Dr. Michael Roesnick, Gesellschafter und Vorsitzender der Geschäftsführung der Preh GmbH

"2010 werden wir ein Umsatzwachstum von rund 40 Prozent erzielen. Auch für 2011 sind wir sehr optimistisch": Dr. Michael Roesnick, Gesellschafter und Vorsitzender der Geschäftsführung der Preh GmbH. - Bild: Preh

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Roesnick, Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, mit Blick in Ihre Auftragsbücher, wie positiv ging 2010 zu Ende, wie wird 2011 für Preh?
Preh hat die Branchenkrise schneller als erwartet überwunden. 2010 werden wir ein Umsatzwachstum von rund 40 Prozent erzielen. Wir liegen damit wieder deutlich über dem Niveau der Jahre 2007 und 2008. Auch für 2011 sind wir sehr optimistisch: Wir rechnen mit einer Fortsetzung unseres dynamischen Wachstumskurses und erwarten erneut zweistellige Zuwachsraten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?
Aus unserer Sicht sind Prognosen über einen so langen Zeitraum immer mit vielen Fragezeichnen behaftet. Wir gehen für Preh zwar ebenfalls von kräftigen Zuwächsen in den kommenden Jahren aus. Auf der anderen Seite hat aber unsere gesamte Branche Ende 2008 schmerzhaft erleben müssen, wie schnell Planungen und Prognosen Makulatur werden können. Wir werden daher die wirtschaftliche Stabilität von Preh weiter gezielt verbessern, um gegebenenfalls ein weiteres Mal einen unerwartet harten konjunkturellen Rückschlag verkraften zu können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
Wir sehen die größte Herausforderung derzeit in der Schuldenkrise zahlreicher europäischer Staaten. Diese Entwicklungen sind schwer abzuschätzen und können das globale Wirtschaftswachstum zumindest abbremsen. Für die USA sind wir aufgrund unserer Aufträge für besonders absatzstarke Fahrzeugmodelle weiter grundsätzlich optimistisch. 2010 sind wir in den USA um rund 50 Prozent gewachsen. Aufgrund der starken Auftragseingänge werden wir die Kapazität unseres Werks in Mexiko verdoppeln. Für Preh rechnen wir im NAFTA-Raum 2011 erneut mit einem zweistelligen Wachstum.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden Ihr Produktportfolio mittelfristig wie verändern? Und was will Ihr Kunde?
Wir profitieren vor allem von dem Trend, dass der Fahrzeug-Innenraum hinsichtlich Funktionsvielfalt und Benutzerfreundlichkeit über alle Fahrzeugsegmente weiter aufgewertet wird. Wachstumsimpulse gehen u.a. von beruhigten und High-End-Oberflächen (Stichworte Black Panel-Technologie und PVD-Beschichtung) aus. Auch innovative Konzepte zur Reduzierung von Tasten im Cockpit sehen wir als Wachstumssegment. Aufgrund unserer Kompetenz für Steuergeräte profitieren wir zudem von dem Trend zu Hybrid- und Elektrofahrzeugen, da Preh hier im Bereich Batteriemanagement aktiv ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Fokus Deutschland: Ingenieur- resp. Fachkräftemangel, Alterung der Gesellschaft und Rente mit 67, drohende Lohnkostensteigerungen, fehlgeleitete Kundenerwartungen an künftige Elektromobilität, wie schlimm ist es wirklich?
Wir halten den Standort Deutschland immer noch für international wettbewerbsfähig und finden noch immer hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte, trotz der großen Konkurrenz um die besten Ingenieure und Fachkräfte. Langfristig müssen wir aber mehr Ingenieure in Deutschland ausbilden, um unser Niveau zu halten.

Preh profitiert von der weiteren Aufwertung der Fahrzeug-Innenräume hinsichtlich Funktionsvielfalt und Benutzerfreundlichkeit über alle Fahrzeugsegmente: Klimabediensystem und Schalter für Multifunktionslenkrad im Audi A1 sind von Preh aus Bad Neustadt a. d. Saale. - Bild: Preh

AUTOMOBIL PRODUKTION: VW-Chef Prof. Dr. Martin Winterkorn will bekanntlich Toyota und GM als weltgrößte Autobauer ablösen. Welche Ziele haben Sie sich für 2011 ff. gesetzt?
Wir wollen unseren Wachstumskurs in Europa und Nordamerika fortsetzen und mit einem Joint Venture in China auch Aufträge für Fahrzeuge im chinesischen bzw. asiatischen Markt gewinnen und vor Ort produzieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie wollen Sie diese erreichen?
Für unsere Wachstumsstory in China haben wir mit Joyson einen Joint-Venture-Partner gefunden, der sich zu Preh in idealer Weise ergänzt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wirkt sich der dauernd steigende Kostendruck vonseiten der Kunden und der Wettbewerber auf Ihr Unternehmen aus – umsatztechnisch im Hinblick auf Ihr Automotive-Geschäft? Mit welchen Auswirkungen auf bestehende Standorte und die künftige Standortauswahl? Wo planen Sie bis 2015 neue Investitionen, neue Werke? Was heißt das für den Produktionsstandort Deutschland?
Wir haben 2009, in der Krise, ein Werk in Rumänien eröffnet und werden 2011 mit unserem Partner Joyson in China neue Produktionskapazitäten schaffen. Wir werden weiterhin an unserem Produktionsstandort in Bad Neustadt festhalten, der sich weiter auf hoch automatisierte Fertigung und die Einführung neuer Technologien konzentrieren wird. Im Produktionsverbund mit unseren Werken in Portugal, Mexiko und Rumänien werden Produkte für besonders kostengünstige Volumenmodelle dann auch in China entstehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichwort Markt-/Einkaufsmacht: Die Verteilungskämpfe innerhalb der Gesellschaften wie zwischen den Staaten/Wirtschaftsmächten werden härter – viel scheint derweil auf ‚Krawall gebürstet‘ zu sein. Auch im Automobilbau kann von den vielbeschworenen Partnerschaften keine Rede sein, eher ist der Tenor: Der Kunde ruft, der Lieferant hat zu gehorchen. Wie entwickelt sich Ihr Verhältnis zu den OEM-Kunden/ zu den Zulieferern? Wird der Ton in der Branche noch rauer? Was bedeutet das für die Zukunft?
Der Druck hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, während die Fairness abgenommen hat, und stellenweise auch die Logik in der Kostenargumentation der OEMs kaum nachzuvollziehen ist. Es macht jedoch keinen Sinn, darüber zu jammern, sondern wir müssen uns dem Wettbewerb auch zukünftig mit innovativen Lösungen und möglichst kostengünstiger Produktion stellen. Unsere konsequente Internationalisierung ist hierfür das beste Beispiel.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Machen Sie sich, macht sich die deutsche Autobranche von China auf Dauer zu abhängig?
Unsere Ansichten sind hier nicht wirklich entscheidend, denn die Mehrzahl unserer Kunden fordert von Preh eine Belieferung aus lokaler Fertigung in China. Es ist das Land mit der stärksten Wachstumsdynamik und sowohl als Absatzmarkt für Fahrzeuge im Luxus-Segment wichtig als auch für die lokale Produktion von Fahrzeugen im Volumensegment. Es wäre also sehr kurzsichtig, China in erster Linie als Gefahr zu betrachten. Aus unserer Sicht überwiegen die Chancen mit China die Risiken eindeutig.

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald