Harman Head up-Display

Zukunft Head up-Display bei Harman: Vorwärts schauende Kamera nutzen und direkt an das Infotainment-System anschließen. ? Bild: Harman

AUTOMOBIL PRODUKTION sprach mit Hans Roth, Director Technology Marketing Infotainment Division bei Harman, über die Zukunft des Infotainments, über das Connected Car und die große Herausforderung “Rechenleistung”.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Roth, geben Sie uns bitte einen Überblick, für welche Produkte Harman steht.

Hans Roth: Im Bereich Infotainment-Systeme sind wir klarer Marktführer. Wir beliefern nahezu alle Premium-OEMs in Europa, dazu etliche Hersteller in den USA und verstärkt auch in Asien. Die Infotainment-Sparte ist eine von drei Divisionen bei Harman International, zu denen außerdem Lifestyle und Branded Audio ? also die Consumer-Produkte, sowie die Professional Division gehören.

Kurz gesagt: Was hochwertige Unterhaltung anbelangt, sind wir in all diesen Bereichen ganz vorne vertreten. Im letzten Geschäftsjahr hat Harman 4,3 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftet, davon 2,3 Milliarden im Infotainment-Bereich. Wir beschäftigen insgesamt rund 14.000 Mitarbeiter, im Infotainment-Bereich sind rund 6.600 Mitarbeiter tätig.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle spielt das Thema Connectivity in ihrem Hause?

Hans Roth: Eine der wichtigsten überhaupt. Klassische “Nur”-Navigationssysteme haben ausgedient, wir sprechen deshalb heute bewusst von Infotainment-Systemen, die einfach mehr können. Und für die ist Konnektivität nach innen wie außen eine Selbstverständlichkeit. Zum Infotainment gehören aber auch Services. Es ist aber keine Lösung, einfach nur immer mehr Informationen ins Auto zu schaufeln.

Weil uns das sehr bewusst ist, haben wir AHA Radio entwickelt: Mit dieser App bringen wir Medien, Location-Based-Services, Verkehrs- oder Wetterinformationen auf denkbar einfache Weise ins Fahrzeug. Weil alle Informationen in Sprache umgesetzt werden ist das genau so sicher wie Radio hören. Wir haben AHA Radio mit Honda und Subaru in den USA gestartet, mittlerweile nutzt zum Beispiel auch Porsche diesen Service. Außerdem sind wir in zahlreichen Aftermarket-Infotainment-Systemen vertreten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie weiten ihr Portfolio aus und werden zum Anbieter von Apps?

Hans Roth: Wir haben bereits in der Vergangenheit Apps für unsere Kunden bereitgestellt. Aufgrund neuer technischer Möglichkeiten wird der gesamte Service-Bereich in Zukunft jedoch sehr viel dynamischer wachsen. Aus diesem Grund haben wir auch hierfür eine separate Service-Business-Unit ins Leben gerufen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auf dem Innenraum-Kongress sprachen Sie mit Blick auf den Fahrer-Arbeitsplatz von einem holistischen Ansatz. Was bedeutet dies?

Hans Roth: Hierbei geht es in erster Linie um einen ganzheitlichen Ansatz für die Gestaltung aller Bedienelemente und Anzeigen.

Ziel ist es die kognitive Last auf verschiedene Sinne und Sensoren zu verteilen, dem Fahrer so viel wie möglich Arbeit abzunehmen. Informationen sehr gezielt und an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit anzubieten. Die Interaktionen sollen sehr einfach und intuitiv und absolut logisch sein.

Das Headup-Display eröffnet in diesem Zusammenhang ganz neue Möglichkeiten. Als Fahrer sehe ich Warn- oder Routenhinweise in einer erweiterten Realität direkt vor mir. Der Blick bleibt dabei immer auf der Straße und beim Verkehrsgeschehen. Sicherheitsrelevante Funktionen werden dazu in separierten, speziell und umfassend abgesicherten Bereiche laufen, vollständig vom normalen Infotainment-System getrennt. Auf der CES 2013 haben wir das erstmals mit unserem Android-System gezeigt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sind Warnungen in der Head up-Unit für Sie noch Neuland?

Hans Roth: Neuland insofern, als wir sie bislang noch nicht in einem Serienfahrzeug umgesetzt haben. Das Head up-Display der nächsten Generation mit deutlich vergrößerter Abbildungsfläche und integrierten ADAS-Funktionen wird aber kommen.

Wir werden dazu die vorwärts schauende Kamera nutzen und sie direkt ans Infotainment-System anschließen. Man benötigt dann keine separate Steuereinheit mehr. Und auch die Verknüpfung mit der Navigation lässt sich optimal umsetzen. Im Infotainment-System steht die notwendige Performance zur Verfügung, um etwa auch die Verkehrszeichenerkennung und andere Funktionen aus der Kamera heraus zu rechnen. Damit lässt sich für den OEM eine Kostenersparnis darstellen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das heißt, um zukünftig im Markt zu bestehen, sollte man die Fusion der Fahrerassistenzen beherrschen?

Hans Roth: Wir sehen das als Notwendigkeit. Und dabei gibt es eigentlich nur einen sinnvollen Ansatz, nämlich viele Funktionen im Infotainment-System zu vereinen. Weil wir dort die meiste Rechenleistung haben; die größte Grafikpower. Und weil wir hier unseren Ansatz eines einheitlichen, den Fahrer optimal entlastenden Bedien-und Anzeigenkonzepts optimal umsetzen können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In welche Richtung sind Sie denn beim Thema Sicherheit unterwegs?

Hans Roth: Daran arbeiten wir, unter anderem im Bereich der Navigation, bereits seit vielen Jahren. Wir haben dafür ein eigenes Kompetenz-Center Driver Assistance. Mit iOnRoad haben wir diese Unit Anfang des Jahres durch ein hochkompetentes Team verstärkt, das sich schon seit Jahren mit Fahrerassistenzfunktionen wie Lane Departure Warning, Traffic Sign Recognition und Collision Warning befasst. Erste Umsetzungen von vollständig ins Infotainment-System integrierten Fahrerassistenzfunktionen werden wir in wenigen Monaten präsentieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie sagten, dass sich das Infotainment an die Bedienphilosophie des Autos anpassen muss. Welche Leistungen kann Harman diesbezüglich einbringen?

Hans Roth: Die gesamte Systemintegration ist unsere ausgesprochene Expertise und wird es auch in Zukunft bleiben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In welchem Zusammenhang steht dabei die Schwarm-Intelligenz, die Sie in Ihrem Vortrag für den Innenraum-Kongress von AUTOMOBIL PRODUKTION erwähnt haben?

Hans Roth: Die Informationen, die die zahlreichen Sensoren in modernen Fahrzeugen zur Verfügung stellen, haben einen enormen Wert. Sie zu bündeln, weiterzuverarbeiten und daraus innovative Serviceleistungen für alle Autofahrer zu kreieren ist eine der Herausforderungen der Zukunft.

Wenn beispielsweise auf einem Streckenabschnitt bei zahlreichen Fahrzeugen der Scheibenwischer läuft oder das ABS- beziehungsweise das ESP-System anspricht, lassen sich daraus sehr präzise Aussagen über den Straßenzustand ableiten. Werden solche Information in der Cloud sinnvoll weiterverarbeitet und nachfolgenden Fahrzeugen über das Infotainment-System zur Verfügung gestellt, können potenzielle Gefahrenpunkte entschärft oder bestimmte Streckenabschnitte sogar ? sozusagen präventiv ? umfahren werden.

Aber auch für die Steuerung und Nutzung von Fahrzeugen in Ballungsräumen ergeben sich durch die Informationsvernetzung ganz neue, hoch sinnvolle Möglichkeiten. Wie so etwas aussehen könnte, haben wir im Frühjahr dieses Jahres in Genf mit unserem UrbanSwarm-Konzept im Rinspeed MicroMax gezeigt.

Es wäre schon heute in der Lage, die Auslastung von Pendlerfahrzeugen drastisch zu erhöhen und dadurch Staus zu vermeiden. Das Beste daran: Dieser Service wurde keinerlei mühevolle Vorausplanung erfordern, alle Nutzer würden profitieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das bedeutet Rechenleistung. Ist sie die Herausforderung der Zukunft?

Hans Roth: Die Bereitstellung von Rechenleistung und der Transport von relevanten Informationen in nahezu Echtzeit? ist eine der Herausforderungen der Zukunft. Beides meistern wir traditionell auf höchstem Niveau, in diesem Bereich sind wir nicht zufällig Technologieführer.

Die gute Nachricht ist: In der Cloud wird eine nahezu unbegrenzte Speicher- und Rechenkapazität zur Verfügung stehen. Die Kunst besteht nun darin, diese mächtige Ressource im Auto nutzen zu können. Wir werden sicher keine Sendemasten aufbauen, damit das Fahrzeug mit der Infrastruktur oder anderen Fahrzeugen kommunizieren kann. Über die Cloud, leistungsfähige Headunits und perfekt ins Fahrzeug integrierte Hochleistungs-Konnektivitätslösungen können wir sehr viel schneller, effizienter und preiswerter die notwendige Kommunikation ermöglichen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sehen Sie diesbezüglich die Zeitschiene?

Hans Roth: Das wird jetzt Zug um Zug eingeführt. Wir werden mit leistungsfähigen Endgeräten sowie durchdachten und sicheren Cloud-Lösungen unseren Teil zur Gestaltung der Zukunft beitragen. LTE, das wir ja schon in etliche Serienlösungen integriert haben, wird da sehr vieles ermöglichen.

Das Interview führte Götz Fuchslocher