Stefan Ketter

Ist stolz auf das neue FCA-Werk in Brasilien: Stefan Ketter. – Bild: Daniela Nader

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Ketter, das brasilianische Werk Goiana besitzt für FCA eine Leuchtturmfunktion. Warum?
Es ist zu dem größten Projekt der Fiat-Geschichte geworden. Und zwar in allen Dimensionen: in der Größe, in der Komplexität, in den Voraussetzungen, die wir hier vorgefunden haben. In der Region Pernambuco war keinerlei automobile Infrastruktur vorhanden. Bislang kannte man sich hier nur mit Zuckerrohranbau aus. Wir fingen also bei Null an und planten ein Werk einschließlich Lieferantenparks sowie einem Entwicklungszentrum auf dem Reißbrett. Und: In Südamerika sind wir Marktführer. Südamerika ist strategisch sehr wichtig für FCA, um unabhängiger von Europa und den USA zu werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Und ist auch ein Projekt mit viel Herzblut von Ihnen…?
Es ist schlichtweg das größte Projekt und deswegen auch meine Präsenz in diesem Projekt. Mit diesem Projekt haben wir all das umgesetzt, was wir uns über Jahre als Ideallösungen so vorgestellt hatten. Ich hatte immer so eine Art Idealwerk in der Schublade, wo alle Best Practises einfließen. Goiana ist unser Vorzeigeprojekt und wird immer das modernste und fortschrittlichste von all unseren Werken sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was bedeutet das Vorzeigeprojekt aber konkret für den Produktionsalltag Ihrer Marken?
Was bedeutet das Vorzeigeprojekt aber konkret für den Produktionsalltag Ihrer Marken?

AUTOMOBIL PRODUKTION:Welche Modelle produzieren Sie in dem neuen Werk in Goiana?
Es werden drei Modelle sein. Wir haben das Projekt hier auch gemacht, um unsere Präsenz in Südamerika zu erweitern. Und gleichzeitig erweitern wir nun die Marke Jeep, indem wir hier investieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Wie viel fertigen Sie derzeit täglich?
Wir produzieren momentan 350 Autos am Tag. In der Endausbaustufe wollen wir bei 45 stündlich liegen. Das sind 260.000 bis 270.000 Fahrzeuge im Jahr.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie haben drei Lieferantenparks geplant?
Ja, neben dem auf dem Zuliefererpark auf unserem Gelände sind zwei weitere im Umkreis von 20 Kilometern geplant, die gerade aufgebaut werden. Wir haben schon sehr viele Interessenten unter den Zulieferern, die sich dort ansiedeln möchten. Wir schätzen so in maximal neun bis zwölf Monaten haben wir die ersten dort angesiedelt. Meistens sind es Tier 2 oder aber Nachzügler von Lieferanten, mit denen wir in Betim zusammenarbeiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie bauen in China, in Guangzhou, noch ein Werk zusammen mit der Guangzhou Automobile Group (GAC). Folgt das Werk dem Vorbild von Goiana?
Ja, sehr viele Standards von hier werden dort übernommen. Nur ist in Guangzhou auch Erfahrung in der Autoindustrie vorhanden. Mit unserem Partner haben wir schon viele Mitarbeiter aus dem gemeinsamen Werk in Changsha geholt, sowie erfahrene Leute, die GAC durch die Zusammenarbeit mit Honda und Toyota hat. Das neue Werk in Guangzhou ist eine komplette Kopie von Goiana. Wir bauen die gleichen Methoden der Qualifizierung und der Umsetzung auf. Kürzlich waren mehr als 40 Leute aus China hier, um von Goiana zu lernen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Ist Goiana gleichzeitig auch die Lead Plant für den Renegade?
Nein. Das Werk in Melfi hat den Renegade zuerst gebaut. Aber für die beiden weiteren Fahrzeuge, die hier gebaut werden, sind wir die Lead-Plant. Zum Teil sind wir auch beim Renegade im Lead, weil wir das Fahrzeug mit den letzten Änderungen und Verbesserungen hier aufgebaut haben. Deswegen ist es besser, das Goiana Werk als Vorbild zu nehmen und alle Best Practises von hier zu kopieren. Man könnte auch sagen es ist ein Trainings-Objekt für die weitere Expansion.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sind noch weitere Fabriken geplant?
Im Moment nicht. Wir verfügen dann über genügend Kapazität weltweit für unser Wachstum.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie produzieren in Goiana zunächst knapp 300.000 Einheiten pro Jahr. Sie verfügen aber über genügend Fläche, um das ganze Werk zu spiegeln und könnten so auf fast 600.000 Einheiten vergrößern.
Der erste Schritt ist ja nicht die Verdoppelung, sondern der weitere Schritt wäre von 45 auf 60 Fahrzeuge pro Stunde zu gehen. Darauf sind einige Bereiche schon vorbereitet. Zum Beispiel der Bau der Lackiererei ist schon auf 60 Einheiten ausgelegt. Und 60 Fahrzeuge pro Stunde ergibt etwa 350.000 bis 360.000 Fahrzeuge pro Jahr.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Und das ist Ihr Ziel bis Ende 2016?
Nein. Das Ziel bis 2016 sind zwischen 270.000 und 300.000 Einheiten. Da kommen wir mit 45 Fahrzeugen pro Stunde hin.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Dann sind die 60 für 2017 oder 2018?
Nein, die 60 sind für ein zukünftiges Wachstum geplant. Das Werk ist schon so gezeichnet, dass es wachsen kann. Das Hauptproblem bisher in all unseren Werken war, dass jedes Wachstum ungemein teuer war. Weil wir etwas umbauen mussten oder die Lackiererei musste auf dem Parkplatz gebaut werden. Goiana oder ein neues Werk ganz allgemein ist eine Investition für die nächsten 50 Jahre. Wir müssen expansionsfähig sein – ohne jetzt zu wissen, wann und wie wir das brauchen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Könnten Sie die Fahrzeuge in Brasilien auch für andere Märkte produzieren?
Das Fahrzeug, das wir hier produzieren, ist exportfähig – überall hin, wo wir es wollen. Wir werden aber erst den brasilianischen Markt beliefern. Aber wir könnten jederzeit auf „Export“ umschalten.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Würde das finanziell überhaupt Sinn machen?
Ja, das macht Sinn.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Wohin würden Sie exportieren. Nach Nordamerika?
Innerhalb Südamerikas, nach Mexiko oder auch nach Afrika. Wir sind natürlich in Konkurrenz mit der Produktion in Europa. Aber hier gilt: Wer die besseren Ergebnisse bringt, kann exportieren. Von daher – auch ganz wichtig – der Rückschluss, warum wir das Projekt so durchziehen: Wir haben ganz extrem in Qualität investiert, denn Qualität ist absolute Priorität. Das Fahrzeug muss sich qualitätsmäßig sehr gut darstellen und im Markt auch so wahrgenommen werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Stichwort Lokalisierung: Was ist da Ihr Ziel?
Das ist auch etwas, was vielleicht einmalig ist, wenn man es vergleicht: Wir haben hier mit einem Lokalisierungsgrad von 70 Prozent angefangen und konnten uns innerhalb von 12 Monaten auf 80 Prozent steigern. Das geht einher mit sehr vielen Lieferantenprogrammen, die vor allem stark qualitätsorientiert sind.

Zur Person
Stefan Ketter ist seit 2008 Chief Manufacturing Officer von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und Mitglied im Group Executive Council seit September 2011. Zuvor war er u.a. Leiter der Qualitätskontrolle bei Fiat und davor bei BMW. 1996 eröffnete er als Audi-Manager ein neues Werk in Brasilien für den Export nach USA. Stefan Ketter wurde in Sao Paulo, Brasilien, geboren und ging auf eine Deutsch-Brasilianische High School. Er studierte anschließend an der TU München sowie dem Insead in Frankreich. Er spricht perfekt portugisisch, was für die Abstimmung mit Regierung und Interessengruppen unerlässlich ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie rechnen für Jeep mit 1,9 Millionen Fahrzeugen bis spätestens 2018. Wo steht der Absatz aktuell?
Wir haben 2014 mit einer Million Fahrzeugen abgeschlossen. Das war über Plan.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Stimmt es, dass Sie hier in Brasilien für den Jeep Renegade Wartelisten haben?
Ja, das stimmt. Aktuell liegen wir in der Zeitspanne zwischen zwei und drei Monaten.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie fertigen im Goiana-Werk nur eine Marke?
Wir haben lange diskutiert, ob wir in den Werken jeweils eine Marke fertigen. Aber wir wollen beides: das Werk sollte mehrere Marken fertigen können, aber auch nur eine Marke tragen. Dass wir hier Jeep fertigen ist aus unserer Sicht auch eine Motivation, die ungemein zur Markenzugehörigkeit beiträgt.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Wenn Sie auf der „grünen Wiese“ bauen, erfordert das nicht eine höhere Investition als ein „Ausbau“ einer bestehenden Fertigung?
Nein, das können wir aus Erfahrung sagen. Als Fiat in Brasilien startete, ist man auch mit der Betim-Plant nach Belo Horizonte gegangen und da gab es gar nichts. Da hat man genau so etwas aus dem Nichts aufgebaut und die Entscheidung hat sich – nach 40 Jahren – als richtig erwiesen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie stärken aber damit ja auch Brasilien als attraktiven Standort für die Autoindustrie.
Wir pflegen auch eine sehr enge Zusammenarbeit mit der Regierung – nicht nur die staatliche, sondern auch mit den örtlichen Regierungsorganen. Es stimmt schon, das neue Werk ist ein sehr wichtiges Projekt für das Land und für Brasilien. Und vor allen Dingen der Beweis, dass man auch so was in Brasilien umsetzen kann.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie haben geplant, bis Ende 2016 hier auch eine Motorenfabrikation aufzusetzen. Man spekuliert, dass dort auch Dieselaggregate gebaut werden.
Da wird so viel geredet. So ein Schritt macht aber nur Sinn, wenn wir wirklich von einer neuen Motorengeneration ausgehen können. Da sind wir aber noch in der Diskussionsphase.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Denken Sie bei der Diskussion an einen Motor, der sich für die beiden Marken Alfa Romeo und Jeep global eignet?
Ich glaube, das wird eher ein Motor sein, der sich in guten Stückzahlen hier in Südamerika absetzen lässt. Und das sind ja kleine bis mittlere Motoren.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Die Sie dann mit zwei Turboladern auch in den Jeep bauen, oder?
Nein, wir bauen keine Motoren mit zwei Turboladern im Jeep. Wir haben hier einen Basismotor – das ist der 1,8 Liter. Wir haben den Basis-Diesel-Motor, der aus Europa kommt. Und dann haben wir einen größeren Vierzylinder, der importiert wird. Aber wir werden uns die Volumina genau ansehen und uns entsprechend vorbereiten, wenn wir eine neue Generation brauchen. Aber das ist ja kein brennendes Problem. Sie müssen ja nicht unbedingt ein Motorenwerk neben dem Fahrzeugwerk bauen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Welchen Projektstand hat Pernambuco im Sommer 2015. Wann ist die Fabrik fertig?
Die Fabrik ist 95 Prozent und Produkte 55 Prozent.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Also haben Sie das Projekt hier fast abgeschlossen und betreuen noch den Aufbau in China. Was sind Ihre nächsten Herausforderungen?
Mir wird es nicht langweilig. Keine Sorge. Wie gesagt: Bis 2018 müssen wir noch gehörig wachsen. Und diese weltweite Expansion der großen Marken ist nicht einfach. Wir müssen viele Fahrzeuge umsetzen, wir müssen viele Fahrzeuge integrieren. Sicherlich werden wir keine weiteren Werke aufbauen. Aber wir müssen die neuen Produkte integrieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Wie stark sind Sie beim Wachstum von Alfa Romeo engagiert?
Meine Organisation erarbeitet die Produktionsplanung, die ganze Ausarbeitung der Werke, der Fertigungsstraßen, die notwendig sind und die Betreuung des Anlaufs: Damit haben wir auch viele andere Bereiche, die angehängt sind, wie Lieferanten, wie Logistik. Also wir haben da letztendlich die Umsetzung nach der Entwicklung in der Hand. Das ist nicht wenig.

AUTOMOBIL PRODUKTION:FCA plant seine Architekturen auf drei Key-Platforms zu reduzieren. Wo stehen Sie?
Der Plan hat nicht nur die Produktionsseite, sondern da gehören auch Einkauf, Produktion, Entwicklung, die Lieferanten, die Qualitätssicherung dazu – das bedeutet, die Synergien der Komponenten und der Entwicklungskosten soweit zu erhöhen wie möglich. Dass wir uns da mit gleichen Plattformen weltweit aufstellen können. Aber das ist ja nichts Neues – das machen ja andere auch.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie müssen sowohl die europäischen als auch die amerikanischen Fabriken allesamt umbauen, oder?
Ja, ganz richtig. Die Planung steht.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was ist aus Ihrer Sicht der Garant für den Erfolg in der Produktion?
Es geht nicht immer nur um Technologie. Der Mensch ist der Schlüssel. Sie können noch so viel investieren, Sie können die besten Anlagen hinstellen: Wenn Sie nicht die Menschen dazu haben, die das nicht nur umsetzen, sondern auch ständig verbessern können, dann hat die Investition keinen Sinn. Das gilt für alle großen Projekte, die wir umgesetzt haben – in Italien und teilweise auch in den USA. Das geht nur mit einer guten Struktur des Personals.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie haben für dieses Projekt die besten 200 Leute aus dem ganzen Konzern zusammengeholt. Wohin gehen die nun?
Die meisten verlassen Goiana Anfang nächsten Jahres. Einige werden auch in die Führungsstruktur integriert. Von den 22 Expatriates, die wir noch hier haben, sind 70 Prozent nicht mehr in der Führungsrolle, sondern nur noch der Coach eines brasilianischen Mitarbeiters. Warum? Weil die Führung eines Werkes in der lokalen Mentalität besser funktioniert. Das Ergebnis ist sehr überraschend und sehr, sehr positiv. Mittlerweile sind diese jungen Leute schon sehr weit gekommen. Und diese Menschen müssen wir fördern. Eigentlich war dieser Schritt der Übergabe mal auf Ende 2017 terminiert. Das haben wir nun auf 2016 vorgezogen – weil unsere Brasilianer schon fertig ausgebildet sind.

Das Interview führte Bettina Mayer