Walter Franz, Datagroup

Walter Franz, Datacolor: "Es gibt Handlungsbedarf, die Systeme etwas konsequenter einzusetzen." Bild: Datacolor

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Anforderungen stellt die Automobilindustrie an ein leistungsfähiges Farbmanagement in der gesamten Wertschöpfungskette für Interieur-Oberflächen?
Dreh- und Angelpunkt eines effizienten, globalen Automobilbaus sind die Verfügbarkeit von Teilen und Daten und eine effiziente Kommunikation. Und das betrifft auch den Innenraum. Beispielsweise muss ein Fahrzeug, das etwa bei VW in Chattanooga hergestellt wird, unter Umständen auch Teile aus anderen Ländern beziehen. Von Lieferanten, die sich normalerweise um die Fertigungsstelle herum gruppieren. Aber dennoch kann es sein, dass diese Zulieferteile aus Mexiko, aus Brasilien oder vielleicht sogar aus Deutschland kommen. Und da müssen wir sicher sein, dass die zugehörigen Qualitätsdaten dieses Produkts vorliegen und detailliert kommuniziert werden. Es muss sichergestellt sein, dass wichtige Innenraum-Parameter wie Farbe, Oberfläche und Glanz den Vorgaben entsprechen und dass sich das eingebaute Teil einwandfrei einfügt. Und hier werden sich neue Lösungen auftun.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welches Maß an Innovation braucht die Farbmesstechnik?
Ganz wichtig ist, dass die Messtechnik heute so präzise arbeitet, dass wir Daten, Farbdaten, digitalisiert kommunizieren können. Deswegen werden die Qualitäts-Referenzen in Zukunft nicht mehr durch physikalische Muster markiert, sondern durch Datensätze. Die kommen vom Hersteller des Automobils und können in entsprechend beliebiger Form verteilt werden. Wir brauchen also präzise Geräte, die so genau arbeiten, dass sie ortsunabhängig überall objektive Ergebnisse produzieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Zwischen künstlicher Optik und menschlichem Auge gibt es also noch ein Spannungsfeld?
Das menschliche Auge kann geringste Farbunterschiede extrem gut feststellen. Dies allerdings heute anders als morgen. Aber die Unterschiede sehen wir. Wir sind immer in der Lage Unterschiede zu erkennen, interpretieren diese aber nicht konsistent. Das erfordert wiederum, dass die Absolut- und Differenzgenauigkeit der Farbmesstechnik signifikant unter der unserer Augen bleibt. Und da sind wir erst jetzt so weit, dass wir Messgeräte produzieren können, die das erreichen. Früher musste jeder Hersteller sein physikalisches Muster an seinem Messgerät einmessen und dann mit dem gleichen Messgerät auch die Qualität umsetzen und sichern. Wir hatten also eine gute Relativgenauigkeit. Heute haben wir Messtechniken, die orts- und zeitunabhängig zusätzlich hohe Absolutgenauigkeit liefern. Das ist eine Neuentwicklung der letzten ein, zwei Jahre.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was hat den Durchbruch gebracht?
Der Durchbruch bei Datacolor gelang neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Messverfahren, Messköpfe und Spektrometer-Technologien wesentlich über neue Technologien in der Beleuchtung. Die Verwendung von LED im Beleuchtungsbereich bei Farbmessgeräten zusammen mit einem hochauflösenden Spektrometer ist ein Novum. Früher hatten wir Xenon-Blitzlampen verwendet. Diese liefern zwar hohe Energie, sind aber während der Beleuchtung schwieriger zu kontrollieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie lässt sich intelligente Farbmesstechnik in Fertigungsprozesse integrieren?
Der Fertigungsprozess von Innenraummaterialien wie etwa hochwertigsten PVC-Folien findet ja statt bei Unternehmen wie beispielsweise Benecke-Kaliko. Diese Tier-2-Lieferanten, die wiederum Systemlieferanten wie Johnson Controls versorgen, müssen sicherstellen, dass ihre Produktion im kontinuierlichen Prozess einer 100-Prozent-Kontrolle enspricht. Und hier müssen auch neue Lösungen gefunden werden, um in der Fertigung Messverfahren einzusetzen, die das leisten können. Benecke achtet heute schon darauf und kommuniziert bereits intern digital, so dass jede Struktur, jedes Produkt ? egal wo produziert ? mit der gleichen Qualität hergestellt wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Warum ist die Inline-Integration noch nicht Standard?
Es sind Lösungen heute schon im Markt. Wir beobachten nur, dass sie nicht konsequent eingesetzt werden. Das kann technische Gründe haben oder durch Integrationsprobleme hervorgerufen sein. Aber ich stelle fest, dass da auch noch Handlungsbedarf ist, die Systeme etwas konsequenter einzusetzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie lässt sich das stimulieren?
Ich glaube, dass der Ausbildungslevel hier angehoben werden muss. Damit meine ich weniger das Verständnis für die Gerätetechnik, sondern die praktische Anwendung im messtechnischen Prozess. Wichtig scheint mir eine spezifische Ausbildung: Wie messe ich einen Innenraum korrekt und wo sind die Limitationen? Wo sollte ich aufhören und nicht messen? Hier gibt es immer noch ein Defizit. Die Ausbildungsstätten, aber vielleicht auch die Verbände sind gefragt, ein entsprechendes Ausbildungssystem noch zu verbessern, gegebenenfalls mit Hilfe der Messtechnik-Industrie.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Datacolor hat vor einem halben Jahr eine neue 45/0-Spektralfotometerserie lanciert. Wie lässt sich deren Innovations-Kern beschreiben? Wie sind die ersten Erfahrungen aus dem Testbetrieb ? beispielsweise von Volkswagen?
Das Gerät, an dessen Testbetrieb Volkswagen sowohl am Standort Wolfsburg als auch in Mexiko intensiv beteiligt war, hat gleich drei innovative Besonderheiten. Da ist zunächst die flache Formgebung zu nennen, welche die Messungen auch in schwer zugänglichen Ecken wie etwa unterhalb einer Windschutzscheibe ermöglicht. Dann verfügt das Gerät über einen neuen Messkopf mit patentierter, inverser 45/0-Geometrie, LED-Beleuchtung und hochpräzisem Monochromator, der die Reflexionsdaten sehr genau auflöst. Und schließlich ist hier die Integration eines Glanzmessgeräts in die Farbmesstechnik gelungen. Im Rahmen eines Messvorgangs stehen sofort Daten beider Parameter zur Verfügung. Der Zeitaufwand gegenüber dem Einsatz zweier Einzelgeräte halbiert sich damit. Es hat sich zu einem ganz wichtigen Kriterium im Innenraum entwickelt, dass auch der Glanzgrad an allen sichtbaren Teilen identisch ist. Und weil ein glänzender Kunststoff billig aussieht, besteht der Anspruch, den Glanzgrad auf allen Teilen im Innenraum ? egal ob PVC-Folie, Spritzguss- oder Lederteile ? so niedrig wie möglich zu halten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In welche Zukunft steuert das Farbmanagement?
Zu dem, was wir visuell als Gesamteindruck wahrnehmen, gehören neben der Farbe auch die Oberfläche, die Struktur und der Glanz. Und beim Glanz entspricht der mit dem Messgerät erarbeitete Wert noch nicht exakt dem visuellen Eindruck. Hier werden heute unterschiedliche Messtechniken angewandt ? Farbe und Glanz werden gemessen, aber auch die Textur wird heute analysiert. Ich denke, hier muss noch etwas Arbeit geleistet werden, um diese Messtechniken zusammenzufügen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie groß würden Sie sagen, ist die Lücke hier noch zwischen Soll und Ist?
Wir verwenden in der Farbmetrik bis auf den Bereich Effektpigmente im Außenbereich seit vielen, vielen Jahren gleiche Messgeometrien. Das liegt auch daran, dass diese Messgeometrien genormt sind ? die ganze Welt richtet sich danach. Damit einher geht eine gewisse Trägheit, diese genormten Wege zu verlassen. Die noch zu schließende Lücke ist nicht gerade klein. Wir sollten vielleicht bestehende Systeme in Frage stellen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Steht der Schwenk auf eine gänzlich neue Technologie bevor?
Nicht kurzfristig. Man müsste wirklich auf neue Technologien wechseln, um den Gesamteindruck darzustellen, den unser Auge aufnimmt und der sich in unserem Gehirn abbildet. Wir wissen heute, dass zum Beispiel Imaging-Technologien oder auch Messungen unter unterschiedlichen Winkeln in der Beleuchtung und in der Messung immer noch nicht voll kompatibel mit dem visuellen Gesamteindruck sind. Da ist sicher ein Systemwechsel nötig, um weiterzukommen. Und das wird noch eine Weile dauern.

Zur Person
Dipl.-Ing. Walter Franz, seit 2012 Director Global Business Development bei Datacolor International, begann seine berufliche Laufbahn bei Carl Zeiss in Oberkochen als Regional Sales Manager für Analyseinstrumente. 1984 wechselte er als Leiter des Verkaufs in das Frankfurter Büro des auf Farbmanagement und Farbkommunikationstechnologie spezialisierten Unternehmens Datacolor. Nachdem er 1999 zum Managing Director Datacolor Germany ernannt wurde, erweiterte sich sein regionaler Verantwortungsbereich sukzessive, was 2009 in die Berufung zum Director Global Sales mündete.

Das Interview führte Christian Klein