Dieter Zetsche, Daimler, Detroit

Daimler-Chef Dieter Zetsche in Detroit: “2015 wird bei uns das Jahr der SUV. Den Start machte das GLE Coupé”, sagt der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG und Leiter des Geschäftsfelds Mercedes-Benz Cars. Bild: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Zetsche. Wenn ich mich bei den Premiumherstellern umhöre, dann erheben derzeit alle den Anspruch, beim autonomen Fahren ganz vorne zu sein. Wer hat denn nun das Urheberrecht?
Fakt ist, dass wir schon in den 90er Jahren autonom gefahren sind und dass wir vor zwei Jahren mit einer aktuellen S-Klasse mehr als einhundert Kilometer im normalen Straßenverkehr zurückgelegt haben. Wenn die anderen das auch gemacht haben, dann haben sie vergessen, darüber zu reden. Im vergangenen Jahr waren wir mit dem Future Truck autonom auf der Autobahn unterwegs. Und auch, dass nur wir bereits heute in der Serie bei diversen Modellen teilautonom unterwegs sein können, belegt unsere Position im Wettbewerb.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sehen Sie den Wettbewerb unter den drei deutschen Premiumherstellern?
Lassen Sie mich dazu mit einem Beispiel antworten. Es gab nach der IAA 2013, wo wir unsere sogenannte Bertha-Benz-Fahrt vorgestellt hatten und mit einer S-Klasse autonom von Mannheim nach Pforzheim gefahren sind, Treffen unserer Wettbewerber mit ihren Lieferanten. Dabei wurden diese mit der Frage konfrontiert, warum sie eigentlich nichts von unserem Projekt erfahren hätten. Nimmt man das als Indikation, spricht wenig dafür, dass die anderen voraus sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben bei der Vorstellung des Forschungsfahrzeugs F015 das Ziel genannt, dem Autofahrer Raum und Zeit zurückzugeben. Konterkariert das nicht die Werte, die auch Mercedes als Marke groß gemacht haben, nämlich das aktive Fahren, das Fahrerlebnis?
Wir haben ganz deutlich gesagt, dass das autonome Fahren eine zusätzliche Option ist und das Steuer selbst zu übernehmen, selbstverständlich auch weiterhin möglich sein wird. Wenn sich ein Kunde einen Mercedes AMG C63 kauft, dann interessiert er sich für Leistung, Beschleunigung und mögliche Kurvengeschwindigkeiten, dann will er aktiv fahren. Wenn sich jemand für eine Mercedes-Maybach S-Klasse entscheidet, wird er in aller Regel im Fond mitfahren. Insofern sind die Prioritäten heute schon höchst unterschiedlich. Aber auch der Fahrer des C63 wird im Stadtverkehr in Los Angeles, München oder Peking in der Rushhour die Zeit im Auto gerne sinnvoll nutzen. Darum geht es: Denjenigen, die es wollen, mit dem autonomen Fahren eine zusätzliche Option anzubieten. Wer diese schon einmal genutzt hat, wird zustimmen, dass autonomes Fahren die Freude am Auto steigert, weil man nur dann selbst fährt, wenn es Spaß macht. Im zähen Stadtverkehr übernimmt ? wenn gewünscht ? das Auto.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es bei Daimler eine hierarchische Abstufung, was den Grat der Automatisierung anbelangt, nach dem Motto: Bis zur C-Klasse gibt es Features für das automatisierte Fahren, darüber für das autonome Fahren?
Auf der Zeitschiene wird es selbstverständlich ein Nebeneinander verschiedenster Ausbaustufen der autonomen Fähigkeiten geben, nicht aber auf der hierarischen Ebene. Das Thema wird Top down von den Spitzenmodellen ausgehend in die Segmente darunter getragen. Dies wird relativ schnell gehen. Allerdings müssen zuvor eine ganze Reihe von regulatorischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen diskutiert und geklärt sein.

Dieter Zetsche, Mercedes GLE

Dem Jahr der C-Klasse soll 2015 das Jahr der SUV folgen. Den Auftakt machte in Detroit das GLE Coupé. Es folgen GLE, GLC und GLS. Die SUV werden dabei in die neue Nomenklatur eingebunden. Bild: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: Bekommen Sie auf der regulatorischen Ebene von politischer Seite die Unterstützung, die Sie brauchen?
Die Industrie ist schon sehr weit. Aber im regulatorischen Umfeld muss noch einiges geschehen. Und auch bei ethischen Fragen, die sich stellen, muss noch vieles diskutiert und auf gesellschaftlicher Ebene abgeklärt werden. Was uns allen noch fehlt, ist die Erfahrung mit autonom fahrenden Autos. Wir müssen noch mehr Wissen sammeln. Dafür müssen wir auch im öffentlichen Verkehr testen können. In Kalifornien dürfen wir das schon heute, in Deutschland nicht. Das macht den Standort Deutschland nicht attraktiver.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also ein klares Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber technologischen Zukunftsfeldern?
Eindeutig ja!

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ein wesentlicher Part für das autonome Fahren ist die Bereitstellung von Daten. Woher kommen die bei Daimler?
Richtig, wir brauchen eine präzisere, hochauflösende Datenbasis. Street-View alleine reicht nicht. Solche Daten werden bereits generiert. Wie und in welcher Form das künftig geschieht, durch uns, im Auftrag von uns oder über Partnerschaften, das werden wir erst noch sehen und das ist nicht ganz trivial. Denn entscheidend für die zuverlässige Realisierung des autonomen Fahrens ist die Präzision der Daten, aber genauso deren Absicherung. Dabei müssen wir genügend Einfluss haben.

Zur Person
Dieter Zetsche ist seit dem 16. Dezember 1998 Vorstandsmitglied und seit dem 1. Januar 2006 Vorsitzender des Vorstands der Daimler AG. In Personalunion leitet er das Geschäftsfeld Mercedes-Benz Cars mit den Marken Mercedes-Benz und Smart. Der Manager mit dem markanten Schnauzer wurde 1953 in Istanbul geboren, wo sich die Familie zu der Zeit aus beruflichen Gründen aufhielt. Nach der Schulzeit in Frankfurt und dem Abitur studierte er von 1971 bis 1976 Elektrotechnik an der Universität Karlsruhe mit dem Abschluss als Diplomingenieur. 1976 trat er in den Forschungsbereich der damaligen Daimler-Benz AG ein und wurde 1981 Assistent der Entwicklungsleitung im Geschäftsbereich Nutzfahrzeuge. Zetsche promovierte 1982 an der Universität Paderborn zum Dr.-Ing.; Zetsches aktueller Vertrag als Vorstandsvorsitzender läuft noch bis Ende 2016.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Derzeit wird heftig darüber diskutiert, ob beispielsweise Google eine zu dominante Rolle einnehmen könnte. Sind die Big-Data-Player aus Ihrer Warte unverzichtbare Partner oder sind das in erster Linie Unternehmen, die Ihre Wertschöpfung schmälern?
Das Letztere macht mir keine große Sorge. Das Sammeln von Daten und deren Nutzung ist aber ein kritischer Punkt. Ohne das bewerten zu wollen, ist Googles bisheriges Geschäftsmodell darauf ausgelegt, Daten, die sie generieren, dann auch in anderen Anwendungen zu nutzen. Das kann zwar durchaus auch im Sinne der Kunden sein, letztlich geht es aber um eine Drittnutzung. Das wollen wir definitiv nicht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Es gab ja bereits Empfehlungen, dass sich die deutsche Autoindustrie zu einer Art Anti-Google-Allianz zusammenfinden müsste. Wie sehen Sie das?
Es gibt Gespräche. Wohin diese führen, muss man sehen. Aber: Das Interesse, Alternativen zu haben, ist ein gemeinsames Interesse der gesamten Industrie.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der F015 ist ein Fahrzeug, das in der Form nur rein elektrisch betrieben werden kann. Bisher hat sich Daimler, was die E-Mobilität angeht, zurückgehalten. Ist der F015 auch ein Signal für eine stärkere Hinwendung zu E-Fahrzeugen?
Wie kommen Sie zu der Einschätzung, dass wir uns bei E-Fahrzeugen zurück gehalten haben? Fakt ist, dass wir als erste Lithium-Ionen-Batterien ins Auto gebracht haben; Fakt ist weiter, dass wir schon 2013 Marktführer bei Elektrofahrzeugen in Deutschland waren, Dritter in Europa und Vierter in der Welt. Wir haben den Smart als rein batterieelektrisches Fahrzeug, die elektrisch angetriebene B-Klasse und in China den Denza. Es gibt nicht viele Hersteller in der Welt, die in drei verschiedenen Klassen vollelektrische Fahrzeuge anbieten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Dann lassen Sie uns über die Antriebszukunft von Daimler sprechen…
…da spielen elektrische Antriebe eine wesentliche Rolle. Wir werden bis 2017 zehn weitere Fahrzeuge mit Plug-In-Hybrid anbieten. Die S-Klasse ist Realität, in Detroit haben wir mit dem C350 Plug-In-Hybrid ein weiteres elektrisch angetriebenes Modell vorgestellt. Insofern sind wir gut unterwegs und glauben, dass der elektrische Antrieb langfristig die Antriebsart der Zukunft sein wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Daimler Entwicklungsvorstand Thomas Weber hat neulich angedeutet, dass es im Bereich der Produktion von Batteriezellen sinnvoll sein könnte, Kooperationen einzugehen…
Thomas Weber ist hier falsch zitiert worden. Zunächst einmal muss man Zelle und Batterie separat betrachten. Für Batterien haben wir eine Fabrik in Kamenz. Diese ist sehr erfolgreich und wir werden sie deshalb auch weiter ausbauen. Batteriezellen haben wir als einziger Hersteller in Deutschland produziert. Technologisch waren wir führend, aber seit unserer Entscheidung zur Fertigung der Zellen wurden weltweit Überkapazitäten aufgebaut und wir waren am Standort Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig. Deswegen werden wir bei den Batteriezellen mit niemandem kooperieren. Wir werden in Kamenz weiter Batterien bauen und in diesen Bereich investieren. Zellen kaufen wir dort, wo es sich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten anbietet.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Von der Zukunft in die Daimler Gegenwart: 2014 war für Sie ein echtes Comeback-Jahr. Was wird 2015 noch besser?
Wir wollen mehr verkaufen, noch rentabler werden und noch mehr attraktive Autos in den Markt bringen, wobei das letztere das erstere zur Folge haben wird. 2015 wird aber trotzdem kein einfaches Jahr. Die Randbedingungen in verschiedenen großen Märkten sind nicht nur positiv und manche politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sind nur schwer vorhersehbar. Wir haben aber jede Menge Momentum, und das nicht nur bei den Pkw, sondern im gesamten Unternehmen. Wir hatten noch nie die Situation, dass wir in sämtlichen Feldern so positiv unterwegs waren. Vor diesem Hintergrund und angesichts der Produkte, die wir in der Pipeline haben, sind wir optimistisch, dass wir eine weitere Verbesserung gegenüber dem Jahr 2014 erreichen werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Produkte sollen diese Entwicklung treiben?
2015 wird bei uns das Jahr der SUV, wo wir mit attraktiven neuen Produkten auf den Markt kommen. Den Start haben wir in Detroit mit dem GLE Coupé gemacht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie betonen immer wieder, bis 2020 die Nummer 1 unter den Premiumherstellern werden zu wollen…
Die deutschen Premiumhersteller spielen stückzahlmäßig in der gleichen Liga. Wir sind außerhalb von China weit vor Audi und gleichauf mit BMW. Insofern ist China ein entscheidender Stellhebel zur Erreichung des gesetzten Ziels. Dort kommen wir gut voran und haben eine erfreuliche Wachstumsdynamik. Auch außerhalb Chinas wollen wir wachsen, so dass das Ziel 2020 unverändert besteht…

AUTOMOBIL PRODUKTION: …eigentlich wollte ich nicht fragen, ob sie an dem Ziel festhalten, sondern warum es für einen Premiumhersteller wie Mercedes-Benz überhaupt so wichtig ist, auf der Volumenseite die Nummer 1 zu sein?
Das ist relativ simpel. Als Mercedes-Benz können wir kein anderes Ziel haben, als der Beste zu sein. Wenn wir das beste Produktportfolio haben, die beste Qualität, die attraktivsten Autos, dann geht der Kunde in die Wahlkabine und macht sein Kreuzchen. Wenn dieses Kreuzchen statistisch häufiger bei den anderen steht, dann ist es nur eine Fiktion, dass wir das beste Angebot haben. Der am Volumen gemessen größte Premiumhersteller zu sein ist kein Primärziel, sondern die Konsequenz daraus, der Beste sein zu wollen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ein wichtiger Schritt, auf der Kostenseite der Beste sein zu wollen, war der weltweite Produktionsverbund für die C-Klasse. Wird dieses Modell in anderen Baureihen fortgesetzt?
Auch unsere kompakten Modelle werden im Verbund an vier Standorten weltweit gebaut werden: in Deutschland, in Ungarn, in China und dann auch in Mexiko. Die E-Klasse ? und ich spreche nicht von CKD-Standorten ? wird heute schon in Sindelfingen und in China gefertigt. Bei der S-Klasse haben wir keine Pläne, sie an einem anderen Standort als Sindelfingen zu fertigen. Ein globales Produktionsnetzwerk ist für uns ein zentraler Ansatz zur Steigerung der Effizienz bei gleichzeitiger Sicherstellung einheitlich hoher Qualitätsstandards.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie passt MV Agusta in diese Gesamtstrategie. Was haben Sie mit der italienischen Motorradmarke vor?
Das gleiche, was wir ursprünglich mit Ducati machen wollten, nämlich eine Marketingpartnerschaft mit AMG. Diese sichern wir über eine Beteiligung ab. Wir haben nicht vor, bei MV Agusta in den Fahrersattel zu steigen oder Motorräder zu entwickeln.

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Das Interview führte Frank Volk