Interview mit Dr. Stefan Wolf

Dr. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender ElringKlinger AG

Weitere Akquisitionen scheinen nur eine Frage der Zeit. Schließlich verbessert jeder strategische Zukauf die Marktposition. Und ElringKlingers neue Produkte tun das sowieso.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Wolf, Sie werden 2010 vermutlich mit einem tollen Ergebnis abschließen. Stolz darauf?
Ich bin zunächst mal stolz auf unsere Mitarbeiter. Denn ohne gute und motivierte Mitarbeiter kann eine Firma kein zufriedenstellendes Ergebnis erreichen. Es ist natürlich wichtig, dass Sie entsprechende strategische Vorgaben haben; man gewisse Richtlinien vorgibt und auch die Zügel fest in der Hand behält. Aber letztendlich müssen es die Mitarbeiter umsetzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Macht Sie die Akquise des Flachdichtungsgeschäfts der Freudenberg-Gruppe besonders stolz?
Wir freuen uns sehr darüber, dass es geklappt hat. Dies ist eine sinnvolle und wichtige Konsolidierung im Markt. Es gibt aus meiner Sicht noch zu viele kleine und mittlere Zulieferer. Freudenberg ist natürlich ein großer Konzern, aber dieser Bereich an sich war eigentlich zu klein um in diesem Markt zu bestehen. Deshalb ist er bei uns im Verbund deutlich besser aufgehoben. Die Konsolidierung in der Fahrzeug-Zulieferindustrie ist notwendig und wird sich auch weiter fortsetzen – einfach um größere Einheiten zu schaffen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was können Sie mit der Akquise, was Sie vorher nicht konnten?
Das ist keine Frage des Könnens – wir sind technologisch führend. Wir haben uns mit der Übernahme dieser Freudenberg-Gesellschaften in den für uns bisher schwachen Märkten Frankreich und Italien nun deutlich besser aufgestellt. Dies war ein wichtiger strategischer Schritt, denn bisher hatten wir in Frankreich keinen eigenen Standort. Aber das Hauptgeschäft dieser Freudenberg-Flachdichtungssparte spielte sich vorwiegend dort ab. Das stärkt nun unsere Position bei französischen Kunden, bei denen wir zwar schon ganz gut positioniert sind, aber eben noch nicht optimal. Französische Kunden denken teils nationalistisch und kaufen gerne von französischen Zulieferern, wenn dies möglich ist. Mit einem eigenen Standort dort werden wir auch eher als französischer Zulieferer wahrgenommen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: War der Zukauf eher eine gute Gelegenheit oder ein strategisch geplanter Schachzug?
Das hatte ich mir schon lange vorgestellt und so gewünscht. Ich war seit 2009 mit den Verantwortlichen von Freudenberg in der Diskussion. Ich habe ihnen dargelegt, wie der Bereich nach der Zusammenführung aussieht, und bin damit auf offene Ohren gestoßen. Freudenberg hat relativ schnell erkannt, dass dies eigentlich der richtige Weg ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Dann werden sich Ihre Kunden in Frankreich auf Preissteigerungen einstellen müssen?
Das eigentlich nicht. Ich habe gesagt, dass wir nur zu auskömmlichen Preisen liefern, damit wir eine entsprechende Marge erzielen. Das muss man im Einzelfall anschauen, aber wir sehen im Moment keine Notwendigkeit, generell Preise zu erhöhen. Unser Vorteil ist, dass wir dieses doch recht kleine Geschäft in einem größeren Verbund betreiben, und so größere Mengen und größere Volumen einbinden können. Da haben wir natürlich entsprechende Effekte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie planen bis 2012 eine Vergrößerung Ihrer Margen von derzeit drei bis fünf Prozent auf dann acht bis zehn Prozent. Das geht nicht ohne Preissteigerungen, oder?
Ich glaube, dass wir das größtenteils hin kriegen. Und zwar deshalb, weil wir bessere und schnellere Verfahren haben, sowie eine höhere Produktivität. Das ist ein Volumen-Thema. Wenn Sie geringe Volumen haben, dann tun Sie sich immer schwer mit dem Geschäft Geld zu verdienen.

Interview mit Dr. Stefan WolfAUTOMOBIL PRODUKTION: Was kommt auf die Mitarbeiter dieser Sparte zu?
Die müssen sich insofern ein bisschen umstellen, dass bei uns alles schnell und zielorientiert abläuft. Wir haben einen relativ großen Zuspruch von den Mitarbeitern. Wir fordern entsprechenden Einsatz, denn wir sind sehr schlank strukturiert. Und die vergangenen Akquisitionen zeigen auch, dass sich die neuen Mitarbeiter in der Regel bei ElringKlinger deutlich wohler fühlen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Alle Mitarbeiter dürfen also bleiben?
Ja, Freudenberg führt am deutschen und französischen Standort andere Unternehmensbereiche fort und übernimmt für diese auch einen Teil der bisherigen Beschäftigten. In Italien übernehmen wir den Standort komplett mit allen Mitarbeitern. Es gibt somit keine betriebsbedingten Kündigungen.

Interview mit Dr. Stefan Wolf

Dr. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender ElringKlinger AG

AUTOMOBIL PRODUKTION: Eine Kapitalerhöhung hat Ihnen 124 Millionen Euro in die Kasse gespült. Für was wurde, beziehungsweise wird das Geld verwendet?
Für die Freudenberg-Akquisition haben wir einen Betrag zwischen 35 und 40 Millionen Euro aufgewendet. Dann werden wir hier in Dettingen/Erms ein neues Werk für Kunststoff-Gehäusemodule bauen – also Ölwannen, Ventilhaubenmodule, Lagerschilddeckel, Getriebeölwannen. Das kostet etwa 20 Millionen Euro und wird die Teile hocheffizient und vollautomatisiert herstellen. Dann sind wir im Moment dabei ein Hochregallager zu bauen und ein neues Logistikkonzept mit deutlich höherer Effizienz einzuführen. Das sind rund 15 Millionen Investment. Und dann habe ich noch die eine oder andere Akquisition vor. Ich habe es ja schon angesprochen: Ich sehe in den nächsten Jahren einen weiteren Konsolidierungsprozess unter den Fahrzeugzulieferern.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Beim Thema Akquisition denken Sie an Unternehmen im Bereich der Abschirmtechnik und in der Produktion von Kunststoff-Gehäusemodulen – warum?
Beides sind interessante Bereiche. Im Dichtungsbereich haben wir mittlerweile eine sehr starke Stellung erreicht. Da gibt es jetzt weltweit nur noch drei Firmen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Verraten Sie uns Wettbewerber-Namen?
Federal Mogul und die DANA-Gruppe.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und was spricht für eine Akquisition in puncto Kunststoff-Gehäusemodule?
Dieser Markt ist noch nicht so konsolidiert wie der Bereich Dichtungstechnik.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben neue Produkte für Turbolader und Abgasrückführung angekündigt …
Ja, Spezialdichtungen für Turbolader. Dort gibt es am „heißen“ und am „kalten“ Ende einige Trennstellen, die man abdichten muss. Und im gesamten Abgasstrang machen wir jetzt schon seit Jahren eine Vielzahl von Abdichtungen. Und zwar mit einer Temperaturbeständigkeit von bis zu 1"200 Grad Celsius.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie passen diese Produkte mit der angekündigten Brennstoffzellen- und Batterietechnologie zusammen?
Das ist etwas völlig Neues. So haben wir zum Beispiel ein Zellkontaktiersystem für Lithium-Ionen-Batterien bis zur Serienreife entwickelt. Damit konnten wir uns in der Elektromobilität mit einem Produkt sehr gut positionieren. Insgesamt führt dies letztendlich dazu, dass wir in beiden Welten leben. Besonders interessant sind Hybrid-Modelle für uns, weil wir in diese unser altes Produkt-Portfolio verkaufen können und gleichzeitig mit neuen Teilen für den elektrischen Antrieb bereitstehen. Und da wir schon seit vielen Jahren mit Bipolarplatten für Brennstoffzellen-Stacks arbeiten, positionieren wir uns mit dem Thema Brennstoffzellen auch außerhalb der Fahrzeugindustrie. So sind wir gerade dabei, kleine Blockheizkraftwerke für Ein- und Zweifamilien-Häuser mit zu entwickeln.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der kürzlich eingegangene Auftrag in Höhe von 50 Millionen Euro bezieht sich sicherlich auch auf Teile für Elektromobilität, oder?
Exakt. In den nächsten fünf Jahren wollen wir mit dieser Zellverbinder-Kontaktiersystemtechnologie etwa 50 Millionen Euro Umsatz erzielen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wer ist denn bei diesen neuen Technologien Ihr direkter Konkurrent?
Bei diesen Zellkontaktiersystemen gibt es in der Form, wie wir sie entwickelt haben, soweit ich weiß niemanden, der in direktem Wettbewerb dazu steht.

Interview mit Dr. Stefan Wolf

Dr. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender ElringKlinger AG

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auch nicht in Asien?
Nein, auch dort sehe ich niemanden. Aber ich möchte nicht ausschließen, dass es einen Wettbewerber gibt, den wir noch nicht kennen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Arbeiten Sie auf dem Feld auch mit anderen Zulieferern zusammen?
Bis jetzt noch nicht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es einen Markt, den Sie besonders im Auge behalten?
Für uns ist der Hauptwachstumsmarkt der Zukunft natürlich Asien – ganz klar. Da gehören aber nicht nur China, Indien und Japan dazu, sondern auch Thailand, Vietnam, Malaysia, die doch ein interessantes Wachstum darstellen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie planen den Konzernumsatz um fünf bis sieben Prozent zu steigern. Eine realistische Prognose?
Wenn Sie fünf bis sieben Prozent organisch wachsen, dann verdoppeln Sie die Firma innerhalb von 10 Jahren. Und das ist ein gesundes Wachstum.

Das Interview führte Bettina Mayer