noch voll im Gange. Wir haben 50 Händler mehr als letztes Jahr um diese Zeit ? von 138 auf 188. Das Thema Cash erwirtschaften durch neue Modelle fängt mit der neuen Evora an. Das Modell wird das Fahrzeug sein, das uns in die positive Cash-Zone bringen wird und ? zusammen mit dem 3-Eleven – in die Profitabilität nächstes Jahr.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Dennoch stellt sich die Frage, die sich jedem kleinen Hersteller im globalen Autogeschäft stellt: Kann Lotus ohne starken OEM als Partner überleben?
Wir haben ja einen Partner ? der heißt Proton.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber das Engagement von Proton hat ziemlich lustlos gewirkt in den letzten Jahren?
Man darf aber nicht übersehen: Sie haben uns finanziell unterstützt. Das ist schon sehr, sehr viel wert. Und Proton unterstützt unsere langfristigen Pläne jetzt komplett. Natürlich können wir uns keine eigene Motorenentwicklung leisten. Aber muss ich dazu eine Allianz mit einem Hersteller eingehen? Nein! Bei den Motoren haben wir in Toyota einen sehr guten Partner. Vergessen Sie nicht: 80 % des Autos sind Zulieferteile. Und es gibt sehr, sehr gute Zulieferer, bei denen wir einkaufen können. Das gilt auch für Themenfelder wie Infotainment, Assistenzsysteme oder Sicherheitsthemen. Nehmen Sie die Evora. Die erfüllt beim Crashtest den US-Standard. Dadurch ist das Auto tauglich für den US-Markt. Das haben wir mit der Hilfe eines sehr renommierten und guten deutschen Zulieferers geschafft, der in Sicherheitstechnik führend ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie denken als, Lotus alleine und ohne großen OEM als Partner in die Zukunft zu bringen?
Eindeutig. Wir schaffen das.

Das Interview führten Frank Volk und Gabriel Pankow