Inalfa-Roof-Systems-CEO Frank Löschmann:

Inalfa Roof Systems CEO Frank Löschmann: “Für uns ist es wichtig nachhaltig zu wachsen.” – Bild: Inalfa Roof Systems

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Löschmann, hat die MINI Produktion in Born eine Signalwirkung für Sie?
Wir sind froh, dass wir mit VDL Nedcar in Holland wieder einen Pkw-Hersteller haben, auch dass BMW als großer Partner Know-how hier in die Niederlande brachte; dies im Sinne des Produkts, aber auch im Sinne der Prozesse. Was ich bei Nedcar in der Fertigung gesehen habe, kann man ohne wenn und aber als State-of-the-art bezeichnen, das ist technologisch hervorragend. Es ist sehr viel Geld investiert worden für eine sehr langandauernde Partnerschaft, ich denke das wäre nicht passiert, wenn man hier keine langfristigen Pläne hätte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung rund um Born ein?
Es ist natürlich sehr angenehm für uns, dass sich die Region dank VDL Nedcar entwickelt. Die Erfahrung zeigt, dass sich überall auf der Welt, wo die Automobilindustrie präsent ist, ein ganz anderes wirtschaftliches Umfeld entwickelt hat.

AUTOMOBIL PRODUKTION:?das war hier aber nicht immer so?
vor einem Jahr erschien es mir, dass sich die Niederlande ein wenig zum Logistikstandort entwickeln und dass man dann gegen die Konkurrenz in Osteuropa kostenmäßig eventuell nicht standhalten kann. Jetzt entwickelt sich langsam wieder eine Industrie. Das wird durch die MINI-Produktion hier natürlich weiter gefördert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie meinen, dass das Zulieferer-Netzwerk hier in der Region noch dichter wird?
Automatisch wird sich rund um Nedcar ein Zulieferer-Netzwerk bilden. Das ergibt sich aus dieser positiven Ausstrahlung bei Großindustrien und ist sicherlich auch ein Zeichen für Investoren und Mittelstand.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist Inalfa Roof Systems noch ein niederländische Firma nachdem es von Chinesen aufgekauft wurde?
Es ist eine niederländische Firma. Das ergibt sich schon aus der Unternehmenskultur, der Philosophie und der Unternehmensstruktur. Solang wir hier auch mit dem Hauptquartier ansässig sind, werden wir es auch so halten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wer hat bei wichtigen Entscheidungen das letzte Wort?
Mit unseren chinesischen Partnern haben wir die letzten sieben bis acht Monate eine gemeinsame Strategie entwickelt, die uns jetzt auch wieder Freiheiten gibt. Wir entscheiden hier in den Niederlanden wie wir das Unternehmen weiterentwickeln. Unser Partner ist sehr strategisch ausgerichtet und nicht kurzfristig finanziell. Ich habe das Glück, dass sie mir die Freiheit geben die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist eine sehr angenehme Zusammenarbeit. Solange der Erfolg sichergestellt wird, hindert man uns nicht an der zukünftigen Ausrichtung.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie werden Sie sich zukünftig ausrichten? Wird der Standort Venray weiter ausgebaut?
Wie werden uns hier vor Ort verändern. Das ist eigentlich der richtige Titel. Wir werden hier wesentlich zu einem globalen Kompetenzzentrum für Entwicklung und Prozesse. Es ist aber auch leider so, dass die Fertigung hier vor Ort verhältnismäßig teuer ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie das genauer erläutern?
Man sollte sein Licht nicht unter, aber auch nicht über den Scheffel stellen. Wir sind ein Fertigungsunternehmen mit einer relativ einfachen Fertigungsphilosophie. Hier sind wir zu Hause, hier liefern wir Qualität. Es ist wichtig, dass prozessual so zu gestalten, dass wir es kostengünstig und qualitativ perfekt erreichen. In den letzten Monaten wurde weltweit an unseren Standorten erheblich gearbeitet, um den notwendigen Status zu erreichen. Das Denken, die Richtungsfestlegung dazu, wird hier in den Niederlanden unter Einbindung des regionalen Managements passieren. Und das in Zukunft wesentlich mehr, als es früher der Fall war.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie verändert sich in diesem Zusammenhang die Ausrichtung Ihres Unternehmens?
Wir gehen von einer stark regionalen Entwicklung zu einer globalen Entwicklungsausrichtung hier am Standort. Das heißt wir werden hier in Venray mehr Ingenieure einstellen. Wir werden insgesamt wesentlich mehr technologiegeprägt in Venray und mehr operational orientiert in den verschiedenen Regionen sein, so wie beispielsweise in Polen, der Slowakei und weiteren zukünftigen Standorten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die großen Produktionszahlen kommen dann nicht aus den Niederlanden?
Das stimmt, in den Niederlanden werden wir weniger produzieren. Wir fertigen hier, wenn es sich logistisch rechnet. Aber auch, wenn wir hier technologische Vorteile erzielen. Außerdem testen wir hier neue Dächer und neue Produktionssysteme. Die Standardproduktion wird aber in den Regionen beim Kunden stattfinden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Niederlande sind in Zukunft also hauptsächlich das Forschungs- und Entwicklungszentrum?
Ja, das macht uns in den Niederlanden auch Spaß. Wir entwickeln hier die Systeme, die weltweit zur Anwendung kommen. Wir haben speziell die Diskussion mit den innovativen OEMs im Wesentlichen in Deutschland zu führen um die Produkte und Prozesse kundenorientiert weiterzuentwickeln. Dafür ist der Standort hier natürlich optimal. Wir sind nicht so weit weg von den OEMs.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es Pläne die anderen Produktionsstandorte noch weiter auszubauen?
Die Pläne sind definitiv da. Wir haben jetzt gerade in Polen einen Standort eröffnet. Es ist noch Platz und wir können noch weitere Fertigungskapazitäten aufbauen. Wir gehen aber definitiv davon aus, dass wir unseren Footprint erweitern müssen. Eine ganz wichtige Nachfrage unserer Kunden ist: Macht?s doch bitte in unserer Nähe!

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle spielt dann noch der Standort Venray?
Wir müssen sehen, wie wir mit steigenden Volumen umgehen. Hier kommt der neue Standort Venray ins Spiel, der dann als auch als Flexibilitätsreserve dient.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sieht es mit den nordamerikanischen Standorten aus?
Wir haben einen Standort in Mexiko, der funktioniert schon sehr gut. Wir stellen uns darauf ein alle Premiumhersteller, die aus Deutschland nach Mexiko kommen, von Mexiko aus zu beliefern. Außerdem gehen wir in die Mitte der USA, nach Georgia, um dort die neuen Standorte zu bedienen, die jetzt VW, BMW oder Mercedes heißen. Die Eröffnung ist ebenfalls dieses Jahr. Die amerikanischen Produzenten werden wir weiter aus allen Standorten beliefern.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Verändern sich auch die Produktionsprozesse als solche?
Ja durchaus. Wir planen beispielsweise ein komplett neues Produktionskonzept, was von der Programm-orientierten Linie zu einer Struktur-orientierten Linie geht. Das kommt jetzt so ein bisschen aus der Automobil-Denkweise – Flexibilität bei maximaler Kapazitätsnutzung. Hohe Stückzahlen über eine Linie: Diese Philosophie werden wir mit Sicherheit bei uns einsetzen. Ein Ergebnis wird die geringere Produktionsfläche, ein weiteres die besser kontrollierbare Qualität sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie intensiv ist der Austausch mit den OEMs?
Seit drei, vier Monate sehr intensiv. Wir sind nicht mehr nur einkaufsorientiert, sondern eben auch Engineering-orientiert. Das heißt wir diskutieren jetzt wesentlich mehr mit den Entwicklern der OEMs. Das gibt uns die Möglichkeit innovative Themen bezüglich Zukunftstechnologien dann auch gemeinsam mit den europäischen OEMs anzugehen. Das Gleiche gilt für Autohersteller in den USA, China und Korea.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es da Unterschiede zwischen den verschiedenen Herstellern?
Intensive Technologiediskussionen finden so mit allen großen deutschen Herstellern statt. Die amerikanischen Hersteller erwarten einen deutlichen Technologiebeitrag aus unserer Entwicklung. Das macht es für uns anstrengend, die unterschiedlichen Anforderungen zu erfassen und zu erfüllen. Dies bringt uns jedoch weiter in unserem Anspruch DER Sonnendach Hersteller für unsere Kunden zu sein. Wir bauen nicht mehr nur Dächer, sondern wir entwickeln gemeinsam mit den OEMs Ideen, die dann in die Autos passen. Auf der anderen Seite macht es aber auch viel Spaß und das ist der Grund mit einer starken Technikmannschaft global zukünftig wesentlich mehr – und das wesentlich intensiver – in Zusammenarbeit mit den OEMs zu tun.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wird da auch personell aufgestockt?
Also wir sind da momentan weltweit bei 430 Entwicklern. Meine Einschätzung ist, dass es 200 mehr werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und hier am Standort in Venray?
Hier am Standort sind im Moment 160 Entwickler im Bereich Advanced Engineering. Wir werden dies ergänzen durch eine kleine Forschungstruppe, die sehr stark in die Richtung Ideen-Findung geht: Was können wir als Innovation einbringen, ohne im ersten Schritt sehr viel Geld zu investieren. Auf der anderen Seite ist es das Ziel dann aus dem Advanced Engineering ein Global Development zu machen, wo wir mit den Kunden und für die Kunden relevante Produkte und Ideen entwickeln und das hier am Standort. Dazu ich gehe davon aus, dass wir relativ kurzfristig hier in einer Größenordnung 60 -70 Entwickler zusätzlich aufbauen. Dabei ist es eigentlich gar nicht das Problem, die Anzahl zu nennen. Vielmehr ist es problematisch die Leute mit der richtigen Qualifikation und Quantität zu bekommen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wollen Sie dieses Problem lösen?
Da helfen uns auch die Verbindungen nach China. Zurzeit kommen viele Talente aus China hierher, die uns stark im Engineering unterstützen. Das ist aber nicht ausreichend. Wir gucken deswegen auch in Spanien, Italien und eigentlich ganz Europa nach jungen talentierten Entwicklern. Wir sind übrigens bei Inalfa in Summe aktuell 23 Nationalitäten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Im Hintergrund steht immer der Plan die Nummer 1 zu sein?
Das Wort Nummer 1 hört sich immer gut an und ist auch ein schöner Slogan. Aber was ist das eigentlich? Für uns ist es wichtig nachhaltig zu wachsen und damit genügend Substanz – auch finanzielle Substanz – zu gewinnen, damit wir das Unternehmen weiterentwickeln können. Das führt in der Regel automatisch dazu, wenn man es einigermaßen nachhaltig umsetzt, dass man automatisch zum Globalplayer wird. Ob Nummer 1 oder Nummer 2, lass ich mal dahingestellt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ohnehin gibt es nicht sehr viele Player im Sonnendachmarkt?
Wir befinden uns bei den Sonnendächern in einem sehr begrenzten Markt. Das heißt, es gibt zwei weitere Globalplayer und ein paar kleinere, die auf dem Weltmarkt arbeiten. Das führt dazu, dass man das Thema Nummer 1 sehr stark abhängig machen muss von der Einkaufsstrategie der Kunden. Es wird kein Kunde wollen, dass einer der Global Player über 50 Prozent Weltmarktanteil hat. Dann wäre man volumenmäßig die Nummer 1. Aber wie gesagt, das ist kein qualitativ, wirtschaftlich oder technologisch getriebenes Ziel.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie heißen ihre konkreten Ziele für die kommenden Jahre?
Wir haben sehr klare Ziele, die wir erreichen können. Die heißen Verdopplung von 2011 bis 2016 – und das werden wir erreichen. Da haben wir in den letzten neun Monaten schon einen sehr großen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Und wir planen bis 2020 im Prinzip nochmal das gleiche drauf zu legen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und der Fokus liegt dabei nach wie vor auf komplexeren Großdachsystemen?
Definitiv. Wir sind nicht der Billigheimer. Die Konkurrenz ist groß bei kleinen Sonnendächern (TVS) mit relativ wenig Mechanik, mit einfachen Mitteln und günstigen Materialien. Diese zu vergleichbaren Kosten zu produzieren, wie es beispielsweise auch chinesische Player machen ist schwierig.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wollen Sie in dem Segment ganz aussteigen?
Nein, wir werden weiter entwickeln, speziell in China. Wir haben ein vernünftiges Volumen, bieten Qualität und Innovationen auch in den kleinen Dachsystemen. Das unterscheidet uns. Aber es ist nicht unbedingt der Bereich, in dem wir die großen Steigerungsraten sehen. Die Steigerungsraten sehen wir in Panorama-Dach-Systemen. Das sind die Bottom-loaded-Sliders und das sind die Top-loaded-Sliders, die dem Autofahrer und den Mitfahrern die größte Öffnung zum Tageslicht ermöglichen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also eher die Kooperation mit den Premiumherstellern?
Das würde ich so nicht mehr sehen. Denn wir beobachten gerade eine Verschiebung, was den Anspruch an Technologie betrifft. Wir haben Anfragen, – um das Beispiel China noch einmal zu belasten – von Herstellern, die eigentlich sehr preiswerte Autos herstellen – nach großen Dachsystemen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Woher kommt diese Entwicklung?
Der chinesische Kunde steht dem Öffnen des Dachs sehr positiv gegenüber, das Thema große Öffnung, Raum und Luft wird extrem nachgefragt. Das heißt man erwartet von einem chinesischen Hersteller, dass er große Dachsysteme auch in preiswerten Autos verbaut.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Große Dachsysteme werden also auch im B-Segment immer wichtiger?
Das ist für uns eine sehr positive Entwicklung, begonnen über die Premiumhersteller jetzt mit der Nachfrage aus allen Herstellerbereichen und Fahrzeugtypen. Inalfa Roof Systems hat sich von oben in die Breite entwickelt. Jetzt fragen auch die Hersteller für kleinere Fahrzeuge nach großen Dachsystemen. Premium ist aber nach wie vor wichtig um neue Techniken (schaltbares Glas, intelligente Steuerung ) zu launchen. Man sieht die Panoramadach-Auslegung bei den kleineren Fahrzeugen mehr und mehr. Und es gibt auch Designmerkmale, die sehen wir speziell bei den Koreanern und Japanern, dass gewisse Fahrzeuge fast auf das Sonnendach ausgelegt sind.
AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie da Beispiele nennen?
Wenn Sie sich die Form eines Hyundais anschauen mit der Dachkuppel, dann fordert das eigentlich ein großes Dach. Das sind Themen, wo Designmerkmale auch den Einbau des Daches bestimmen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und der Trend, der in Frankreich gestartet wurde, mit den Festverglasungs-Panoramadächern, setzt der sich durch?
Ich persönlich glaube nicht, dass sich dieser Trend durchsetzen wird, da der Mehrwert dieses Dachsystems beschränkt ist, durch die nicht vorhandene Möglichkeit, dass die Luft zirkulieren kann. Das ist aber nur meine Meinung. Auf der anderen Seite gibt es ein paar Ideen, wie man auch dieses Dach Wärme undurchlässig macht. Das Problem bei großen, geschlossenen Dachsystemen ist lösbar, aber zu Kosten eines großen Panoramadachs.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was sind für Sie die Märkte der Zukunft?
Auf jeden Fall China. Ich gehe davon aus, dass sich in den anderen asiatischen Märkten auch noch etwas mehr tun wird. Wir schauen uns die Entwicklungen an.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es noch andere Emerging-Markets?
Man spricht auch immer von Brasilien als Automobilmarkt. Ich sehe, dass für uns nicht so. Das hat zwei Gründe. Erstens ist der brasilianische Markt schon immer sehr volatil gewesen. Auf der anderen Seite ist Brasilien immer noch kein Sonnendachmarkt. Das musste ich lernen seitdem ich bei Inalfa Roof Systems bin. Die Take-rates, also wie viele Sonnendächer eingebaut werden, sind in Brasilien sehr gering. Weltweit sind es durchschnittlich 20-30 Prozent, in Brasilien sind es jedoch nur 2-3 Prozent. Wir machen uns Gedanken über das Thema, weil die Möglichkeit zur Entwicklung gegeben ist. Es fehlt jedoch die passende Zeitleiste. Ich glaube der brasilianische Markt wird in einer wirtschaftlichen und politisch stabilen Situation noch eine ganze Weile brauchen sich dahin zu entwickeln, dass wir mit Sonnendächern durchstarten können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie schaut es in den USA aus?
In den USA wachsen wir mit dem Markt und werden uns dort weiter stabilisieren. Wir freuen uns über die Entwicklung der europäischen Marken in den USA. Teilweise sind wir bereits Lieferant, teilweise bieten wir uns zur Entwicklung an.

Das Interview führte Gabriel Pankow