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Proudly presents: GM-President Dan Ammann (Mitte), Lyft-Mitgründer John Zimmer (rechts), Logan Green (links). Bild: GM

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mr. Ammann, ist es an der Zeit, sich von der Mobilität, so wie wir sie kennen, zu verabschieden?
Wir stehen an einer Weggabelung. Bei GM haben wir seit mehr als 100 Jahren ein umfassendes Geschäftsmodell, das auf der Besitzer-Fahrer-Erfahrung basiert. Das heißt im Normalfall, dass Kunden ein Auto kaufen, es einige Jahre fahren und sich dann ein neues leisten. Es geht um einen grundsätzlichen Wandel. Zwei Kräfte diktieren uns, wie Kunden in Zukunft mit ihren Autos interagieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die da wären?
Die erste ist die niedrige Nutzungsrate. Ein Auto verbringt mehr Zeit parkend und an Wert verlierend als im tatsächlichen Gebrauch. Konsumenten geben tausende Dollars aus, um ein Auto zu kaufen – und dann zahlen sie auch noch Parkgebühren, Versicherung und Service. Sie wollen dafür die Bequemlichkeit, jederzeit von Punkt A nach Punkt B fahren zu können, aber wenn man sich die Nutzungsrate anschaut, ist es ein schwaches ökonomisches Modell. Die zweite Kraft ist die Allgegenwart von mobilen Geräten. Sie ermöglichen mehr Produktivität. Und sie führen uns deutlich vor Augen, dass die Zeit, die man auf dem Arbeitsweg am Steuer verbringt, verschwendet ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION 5/2016
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AUTOMOBIL PRODUKTION: Und die Konsequenz daraus?
Hohe Fahrzeughaltungskosten, geringe Nutzungsraten, die Kosten verschwendeter Zeit – das sind die Elemente, die uns neue Geschäftsmöglichkeiten bieten, vor allem im urbanen Raum. Wir müssen die Art und Weise, in der unsere Kunden mit unseren Fahrzeugen interagieren, grundsätzlich ändern. Und zwar so, wie es noch nicht dagewesen ist, seit unsere Industrie vor mehr als hundert Jahren ihren Anfang genommen hat.
Also ein „weiter so“ wird es für die Automobilindustrie nicht geben?
Ich denke, wir können der Tatsache, dass autonomes Fahren unsere Industrie verändern wird, nicht entfliehen. Natürlich kann man darüber diskutieren, wann genau das sein wird. Der Übergang zum vollständigen autonomen Fahren wird sicherlich eine Zeitlang dauern. Aber wir werden schon relativ bald signifikante Investments, entsprechende technologische Entwicklungen und auch Pilotprojekte sehen.
Autonom fahrende Autos, in denen sich aber weiterhin Fahrer befinden, wird es schon in den nächsten Jahren geben. Aber wir werden noch Erfahrung und Daten sammeln müssen, bis wir dazu in der Lage sind, vollkommen ohne Fahrer unterwegs zu sein.

Zur Person
Dan Ammann ist so etwas wie ein Wunderknabe der Automanagerszene. Bereits mit 37 wurde der Ex-Morgan-Stanley-Mann CFO bei General Motors, 2014 wurde er zum President berufen und ist in dieser Funktion für die weltweiten Aktivitäten des OEM zuständig. Seit 2014 ist der 43-Jährige Aufsichtsratschef von Opel. Ist er in der Funktion in Deutschland, dreht er gerne mal mit einem Opel OPC eine Runde auf der Nordschleife.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie groß ist der Zeitdruck, schon jetzt den Grundstein zu legen, um im künftigen Rennen um die Mobilität der Zukunft vorn zu sein?
Angesichts der Weggabelung, von der ich sprach, ist es gerade jetzt an der Zeit, Grundlagen zu schaffen. Viele Unternehmen sind jetzt in diesem Bereich aktiv geworden, aber wir haben das klare Ziel, ganz vorne zu sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mary Barra sagte, es sei besser, GM mit diesem Thema aufzurütteln, bevor es von außen passiere. Wie packen Sie das an?
Die Autoindustrie muss sich dem Wandel im Verhältnis zwischen Konsument und Fahrzeug anpassen. Bei GM haben wir die Gelegenheit, ein tragfähiges und profitables Geschäft im Bereich urbane Mobilität zu entwickeln. Jetzt ist es Zeit, vom traditionellen automobilen Businessplan abzuzweigen und Unternehmergeist zu zeigen.
Das jüngste Investment von GM in Lyft gibt uns Zugang zum Ride Sharing, aber es löst nicht das ganze Problem. Die Kosten von Ride Sharing, so wie wir sie heute definieren, sind zu hoch für die üblichen Fahrten zur Arbeit. Wir können die Kosten zum Beispiel dadurch reduzieren, in- dem wir die Notwendigkeit eines Fahrers nicht mehr vorsehen – und dann kommt das fahrerlose Auto ins Spiel.
Vergangenen Monat hat GM ein Investment in Cruise Automation bekanntgegeben. Wir haben das gemacht, um die Entwicklung autonomer Fahrzeuge zu beschleunigen. Hier arbeiten wir an einem Geschäftsmodell mit hoher Fahrzeug-Nutzungsrate und reduzierten Kosten. Wir haben in strategische Partnerschaften investiert, haben neue Fachkräfte an Bord geholt und neue Geschäftseinheiten innerhalb von GM gegründet. Derzeit sind wir die einzige Firma, die in Ride Sharing investiert hat. Mit einer tiefen, einzigartigen Software-Expertise, kombiniert mit industriellem Background und dem Know-How, wie man Fahrzeuge im Volumensegment produziert. Wir haben eine hundert Jahre alte Autofirma ganz schön durchgeschüttelt – und das ist erst der Anfang.