Jerome Olive

Jérome Olive: "Die Dacia Produktion ist fest in das Produktionssystem von Renault eingebunden. Es gelten dieselben Standards, dieselben Guidelines, dieselben Qualitätsansprüche." - Bild: Jürgen Mainx

Weiter beschreibt der Franzose das Entwicklungspotenzial der Marke, Produktionsstrategien, neue Konkurrenz und wie Dacia seine führende Position verteidigen möchte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Monsieur Olive, wenn man hier durch das Dacia Stammwerk in Mioveni geht, fällt vor allem der hohe Anteil an manueller Arbeit auf. Gibt es trotz des niedrigen Lohnniveaus einen Druck zur Automatisierung?

Jérome Olive: Wir haben hier in der Tat einen hohen manuellen Anteil in der Fahrzeugfertigung und einen noch sehr geringen Automatisierungsgrad. Aber selbstverständlich nimmt auch bei uns der Einsatz von Robotern zu.

In Rumänien sind seit Eintritt des Landes in die EU die Löhne gestiegen und wir schauen sehr genau auf diese Entwicklung. Wir stehen im Wettbewerb mit anderen Herstellern. Und da ist klar: Wenn der Einsatz von Robotern wirtschaftlicher ist als die der Einsatz von Arbeitskräften, dann werden wir den Automatisierungsgrad erhöhen. Das ist die ökonomische Logik einer Branche, in der die Rentabilität entscheidend von der Produktion abhängt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: …aber bei der Entscheidung für verstärkten Robotereinsatz spielt nicht nur die Rentabilität eine Rolle…

Jérome Olive: Richtig. Der zweite Punkt ist: Die Arbeit in einem Autowerk ist hart und manuelle Arbeit ist in vielen Fällen aus ergonomischer Sicht und bei all dem, was wir über Belastungen am Arbeitsplatz wissen, auch nicht mehr zeitgemäß. Der dritte wichtige Punkt ist die Sicherstellung der Qualität. Wo viele Menschen von Hand an einem Produkt immer dieselbe Arbeit ausführen, ist das Qualitätsrisiko deutlich höher, als bei automatisierten Prozessen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Abgesehen von der manuellen Arbeiten: Wird in allen Werken mit Dacia-Produktion nach demselben Produktionssystem gearbeitet?

Jérome Olive: Exakt. Die Dacia Produktion ist fest in das Produktionssystem von Renault eingebunden. Es gelten dieselben Standards, dieselben Guidelines, dieselben Qualitätsansprüche. Der Produktionsprozess unterscheidet sich nicht. Ein Arbeiter hier in Rumänien kann seine Tätigkeit genauso in Marokko, unserem zweiten großen Dacia-Stammwerk, ausführen wie in unserem Werk in Brasilien oder im Iran.

Dort werden die Dacia-Modelle zwar unter der Marke Renault verkauft, die Fahrzeuge werden aber alle auf der Plattform B0 – oder bei uns intern M0 – gebaut. Das Produktionssystem ist übrigens nicht nur über die Renault-Group gespannt, auch die Produktionsprozesse unseres Allianz-Partners Nissan sind sehr ähnlich.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sind die Prozesse so angeglichen, dass man jedes Dacia-Modell auch in Renault-Werken bauen könnte?

Jérome Olive: Nicht in jedem Werk. Grundsätzliches Ziel der Plattformstrategie ist bei uns wie allen großen OEM, möglichst viele Modelle über eine Plattform laufen zu lassen. Aber natürlich haben wir nicht in allen Werken alle Plattformen. Die entsprechende Plattform für Dacia-Modelle existiert in den neun Werken in Rumänien, Marokko, Russland, Kolumbien, Brasilien, Iran, Indien und Südafrika. Dort übrigens werden die Dacia-Modelle bei Nissan gebaut.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Kommen wir von der Produktion zu den Produkten. Was hätten Sie gesagt, wenn Ihnen beim Erscheinen des ersten Dacia 2004 jemand prophezeit hätte, dass die Marke bis 2013 über 2,5 Millionen Fahrzeuge verkaufen würde?

Jérome Olive: 2005 haben wir sicherlich nicht damit gerechnet, dass sich die Marke innerhalb so kurzer Zeit unter den Volumenherstellern etablieren würde – vor allem den Erfolg in Westeuropa hatten wir nicht in dem Ausmaß und in der Kürze der Zeit erwartet.

Mit dem Erfolg der Marke insgesamt haben wir schon gerechnet und er ist ja nicht über Nacht gekommen. Wir haben die Marke seit der Einführung des Logan konsequent weiter entwickelt und mit den acht Modellen jetzt, haben wir auch ein Angebot, das wir als Volumenhersteller brauchen. Dass es so gut läuft, hat uns sicher positiv überrascht, aber das ist besser als andersrum.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Schlichte Autos, spartanischer Auftritt und trotzdem keine Rabattschlacht. Würden Sie sagen, dass der Dacia-Erfolg die Branchengesetze auf den Kopf stellt?

Jérome Olive: Mit Dacia haben wir sicher ein neues Fahrzeugsegment aufgemacht. Dieses Segment meint nicht Billigautos, es meint Autos, die sich an fundamentalen Mobilitätsbedürfnissen der Kunden orientieren. Die Zahl der Kunden, die eine Autowahl aus rein rationalen Gründen trifft, nimmt zu.

Mit Dacia bedienen wir diese Bedürfnisse konsequent: Individuelle Mobilität, die man sich leisten kann und will, gute Qualität, zeitgemäße Technik und das verpackt in modernes Design.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Anfangs prophezeiten viele Experten, dass der Absatzaufschwung Dacia zu Lasten Renaults gehen würde. Gibt es diese Kannibalisierung?

Jérome Olive: Nein, das zeigen die Erfahrungen eindeutig. Wenn überhaupt, dann wird Dacia als Ergänzung zu Renault gesehen.

Was wir dagegen sehr klar sehen ist, dass Dacia eine hohe Attraktivität für Autofahrer hat, die sich bislang nur am Gebrauchtwagenmarkt bedient haben. Entweder, weil sie sich keinen Neuwagen leisten konnten oder angesichts der hohen Preise für Neuwagen keinen leisten wollten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hilft denn umgekehrt Dacia, dass Sie für Renault neue Kundengruppen gewinnen können?

Jérome Olive: Das ist schwer zu sagen. Die Marken sind sehr unterschiedlich positioniert und differenzieren sich sehr deutlich voneinander. Nehmen Sie den Clio IV oder den Captur. Mit diesen Modellen sprechen wir ganz andere Kunden an, als Dacia mit dem Sandero oder dem Sandero Stepway. Wir sehen die Marken in erster Linie als Ergänzung zueinander.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sehen Sie Dacia von der Modellseite für weiteres Wachstum gerüstet?

Jérome Olive: Wir haben jetzt acht Fahrzeuge in unserer Modell-Range. Das ist ein solides, gutes Fundament, um die Marke kraftvoll weiter zu entwickeln. Das gilt für Europa, wo wir weiter wachsen wollen. Das gilt vor allem aber auch für neue Märkte mit hohem Potenzial.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Märkte haben Sie da speziell im Sinn?

Jérome Olive: Sehr interessant ist die Entwicklung in einigen afrikanischen Ländern mit Wachstumsraten über 10 Prozent jährlich und einer hohen Bevölkerungszahl wie beispielsweise Ghana, Nigeria oder Angola. Da sehen wir große Chancen, speziell für die Dacia-Modelle.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Inzwischen arbeiten fast alle namhaften Hersteller an Low-Budget-Modellen für die Emerging Markets. Wie wappnen Sie sich gegen die aufkommende Konkurrenz?

Jérome Olive: Wir haben mit Dacia ein neues Segment aufgemacht und sind darin sehr erfolgreich. Wir sind stark aufgestellt, machen einen guten Job und können uns aus einer offensiven Position heraus weiter entwickeln. Aber natürlich werden neue Konkurrenten in diesem Segment an den Markt kommen.

Die einen mit eigenen Marken, die anderen mit günstigeren Modellen bestehender Marken. Gerade im Bereich der Low-Cost-Brands erwarten wir speziell mit Blick auf den Absatzmarkt Europa starke Konkurrenz aus China. Es gibt dort einige sehr dynamische Hersteller, die exakt in dieses Segment zielen.

Wir können aber aus einer Position der Stärke heraus agieren. Am Ende werden über Erfolg und Misserfolg nicht die Marktstrategen entscheiden, sondern die Kunden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sieht es denn mit ihrer hauseigenen Konkurrenz aus. Ihr Allianz-Partner Nissan hat mit Datsun nun ebenfalls eine Low-Cost-Marke, Renault hat nun noch Lada im Portfolio. Wie grenzen Sie die Marken untereinander ab?

Jérome Olive: Ich möchte nur für Dacia und Renault sprechen und hier ist Angrenzung ganz einfach: die Marken konkurrieren nicht auf denselben Märkten untereinander. Lada hat eine starke Position in Russland und den angrenzenden Ländern der ehemaligen UdSSR und ist ein wichtiges strategisches Element, um uns eine starke Position in dieser wichtigen Wachstumsregion zu verschaffen.

Aber: auch in Russland sind Lada, Dacia und Renault nicht mit direkt konkurrierenden Modellen am Markt. Grundsätzlich gilt: Renault und Dacia sind nur mit unterschiedlichen Modellen auf denselben Märkten vertreten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welches Wachstumspotenzial sehen Sie für die Marke Dacia – also ohne Dacia-Modelle mit Renault-Badge?

Jérome Olive: Das ist schwierig, aber lassen Sie mich die Frage mit einem Blick auf die Produktionskapazität beantworten. Mit unseren Stammwerken in Marokko und hier in Pitesti-Mioveni haben wir eine Kapazität von 600.000 Fahrzeugen jährlich. Mit dieser Kapazität versuchen wir die Marktnachfrage zu bedienen. 2012 wir rund 360.000 Fahrzeuge der Marke Dacia verkauft.

Eine konkrete Prognose zur weiteren Entwicklung ist schwierig. Wir wachsen zwar in Europa, aber der Markt hier schrumpft. Dagegen sehen wir erhebliche Wachstumschancen in Afrika. Beispielsweise mit dem Duster.

AUTOMOBIL PRODUKTION: …so ist das Verkaufsziel 600.000 Dacia jährlich?

Jérome Olive: Nein, nein. So einfach ist die Rechnung nicht. Zum einen produzieren wir in unseren Stammwerken auf Fahrzeuge, die unter der Marke Renault verkauft werden, zudem brauchen wir für die Flexibilität in unserer Produktion auch noch einige Reserven.

Das Interview führte Frank Volk