Ursula Schwarzenbart, Leiterin Global Diversity Office der Daimler AG

“Am Ende geht es darum, ob man sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann”, erklärt Ursula Schwarzenbart, Leiterin Global Diversity Office der Daimler AG. Bild: Daimler

AUTOMOBIL PRODUKTION: Als Autohersteller ist es sicherlich einfacher Fachkräfte zu bekommen. Wie ist die aktuelle Lage?
Wir haben keine Probleme dabei, Fachkräfte zu finden. Wir bekommen jedes Jahr Bewerbungen im niedrigen sechsstelligen Bereich. Wir sehen aber sehr wohl, dass Unternehmen außerhalb von Ballungszentren oder Zulieferer, die in der Peripherie liegen, es wesentlich schwerer haben auch eine ausreichende Zahl an Fachkräften für sich zu gewinnen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Niedriger sechsstelliger Bereich heißt nach meiner Rechnung um die 100.000 Bewerbungen. Wie viele brauchen Sie denn?
Das ist sehr unterschiedlich: Wenn Sie zum Beispiel auf Azubis schauen, haben wir letztes Jahr rund 2.000 eingestellt. Bei unseren Trainees waren es mehr als 200 und es kommen mehrere tausend Direkteinstiege weltweit hinzu. Außerdem stellen wir Praktikanten, Duale Studenten und Doktoranden ein. Hinzu kommt, dass sich unser Unternehmen in den vergangenen Jahren verändert hat, was die Recruiting-Prinzipien betrifft. Wir stellen zunehmend auch Professionals von Extern in die Hierarchie ein. Das waren früher eher Karrieren, die im Haus gemacht wurden. Heute gibt es beides und diese Vielfalt ist uns wichtig.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was erhoffen Sie sich denn von den externen Profis?
Wir setzen auf neue Ideen, neue Impulse und den Mut, neue Wege zu gehen. Natürlich ist es auch wichtig, dass sie ihre Erfahrungen einbringen. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir Perspektiven wechseln und noch flexibler werden müssen, damit wir unsere Produkte noch flexibler und agiler gestalten können und noch näher am Kunden sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie kommen Sie an die Leute, die Sie gerne hätten – über klassische Online-Job-Plattformen?
Ja, absolut. Die klassischen Online-Job-Plattformen sind für uns ein wichtiges Tool. Darüber hinaus arbeiten wir auch mit Personalberatern zusammen. Und wir gehen natürlich auf Messen und machen selbst Recruiting-Veranstaltungen. Wir legen großen Wert darauf, mit Menschen, die schon mal bei uns ein Praktikum gemacht oder eine Abschlussarbeit geschrieben haben, gezielt in Kontakt zu bleiben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es für die Professionals in Ihrem Hause auch Förderprogramme?
Ja, wir haben zum Beispiel die Daimler Academic Programs. Damit unterstützen wir Weiterqualifizierung in den Feldern, die für uns als Unternehmen relevant sind. Mitarbeiter können etwa einen höheren Abschluss – also einen MBA-Abschluss oder einen Master in einem technischen Bereich erlangen. Darüber hinaus tun wir im Rahmen unserer Daimler Corporate Academy viel, um Fachwissen und Softskills unserer Professionals zu entwickeln. Dort werden unter anderem Seminare zu Präsentations- oder Kommunikationstechniken angeboten. Außerdem haben wir Mentoring- und Sponsoring-Programme für unsere Nachwuchskräfte, durch die wir sehr gezielt Potenzialträger in unserem Unternehmen fördern. Und last but not least verpflichten wir Kollegen, die die nächste Führungsebene erreichen, zu einem Seminar, das sie gezielt auf diese Aufgaben vorbereitet. Lebenslanges Lernen ist bei Daimler für jeden einzelnen eine Selbstverständlichkeit.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie unterscheidet sich für Sie die Suche nach Studenten oder Berufseinsteigern von der Suche nach Professionals?
Studenten befinden sich in einer völlig anderen Lebenssituation und wollen für ihren Berufsstart in erster Linie einen attraktiven Arbeitgeber finden. Hier ist Employer Branding – also welche Marke passt zu mir und wo möchte ich hin – sehr wichtig. Professionals schauen sehr dezidiert darauf: Was ist es für eine Funktion? Was ist es für eine Aufgabe? Was sind die Ziele, die ich umzusetzen habe? In was für einem Arbeitsumfeld findet das statt? Also mit anderen Worten: Professionals sind anspruchsvoller in der Frage: Was genau bedeutet ein Wechsel? Und auch in der Beschreibung die sie brauchen, um sich für eine Aufgabe zu entscheiden.

Zur Person
Ursula Schwarzenbart, geboren 1958, ist Chief Diversity Officer bei der Daimler AG. Sie gilt als kompetente Personalerin: Bereits 1999 bis 2005 hatte Sie die Personalleitung der Mercedes-Benz Pkw-Entwicklung inne und ist seit 2005 Chief Diversity Officer und Director Performance & Potential Management. Als Gründerin dieser Personalentwicklungsabteilung erarbeitete sie eine Umsetzungsstrategie mit den Zielen, ein Fünftel weibliche Führungskräfte bis 2020 im Konzern zu etablieren und unter anderem an der Stärkung des Generationenmanagements und interkultureller Kompetenzen. Laut Schwarzenbart kann man im globalen Wettbewerb nur bestehen, wenn die Ausgeglichenheit ein gelebter Teil der Geschäftsstrategie ist. Schwarzenbart steht für die Überzeugung, dass Unternehmen, die gute Arbeitgeber für Frauen sind, gute Arbeitgeber für alle sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und unterscheidet sich die Ansprache von Professionals in Deutschland von der Ansprache dieser Berufsgruppe auf anderen Märkten?
Ja, denn in Deutschland ist die Fluktuation nicht sehr hoch – insbesondere im Professional-Bereich. In den Vereinigten Staaten ist das relativ ähnlich. Im asiatischen Raum dagegen ist die Solidarität zum Arbeitgeber nicht so stark ausgeprägt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie feiern 2016 quasi das 10-jährige Jubiläum, weil Sie 2006 das professionelle Diversity-Management bei Daimler etabliert haben. Mit welchen Ergebnissen können Sie aufwarten und wo sind Sie bei dem Ziel 2020 die 20 Prozent Frauenanteil zu erlangen?
Den beiden Fragen kann ich mit einer Antwort begegnen: Wir haben uns 2006 vorgenommen, dass der Frauenanteil in leitenden Führungspositionen jährlich um einen Prozentpunkt wächst. Und wir sind damals bei 6 Prozent gestartet. Insofern machen wir es jetzt allen leicht, weil wir sagen: 2006 – 6 Prozent, 2007 – 7 Prozent, 2008 – 8 Prozent und so weiter. Wir werden 2016 – das ist meine feste Überzeugung – die 16 Prozent Frauen in Führungspositionen erreichen. So wie wir bisher unsere Jahresziele kontinuierlich erreicht haben. Ich denke, das ist ein vorzeigbares Ergebnis. Wir gehören zu den Unternehmen, die die meisten Kinderbetreuungsplätze in Deutschland anbieten. Es sind mehr als 800. Und wir sind das Unternehmen, das beim Thema Gender Diversity im Vergleich zu unseren Wettbewerbern früh aktiv wurde und Ziele definiert hat. Wir haben im Ergebnis auch den höchsten Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Automobilindustrie in Deutschland.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie das Thema Frauenförderung irgendwie weiter optimieren?
Ich wäre nicht Diversity-Managerin, wenn ich nicht permanent Möglichkeiten sähe, wie wir das Thema der Förderung von Frauen in Führungspositionen weiter optimieren können. Ich glaube, insbesondere wenn wir über Professionals reden, ist es extrem wichtig einen gezielt gesteuerten Onboarding-Prozess zu verfolgen. Es reicht nicht, eine Frau für das Unternehmen zu gewinnen und sie in den Job starten zu lassen. Ich denke, dann geht es erst richtig los. Das bedeutet: Wir müssen uns intensiv darum kümmern, dass unsere weiblichen Nachwuchskräfte schnell ein Netzwerk aufbauen können. Deswegen haben wir unsere Mitarbeiternetzwerke gegründet. Und wir empfehlen den Professionals auch immer, sich sofort in diesen Netzwerken zu engagieren. Wir fördern gezielt den Austausch der Frauen untereinander, aber auch den Austausch der Kolleginnen und Kollegen miteinander.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Führen Sie auch Mentoring-Programme durch?
Wir bieten Mentoring-Programme auf allen Ebenen an. Zum Beispiel unser Mentoring Programm CARe, das sich an unser Traineeprogramm CAReer anschließt. Dabei stellen wir sicher, dass es Mentoren als Ansprechpartner für alle Nachwuchskräfte gibt. Das ist ein Thema, das uns sehr am Herzen liegt. Frauen sind pauschal natürlich weder kompetenter noch weniger kompetent als Männer, haben aber oftmals einen anderen Kommunikationsstil. Dafür schaffen wir auf beiden Seiten ein Bewusstsein. Gemeinsam versuchen wir außerdem mit unseren Nachwuchskräften herauszufinden: Was sind ihre Lebensziele? Was sind ihre privaten Ziele? Was wollen sie erreichen und wie? Und sie dann gezielt darin zu unterstützen und beraten. Das hilft Männern und Frauen dabei, Beruf und Privatleben möglichst optimal zu vereinbaren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auf welche Veranstaltungen muss ich als Professsional mit guter Ausbildung gehen?
Wir bieten beispielsweise die Daimler Women Days. Dabei können sich Studentinnen und Young Professionals mit Fachbereichen im Unternehmen austauschen, das Unternehmen und die Aufgaben kennenlernen. Am Ende geht es darum, ob man sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann. Außerdem gibt es das Daimler “Knowledge College”. Das sind Seminare und Workshops für Studierende zur Stärkung sozialer Kompetenzen und zu Fachthemen aus der Praxis. Die zweitägigen Veranstaltungen werden von internen und externen Experten geleitet. Ein Thema dabei ist „Stärken stärken“. Hier lernt man, persönliche Stärken zu erkennen. Am zweiten Tag erarbeitet man sich, selbstbewusst und überzeugend im Beruf aufzutreten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Um an eine Einladung zu kommen, muss ich mich unter www.daimler.com/karriere/berufserfahrene/ bewerben?
Genau.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Art von vorausschauender Personalplanung verfolgen Sie?
Wir sind schon seit längerem dabei, Personal aufzubauen, das uns an der Mensch-Maschine-Schnittstelle unterstützt. Hier ist ein Automobilbauer manchmal gar nicht der erste Arbeitgeber der potentiellen Bewerbern einfällt, im Vergleich zu Apple oder Microsoft. Aber das ändert sich gerade dramatisch. Und wir sehen auch, wie schnell diese Veränderungen zwischenzeitlich vor sich gehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Berufsbilder sind für Sie besonders attraktiv?
Kybernetik beispielsweise. Aus diesem Bereich haben wir zwischenzeitlich schon relativ viele Absolventen. Es sind zudem häufig interdisziplinäre Studiengänge, beispielsweise an der Schnittstelle zwischen Maschinenbau und IT, die für uns als Unternehmen sehr interessant sind.

Das Gespräch führte Bettina Mayer