John Hudson, Finanzvorstand (CFO) der TMD Friction Gruppe

TMD Friction John Hudson, Finanzvorstand (CFO) der TMD Friction Gruppe, rechnet trotz herausfordernder Rohstoffmaterialpreise 2011mit einem stabilen Jahr in Europa - inklusive Deutschland. - Bild: TMD Friction

John Hudson, Finanzvorstand (CFO) der TMD Friction Gruppe, sprach mit AUTOMOBIL PRODUKTION über seine Erwartungen an das Jahr 2011.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Hudson, Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, mit Blick in Ihre Auftragsbücher, wie positiv ging 2010 zu Ende, wie wird 2011 für TMD Friction?

Wir bei TMD Friction können für das Jahr 2010 über eine Markterholung in beiden Segmenten berichten: PKW-Bremsbeläge wie auch LKW-Bremsbeläge. Dabei hat das Unternehmen besonders starkes Wachstum in China und in Brasilien gesehen. Für 2011 erwarten wir die Fortsetzung der in 2010 erlebten Dynamik – und zwar in allen drei Sparten: Bremsbeläge für die Automobilerstausrüstung, für den Aftermarket und Reibmaterialien für die Industrie. Dabei erwartet TMD Friction für 2011 ein stabiles Jahr in Europa, inkl. Deutschland, wobei die anziehenden Rohmaterialpreise für das Unternehmen eine Herausforderung darstellen. Für TMD Friction wird auch in 2011 China wieder ein besonders starker Wachstumsmarkt sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?
Bei TMD Friction glauben wir nicht an die biblischen sieben fette Jahre – wir hatten schließlich die sieben mageren, schlechten Jahre nicht, die den fetten Jahren voraus gehen. Wir sehen Stabilität in Deutschland, Europa und auch in der Nafta-Region; die Wachstumsdynamik in den BRIC-Staaten wird wesentlich stärker sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
Für die Rohstoffbeschaffung ist es ein riesiges Problem, dass die Preise weiter galoppieren werden. Ein anderes Problem sehen wir darin, dass jetzt – in der Erholung – in der Lieferkette die OEM und Tier-1 wieder in ihre alten Muster zurückfallen mit verlängerten Zahlungszielen und irrationale Verhalten bei den Bestellungen und die Wiederaufnahme der alten Verhaltensmuster, so dass man meinen könnte, aus der Krise nicht gelernt zu haben.

Profitabel zu arbeiten bleibt die größte Herausforderung: global und in Deutschland. Viele Kosten gehen nach oben: Rohstoffe (bei TMD sind das z.B. Kupfer, Zinn und Antimon), Energiepreise und Lohnkosten. Das bedeutet, dass wir an (fast) allen TMD-Standorten in den nächsten drei Jahren aktiv werden müssen, auch in Form von Investitionen, , um noch effizienter produzieren zu können.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden Ihr Produktportfolio mittelfristig wie verändern? Und was will Ihr Kunde?
Hier sehen wie vier Kernaspekte, erstens die Globalisierung: Die Globalisierungsstrategien der OEM schlagen jetzt im Bereich der Bremsbeläge durch. In China und anderen asiatischen Märkten werden im Bremsbelag-Segment die Weichen gestellt, entweder den „europäischen Standard“ einzuschlagen oder dem „japanischen Standard“ zu folgen. Für TMD Friction ist das kein Problem, denn das Unternehmen hat Rezepturen für alle weltweiten Anforderungen wie auch eine Rezeptur für einen übergreifenden „Weltbelag“. Dann die Hybridisierung: In der Tat werden hierfür auch die Bremsbelagrezepturen angepasst. Auch Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Aspekt in der Entwicklung von Bremsbelagrezepturen: In der Entwicklung von Kupfer-freien Belägen ist TMD der Konkurrenz Meilen voraus. Und außerdem sind weitere F&E-Treiber für TMD die Dauerhaltbarkeit, lange Produktlebenszyklen und eine noch bessere Sicherheitsperformance.

 

Oberstes Unternehmensziel: Profitables Wachstum durch weltweite Technologieführerschaft im Segment der Reibmaterialien, Fertigungswerk von TMD Friction in Essen. - Bild: TMD Friction

AUTOMOBIL PRODUKTION: Fokus Deutschland: Ingenieur- resp. Fachkräftemangel, Alterung der Gesellschaft und Rente mit 67, drohende Lohnkostensteigerungen, fehlgeleitete Kundenerwartungen an künftige Elektromobilität, wie schlimm ist es wirklich?
Als Engländer, der seit vielen Jahren in Deutschland arbeitet, glaube, dass Deutschland ganz klar ein Problem hat, mit seinem demographischen Profil und der Kostensituation, als Hochlohnland wettbewerbsfähig bleiben zu können. Es gibt nicht umsonst Diskussionen darüber, warum Immigranten gut für dieses Land wären. Auch TMD Friction spürt in Deutschland die Schwierigkeit, qualifiziertes Personal zu rekrutieren, sowohl Ingenieure als auch Facharbeiter. Nicht zuletzt deshalb ist der eigene Ausbildungsbetrieb so wichtig, um qualifizierten Nachwuchs heranzuziehen.

Der Lohnkostendruck führt in Deutschland dazu, dass die Automatisierungs-Bestrebungen in der Produktion noch weiter voran getrieben werden. Dies löst aber – vor dem Hintergrund der alternden Gesellschaft – das Problem der „Skills Shortage“ im PD-Bereich nicht: Auf lange Sicht wird sich das Problem verschärfen, dass in „jüngeren Gesellschaften“ wie den BRIC-Ländern mehr Ingenieure, sprich ein größeres Know-how, zur Verfügung stehen wird.

Rente mit 67 ist für die Betriebsplanung genauso eine große „Herausforderung“ wie volkswirtschaftlich betrachtet. Zu dieser Diskussion müssen Staat, Versicherungswirtschaft, Gewerkschaften, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände noch viele Hausaufgaben machen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: VW-Chef Prof. Dr. Martin Winterkorn will bekanntlich Toyota und GM als weltgrößte Autobauer ablösen. Welche Ziele haben Sie sich für 2011 ff. gesetzt?
Unser oberstes Ziel lautet: Profitables Wachstum durch weltweite Technologieführerschaft im Segment der Reibmaterialien. Die Entwicklung anspruchsvoller technischer Lösungen und Qualität steht dabei ganz klar im Vordergrund. Wir haben mit unseren Kernbereichen Erstausrüstung und Ersatzteilmarkt eine sehr gesunde Grundlage für weiteres Wachstum, nicht nur im Automobilsektor, sondern auch in anderen Industriezweigen, geschaffen. Um unsere Wettbewerbssituation weiter zu verbessern, wollen wir sowohl organisch als auch nicht-organisch wachsen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie wollen Sie diese erreichen?
TMD Friction setzt aktuell einen umfangreichen Wachstumsplan um. Dafür sind ein gutes Produktportfolio-Management, die dafür erforderlichen Investitionen in F&E sowie in moderne Produktionsprozesse wichtige Eckpfeiler. Dem Markt kontinuierlich eine höhere Produktqualität anbieten zu können als unsere Mitbewerber, ist für uns ein wichtiger Erfolgsfaktor. Zudem haben wir das Kosten-Management im Fokus und wollen uns so aufstellen, dass wir in den schnell wachsenden Märkten am Wachstum partizipieren können. TMD Friction hat dafür ein Wachstumsprogramm aufgestellt, dass z. B. sein Profil in China deutlich ausbaut.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wirkt sich der dauernd steigende Kostendruck vonseiten der Kunden und der Wettbewerber auf Ihr Unternehmen aus – umsatztechnisch im Hinblick auf Ihr Automotive-Geschäft? Mit welchen Auswirkungen auf bestehende Standorte und die künftige Standortauswahl? Wo planen Sie bis 2015 neue Investitionen, neue Werke? Was heißt das für den Produktionsstandort Deutschland?
Für TMD Friction wird Deutschland immer ein wichtiges Zentrum bleiben, sowohl für Produktentwicklung und Verfahrensentwicklung als auch in der Produktion. Deswegen fließt ein guter Teil der Investitionen auch nach Deutschland, um das Wettbewerbsniveau von TMD in Deutschland hoch zu halten. In Deutschland investieren wir konkret auch in den weiteren Ausbau unserer non-Automotive-Aktivitäten zur Entwicklung und Fertigung von Industriebelägen und Belägen für den Schienenverkehr. Der anhaltender Kostendruck ist natürlich für die gesamte Industrie ein Thema und auch TMD Friction hat sich global aufgestellt und ist dort aktiv, wo seine Kunden sitzen.

Beispielsweise hat sich TMD Friction, inzwischen zum Nummer-eins-Lieferanten für Bremsbeläge in China entwickelt, mit vielen chinesischen Fahrzeugherstellern als neuen Kunden; deswegen investiert TMD momentan sehr stark in China, nicht nur in Produktionsanlagen, sondern auch in den Aufbau von F&E-Kapazitäten und Aftermarket-Infrastruktur. Die Notwendigkeit zur Ansiedlung in Regionen mit niedrigeren Kostenstrukturen wird immer eine Rolle spielen; allein durch Automatisierung kann auch TMD Friction den Kostendruck nicht auffangen. Das Wachstum, das TMD Friction erwartet, wird nicht in Deutschland generiert werden, sondern in den wachstumsstarken Low-Cost-Countries. Aber der Absatz in Deutschland wird konstant bleibt, nicht schrumpfen.

Weitere Beispiele für Investitionen sind zum Beispiel Brasilien und Nordamerika. Zurzeit werden daher folgende Projekte umgesetzt: Unsere Testanlagen in Brasilien werden um Testmöglichkeiten für Bremsgeräusche und Komfortuntersuchungen (NVH) ergänzt; in Nordamerika richten wir einen Rollenprüfstand für Nutzfahrzeuge ein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Machen Sie sich, macht sich die deutsche Autobranche von China auf Dauer zu abhängig?
Abhängigkeit oder Win-Win-Situation, das kommt auf das individuelle Geschäftsmodell an. Für uns ist China vor allem eine große Chance. TMD Friction hat sich inzwischen zum Nummer-eins-Lieferant für Bremsbeläge in China entwickelt mit vielen chinesischen Fahrzeugherstellern als neuen Kunden. TMD Friction hat Produktionsstandorte in Shijiazhuang und Hangzhou sowie ein Sales-Büro in Shanghai. Chinas Automobilindustrie wächst rasant. Ende 2009 hat China die USA als weltgrößten Automobilmarkt abgelöst. An diesem Wachstum partizipiert TMD Friction bereits und gewinnt quasi im wöchentlichen Rhythmus Neugeschäft in China hinzu. Bereits in 2012 wird unser Jahresumsatz in China rein durch organisches Wachstum etwa vier Mal größer sein als noch in 2009. Klar ist China mittelfristig eine sehr ernstzunehmender Konkurrent für deutsche OEM.

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald