Franz Eduard Gruber, Forcam

Franz Eduard Gruber: "Das Toyota Lean Production Konzept ist ein Auslauf­modell." Bild: Forcam

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was bringt Industrie 4.0 dem Automobilbau?
Audi ist für mich nach wie vor ein Leuchtturmbeispiel. In der Kombination aus Industrie 4.0-Technologien und der optimalen Anwendung entsprechender Fertigungsorganisations-Prinzipien hat der Autobauer nachgewiesen, dass in den Presswerken eine Produktivitätssteigerung von 20 Prozent innerhalb von 12 Monaten möglich ist. Und auch in der hochautomatisierten Komponentenfertigung wurde innerhalb eines Jahres die Produktivität um zehn Prozent nach oben getrieben. Ein weiteres Beispiel aus dem Automotive-Mittelstand ist der Zulieferer MSR Technologies, der unter anderem Teile für den Turbolader von BorgWarner fertigt. Hier hat der Geschäftsführer einen Turnaround geschafft und die Produktivität um 25 Prozent erhöht. Als Nebeneffekt verzeichnet die Produktion zehn Prozent weniger Energieverbrauch.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Von welchem Ausgangslevel muss man diese Steigerungen betrachten?
Die Audi Komponentenfertigung war zweifellos bereits auf dem höchsten Level der Automatisierung. Den Unterschied nach oben hat vor allem die Integration von Industrie 4.0-Technologien in die Fertigungsorganisation gebracht.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also kann durch Industrie 4.0-Konzepte bisher brachliegendes Potenzial überhaupt erst definiert und in der Folge freigesetzt werden?
Absolut. Ein Hauptthema der Industrie 4.0 ist es, ein Cyber Physical System aufzubauen, also die Produktion in Echtzeit im virtuellen Raum wie in einem Cyber-Spiegel abzubilden. Dazu braucht man eine neuartige In-Memory-Technologie zur Echtzeitdatenerfassung und -verarbeitung. Durch diese objektiven Daten werden erstens Verschwendungen glasklar aufgezeigt und man gewinnt zweitens größte Transparenz über den Zustand der Fertigung. Man kann die Produktion virtuell analysieren und real optimieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo stehen hier die deutschen Automobilzulieferer im Vergleich zum internationalen Wettbewerb?
Audi, BMW, Daimler, Porsche – deutsche Autobauer sind technologisch im internationalen Vergleich ganz vorne. Und wenn wir als die wichtigsten Charakteristika für die Industrie 4.0 die Echtzeiterfassung und -verarbeitung von Big Data und die vertikale Integration mit Supply Chain und Produktentwicklung verstehen, dann können wir durchaus davon sprechen, dass auch deutsche Automobilzulieferer zum Teil einen sehr hohen Reifegrad erreicht und noch einen Vorsprung gegenüber ausländischen Zulieferern haben. Nachholbedarf sehe ich bei der Einführung von echten Cyber Physical Systems.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Für welches Ziel eignet sich die vernetzte Fabrik am ehesten: Steigerung der Qualität, der Flexibilität oder der Produktivität?
Die Breite des Potenzials ist enorm – für die gesamte Wertschöpfungskette, für die Produktion, für die Zulieferprozessketten. Alles dreht sich um digitale Vernetzung: Im Zuge der Industrie 4.0 entsteht die Smart Factory und in ihr kommunizieren intelligente Teile und Maschinen miteinander. Hightech-Lösungen messen, analysieren und visualisieren die drei Kategorien Verfügbarkeit, Leistung und Qualität der Anlagen mit einer bislang nicht gekannten Schnelligkeit und Genauigkeit. Für alle Kategorien gilt als zentrale Kennziffer die Gesamtanlageneffektivität OEE – die Overall Equipment Effectiveness.

Zur Person
Der Wirtschaftsingenieur und bekennende Allgäuer Franz Eduard Gruber (Jahrgang 1963) ist Gründer der FORCAM GmbH und seit 2001 deren Geschäftsführer. Zwischen 1989 und 2001 verantwortete er bei SAP Deutschland als CEO den Bereich “Sonderaufgaben Vertrieb”. Davor stand er bei IBM Deutschland in Diensten als Berater für Computer Integrated Manufacturing (CIM).

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die OEMs weiten ihre Strategie der Bildung von Plattformen bei Fahrzeugen und Produktionsbaukästen weiter aus. Was kommt auf die IT-Strukturen der Zulieferer zu?
Die Zulieferer müssen in der Lage sein, sogenannte Komponenten-Architekturen zu unterstützen. Diese beinhalten Mechanismen, damit unterschiedliche Anwendungskomponenten auch miteinander kommunizieren können. Es wird in Zukunft – auch im Zeitalter von SAP – keinen Anbieter weltweit geben, der hier eine marktbeherrschende Stellung einnehmen wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Keine Gefahr einer Monopolisierung?
Nein, die Anforderungen sind sehr unternehmensindividuell, das ist ein Betätigungsfeld für spezialisierte Nischenanbieter. Entscheidend ist, dass die Anbieter die Komponenten-Architektur ihrer Kunden unterstützen können. Das Stichwort heißt hier SOA, Service Oriented Architecture. Künftig können IT-Funktionen wie in einem digitalen Gelbe-Seiten-Buch gefunden, adressiert und zu einer Gesamtanwendung komponiert werden. Dahin geht die Zukunft.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was müssen denn aus Ihrer Sicht die Zulieferer noch tun, um ihre Strukturen soweit vorzubereiten, dass das Ganze dann auch rund läuft. Sind da Investitionen nötig?
Vor allem mittelständische Zulieferer sind gefordert, die Lücke zwischen dem ERP-Layer und ihrer Anlagentechnik konsequent zu schließen. Gerade Mittelständler unterschätzen den Einfluss der sinnvollen Nutzung von IT auf die Wertschöpfung und Produktivität. Dieser Lückenschluss ist aber wettbewerbsentscheidend. Und es fängt eben damit an, Stufe eins sicherzustellen und ein Cyber Physical System aufzubauen, um Echtzeitdatenerfassung und -verarbeitung zur Visualisierung der Produktivität in Echtzeit zu ermöglichen. Das ist die Stufe eins und hier sehen wir deutlichen Nachholbedarf.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was hält Mittelständler davon ab, Industrie 4.0 konsequent anzuwenden?
Möglicherweise hat sich bei vielen das jahrelang vornehmlich von Beraterseite gezeichnete Bild eingebrannt, dass IT in der Produktion eigentlich ein vermeidbares Übel ist. Ich nenne als Beispiel dafür das Toyota Lean Production System. Das aber trifft in keiner Weise zu. Das Toyota Lean Production Konzept ist ein Auslaufmodell.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das Thema Datensicherheit bereitet mehr denn je Sorgen. Haben sie dafür Verständnis?
Die Public Cloud zur Nutzung von sensiblen Daten ist bis auf Weiteres ad acta gelegt. Hier hat der NSA Datenskandal aufgezeigt, dass im Umgang mit unternehmenskritischen Daten massive Verbesserungen erzielt werden müssen. Der Private Cloud gehört die Zukunft.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie waren Anfang Juni Panelspeaker auf der US-Fertigungsmesse „The Big M“ in Detroit. Wie gehen die Amerikaner mit Industrie 4.0 um?
Sehr aggressiv. Die Amerikaner nennen es Industrial Internet. Im Gegensatz zu unserer Definition einer „vierten Stufe“ industrieller Produktion verstehen die Amerikaner die Evolution hin zur Smart Factory als dreiphasigen Prozess. Da ist erstens die industrielle Revolution, wie wir sie alle kennen. Die zweite Phase ist das Internet und die jetzige dritte Phase die Verschmelzung von Internetprozessen und -technologien. Industrial Internet wird zu neuen Prozessen, neuen Produkten und neuen Smart Factories führen. Das ist die weite Sicht in den USA, die ich teile, und dazu gehören neben IT-Technologie auch neue Verfahrensprozesse – insbesondere 3D-Printing und 3D-Laser-Scanning spielen hier eine riesige Rolle. Das Industrial Internet wird zu einem radikalen Wandel führen, der auch destruktiv wirkt. Die Amerikaner sind der festen Überzeugung, dass nun ihre Zeit gekommen ist, ihre IT-Führung zu verbinden mit der Old Economy und dem Thema Hardware in der Produktion. Dort sehen sie eine Chance, wieder ganz nach vorne zu kommen. Präsident Obama will 2014 einmalig eine Milliarde US-Dollar bereitstellen, um seine Initiative „National Network for Manufacturing Innovation“ NNMI zu befördern – ein landesweites Netzwerk aus Initiativen und Instituten. Zu den Aktivitäten zählen unter anderem “AMP 2.0” – Advanced Manufacturing Partnership – eine landesweite, branchenübergreifende Initiative für mehr Arbeitsplätze durch neue Technologien, sowie das Digital Manufacturing and Design Innovation Institute DMDI in Chicago. Zum DMDI-Netzwerk gehören 73 Unternehmen, Universitäten und Forschungseinrichtungen, die sich um die Weiterentwicklung von Prozessketten und von digitalen Produktionszyklen kümmern. Auch FORCAM wird als Partner mit dabei sein.

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Das Interview führte Christian Klein