Ford-COO Barb Samardzich

Barb Samardzich: "Die Kapazitätsanpassungen bringen jährlich bis zu 500 Millionen Dollar." Bild: Jürgen Mainx / AUTOMOBIL PRODUKTION

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wollen Sie Ford in Europa nach 1,6 Milliarden Dollar Verlust im Vorjahr bis Ende 2015 wieder profitabel machen?
Genau so, wie wir in den USA zurück auf die Erfolgsspur gekommen sind: Die drei Säulen heißen Produkte, Kosten und Marke. In allen diesen Bereichen deutlich weiter zu kommen, ist für uns absolut entscheidend, um in Europa wieder profitabel zu werden und nachhaltig zu wachsen. Auf der Kostenseite haben wir einige sehr schwierige Entscheidungen treffen müssen. Ende des Jahres wird unser Werk in Genk geschlossen; bereits geschlossen sind zwei Werke in Großbritannien. Dadurch haben wir die Voraussetzungen, unser Europageschäft auf der Kapazitätsseite für die Zukunft neu auszurichten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist das Ziel erreicht, die Produktion in Europa um 18 Prozent jährlich zu reduzieren?
Wir werden diesen Plan zum Ende des Jahres abschließen. Vor dieser auch für uns schwierigen Entscheidung über die Werksschließungen lagen wir in Europa bei einer Produktionsauslastung von etwa 70 Prozent. Die Entscheidung, unsere Kapazitäten nach unten anzupassen, war ein ganz wichtiger Schritt, über den wir ein Einsparvolumen von 400 bis 500 Millionen Dollar pro Jahr erzielen. Auch die Zahl der Plattformen ist von ursprünglich 27 auf jetzt 15 reduziert worden; langfristig werden es nurmehr neun sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hat die Reduzierung von Plattformen und Kapazität Einfluss auf die Anzahl ihrer Zulieferer?
Wir verfügen über ein relativ stabiles Niveau, was die Anzahl unserer Zulieferer betrifft. Unser Hauptaugenmerk liegt auf den Themen Qualität und Flexibilität. Hier Verbesserungen zu erzielen, ist ein fortlaufender Prozess. Man muss aber sehen, dass es auch in Europa ein sehr großes Gefälle mit Blick auf die Zuliefererbasis gibt. Zum Start der One-Ford-Strategie war es unser Ziel, dass unsere großen Zulieferer uns in die wichtigen Wachstumsregionen folgen. In der Praxis hat sich das aber als schwieriger Punkt herausgestellt. In einem Markt wie zum Beispiel Russland arbeiten wir noch daran, eine gute Zulieferbasis aufzubauen und den richtigen Mix aus globalen und regionalen Zulieferern zu finden.

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Treffen Sie Barb Samardzich live auf dem AUTOMOBIL FORUM am 25./26.Juni in München. Sie referiert dort über „One Ford: Becoming a global benchmark in the automotive industry“.

Infos und Anmeldung unter www.automobil-forum.de

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welchen Marktanteil streben Sie an?
In Europa liegen wir beim Marktanteil derzeit bei acht Prozent. Im September 2012 hatten wir unser neues Produktprogramm mit 25 neuen Modellen vorgestellt, die während der nächsten fünf Jahre in Europa auf den Markt kommen werden. Alleine in diesem Jahr sind es zehn. Damit haben wir im Vergleich zu den Wettbewerbern das jüngste Produktportfolio.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie problematisch ist es für Sie, dass ein so wichtiges Modell wie der Ford Mondeo mit über einem Jahr Verspätung erst Anfang 2015 an den Verkaufsstart geht?
Die verzögerte Markteinführung des Mondeo hat mit der Schließung des Werks in Genk und der Verlagerung der Produktion nach Valencia zu tun. Dennoch ist der aktuelle Mondeo noch immer ein optisch frisches, qualitativ hochwertiges Produkt mit einem Angebot an Fahrerassistenzsystemen, die absolut zeitgemäß sind. Der Marktstart des neuen Mondeo Ende dieses Jahres hat nun sogar einen Vorteil: Durch die bereits aus den USA und China vorliegenden Kundenerfahrungen, konnten wir einige Details weiter optimieren, die den europäischen Kunden nun zugute kommen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auf der Produktseite steht bei Ihnen die Etablierung einer SUV-Familie ganz oben auf der Agenda. Diese Familie ist aber mit EcoSport, Kuga und Edge recht klein. Reicht das für Europa, um in diesem Segment dynamisch zu wachsen?
Wir haben uns hier ganz klar auf die drei Segmente kleine, mittlere und große Fahrzeuge konzentriert. Mit dem Ford EcoSport bedienen wir das Feld der kleinen SUV zu erschwinglichen Preisen. Im mittleren Segment sind wir mit dem Kuga bereits sehr gut etabliert. Dazu wollen wir auch das Feld Richtung Premium abdecken. Diese Rolle fällt dem Ford Edge zu. Damit haben wir eine sehr gute Basis im SUV-Bereich. In Nordamerika haben wir im nächstgrößeren Fahrzeugsegment über dem Edge noch den Ford Explorer im Segment der Luxus-SUV.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Hohes Wachstum verspricht der Ford EcoSport. Welches Potenzial sehen Sie?
Der Markt der kleinen, kostengünstigen SUV wächst weiter. Wir sehen für uns ein Potenzial von etwa jährlich 30"000 Einheiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Im dritten Quartal 2015 geht der Ford Mustang ganz offiziell an den Verkaufsstart. Wird er die emotionale Speerspitze im Ford-Portfolio?
Auf jeden Fall hat der Mustang auch in Europa eine ganz starke emotionale Präsenz. Als ich vor drei Jahren nach Europa kam und bei meiner ersten Messe in Genf die Journalisten mitbekamen, dass ich aus den USA komme, war die erste Frage: Wann bringen Sie den Mustang nach Europa? Jetzt sage ich: Es ist geschafft! Der Mustang hat hier eine Fangemeinde wie in den USA und wird auf das gesamte Produktportfolio abstrahlen.

Zur Person
Barb Samardzich trat im September 2013 die Position als Chief Operating Officer bei Ford of Europe an. Die studierte Maschinenbau-Ingenieurin verantwortet in dieser Rolle das komplette operative Geschäft von Ford Europa, inklusive Produktion, Qualität, Produktentwicklung und Einkauf. In ihrer Rolle berichtet die US-Amerikanerin an Europa-Chef Stephen Odell. Zu Ford Europa kam die Managerin 2011 durch ihre Berufung zur Chefin der Produktentwicklung. Zuvor hatte Samardzich eine steile Karriere bei Ford in den USA gemacht. Zwischen 2005 und 2010 tauchte sie regelmäßig in den Ranglisten der 50 wichtigsten Frauen in der Automobilindustrie auf.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Warum kam der Mustang nicht früher?
Wäre der Mustang früher nach Europa gekommen, hätten wir einfach ein Fahrzeug aus Nordamerika nach Europa importieren müssen. Es geht bei der One-Ford-Strategie jedoch nicht darum, ein Fahrzeug zu entwickeln, das wir dann weltweit anbieten. Es geht darum, globale Produkte zu entwickeln, die dann über unsere regionalen Entwicklungszentren auf die Bedürfnisse des jeweiligen Marktes angepasst werden. Dies haben wir mit der neuen Generation des Ford Mustang jetzt getan – er passt jetzt auch perfekt nach Europa. One Ford bedeutet übrigens auch nicht, dass wir nur Fahrzeuge entwickeln, die auf allen Märkten funktionieren. Sonst gäbe es beispielsweise keine Kombi-Version des Ford Mondeo, der sich in Europa großer Beliebtheit erfreut, andererseits in den USA aber nicht angeboten wird. Entscheidend ist das Volumen, das in dem jeweiligen Markt nachgefragt wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Für seine Strategie erhält Ford viel Beifall von Analysten. Diese sagen aber auch: Was Ford fehlt, ist eine globale Luxusmarke. Was entgegnen Sie ihnen?
Ich möchte daran erinnern, dass wir Lincoln als Luxusmarke im Portfolio haben. Wir haben uns aus guten Gründen dagegen entschieden, Lincoln auf absehbare Zeit in Europa anzubieten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: …und überlassen den Premium-Bereich dem Wettbewerb?
Nein. Wenn Kunden in die Showrooms kommen, die nach etwas Besonderem suchen und bereit sind, mehr Geld für ein Fahrzeug zu bezahlen, dann haben wir für diese Kunden demnächst die Premium-Ausstattungslinie Vignale im Programm. Bisher ist „Titanium“ unsere hochwertigste Ausstattungsvariante. Mit dem jüngst vorgestellten Mondeo Vignale und dem S-Max Vignale zeigen wir, dass wir Premium können. Und das nicht unter dem Label einer Luxusmarke, sondern als eine Premium-Ausstattung, mit Einbindung besonderer Services.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was sind die Stärken von Ford in Köln?
Da fällt mir als erstes die Produktionsqualität des Ford Fiesta ein. Es ist phantastisch, welche Qualität hier abgeliefert wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das müsste ja ein gutes Argument sein, auch den nächsten Fiesta in Köln zu bauen?
Wir brauchen auch Wettbewerbsfähigkeit auf der Kostenseite. Dazu sind wir mit den Arbeitnehmervertretern in guten Gesprächen und fällen unsere Entscheidung bis Ende 2014.

Das Interview führten Bettina Mayer und Frank Volk