Dr. Karl-Thomas Neumann

Dr. Karl-Thomas Neumann: Volkswagen kann vielleicht auch mit einer neuen Marke für China erfolgreich sein. - Bild: VW

Und da die Kapazitäten bei weitem nicht reichen, regelt ein Investitionsplan die Errichtung von vier Auto-Fabriken und drei oder vier Motoren- und Getriebewerken. Interview mit Dr. Karl-Thomas Neumann, CEO Volkswagen Group China.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie planen in China eine eigene Automarke für E-Mobile – verraten Sie mehr Details?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Konkret ist noch nichts entschieden. Richtig ist: Wir wollen uns in puncto E-Mobilität in China ganz vorne etablieren. Das bedeutet, dass beide Joint Ventures – FAW-VW und SVW – jeweils ein Elektroauto mit uns entwickeln und wir das erste E-Auto Ende 2013, spätestens Anfang 2014 in China produzieren wollen.

Parallel dazu haben wir gesagt: Wir prüfen momentan, ob es Marktsegmente gibt, wo wir vielleicht auch mit einer neuen Marke für China erfolgreich sein können. Das muss aber nicht zwangsweise im Kleinstwagenbereich sein. Das kann auch im Bereich Elektromobilität sein, wenn man damit etwas schaffen kann, was wir ohne eine neue Marke nicht könnten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie kündigen an, mit jedem der beiden Joint-Venture-Partner ein E-Mobil zu bauen. Brauchen Sie dann nicht zwei neue Marken?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Nein, wie schon gesagt, wir wollen diese E-Mobile unter unseren bestehenden Marken verkaufen. Über eine neue Marke wird noch diskutiert, da ist aber bislang noch nichts entschieden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Übernahme einer chinesischen Marke kommt für Volkswagen nicht in Frage?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Wir prüfen alle Optionen und es wird sich zeigen, was das Richtige ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was könnte denn die Logik hinter dem Erwerb einer chinesischen Marke sein?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Die Frage ist: Gibt es Marktsegmente, in die wir mit unseren bisherigen Marken nicht vorstoßen wollen oder können. Und: Welche Marke würde uns das dann erlauben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Könnte so ein Segment beispielsweise das der leichten Nutzfahrzeuge sein?
Neumann lächelt und zuckt mit den Schultern.

VW Beetle Shanghai

Vorstellung des neuen Beetle in Shanghai den neuen Beetle. Für 2012 und 2013 kündigt VW jeweils acht neue Modelle an. - Bild: VW

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche neuen Segmente wollen Sie in China denn erobern?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Ein wichtiges Segment, für das wir uns viel vorgenommen haben, ist etwa das Sportwagen-Segment. Sie werden staunen – bislang ist der Luxusbereich hier doch sehr stark ein Markt großer Limousinen. Wir glauben aber, dass ein Riesenpotenzial für Sportwagen besteht. Das zeigen unsere Konzernmarken schon heute – Lamborghini ist hier extrem erfolgreich.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wollen Sie das erreichen?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Ich kann mir vorstellen, dass wir künftig für unsere Kunden die Möglichkeit schaffen, die Autos bei Testfahrten auf Rennstrecken mal richtig auszufahren. So können wir als Autohersteller in China den Kunden zeigen, was man für einen Spaß mit einem attraktiven Sportwagen haben kann.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Thema Händlernetz – was planen Sie da in den nächsten zwei bis vier Jahren?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Auch das Händlernetz wollen wir ausbauen. Wir streben an, die Zahl unserer Mitarbeiter im Händlernetz von heute etwa 80"000 Menschen mittelfristig auf 160.000 zu verdoppeln. Das ist eine große Herausforderung. Deshalb haben wir auch vor zwei Wochen die Volkswagen Trainingsakademie in Peking eröffnet, wo wir über einen „Train-the-Trainer-Ansatz“ am Ende unseren Kundenservice verbessern und alle Händler auf Volkswagen-Niveau bringen wollen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie akquirieren schon das Personal dazu in China?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Natürlich. Die Academy ist eröffnet, die Trainer sind in Wolfsburg ausgebildet worden und trainieren jetzt wiederum hier die Trainer. Darüber hinaus bietet die Volkswagen Academy natürlich auch einen Rahmen für alle Arten der Fortbildung innerhalb der Volkswagen Group China – es gibt dort Lehrwerkstätten, Verkaufsräume und Seminarräume. Jeder, vom Manager bis zum Verkäufer, kann dort geschult werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben angekündigt, die Produktionskapazitäten in China auf drei Millionen Fahrzeuge zu erhöhen. Wie wollen Sie das schaffen?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Wir haben ja im letzten Jahr fast zwei Millionen Autos an Kunden ausgeliefert und werden dieses Jahr sicher über zwei Millionen Autos verkaufen. Im ersten Quartal waren es bereits 548.400 Fahrzeuge. Nominell haben wir momentan eine Produktionskapazität von etwa 1,5 Millionen Fahrzeugen. Wir lasten die Fabriken im Moment aber Tag und Nacht aus und konnten so fast 1,9 Millionen Autos im vergangenen Jahr produzieren. Unser Plan ist es, mittelfristig eine nominelle Kapazität von drei Millionen Fahrzeugen jährlich aufzubauen. Das brauchen wir, wenn der Markt sich so entwickelt, wie wir uns das vorgestellt haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo in China rüsten Sie denn die Kapazitäten auf?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Wir investieren im ganzen Land. Wir haben einerseits unsere Fabrik in Chengdu, die wir aufbauen. Außerdem planen wir zwei Fabriken – eine im Südosten (Yizheng) in der Nähe von Shanghai und eine in Foshan an der Südküste. Das werden große Fabriken, in denen wir bis zu 350.000 Autos im Jahr bauen können. Dazu kommen neue Aggregate- und Getriebewerke. Zudem ist der Standort Nanjng im Aufbau. Faktisch entstehen vier neue VW-Fabriken in China.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und welche neuen Aggregate- und Getriebewerke sind geplant?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Da ist noch nichts endgültig entschieden. Aber am Ende werden wir drei bis vier Aggregate- und Getriebewerke benötigen. Unser Ziel ist es, dass wir uns hier in der Region mit Motoren und Getrieben versorgen können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Werden Ihre neuen Werke in China so gebaut, dass dort Autos mit Motor und mit E-Antrieb auf der gleichen Linie gefertigt werden können?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Ja, das muss unser Ansatz sein, denn keiner weiß ja so genau, welches Volumen die eine oder andere Technologie nun tatsächlich bringen wird.

VW Werk Foshan

Vertragsunterzeichnung über den Bau eines neuen Volkswagen Werkes im südchinesischen Foshan. - Bild: VW

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wollen Sie denn den Westen und den Süden erschließen?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Wir glauben, dass es hilfreich ist, wenn man in den Regionen auch wirklich aktiv ist. Die Menschen hier wollen, dass ein Autohersteller in der Region präsent ist. Man soll vor Ort über uns in der Zeitung lesen. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die Vertriebsaktivitäten zu stärken, was wir natürlich auch tun. Zum Beispiel soll mit unserem hochmodernen Autowerk in Foshan auch ein großer Zuliefererpark angesiedelt werden. Gerade Südchina ist wichtig, weil es eine reiche Region ist, eine Trendsetter-Region. Und im Westen, in Chengdu, ist unsere Präsenz eine ebenso wichtige Voraussetzung für unseren Erfolg.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist die Erschließung des Westens ein Bestandteil des Fünf-Jahres-Plans der chinesischen Regierung?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Ja. Die Regierung will mehr Industrie in den Westen bringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was steht denn für die Automobilindustrie sonst noch in diesem Regierungsplan?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Über die Automobilindustrie steht sehr viel zum Thema New Energy Vehicle darin, weil man neue Antriebsformen wie die Elektromobilität fördern will. Zudem möchte man die chinesischen Marken stärker entwickeln, man möchte die Autoindustrie stärker im Westen ansiedeln – das tun wir alles schon. So passt der Fünfjahresplan eigentlich sehr gut zu dem, was wir uns für China vorgenommen haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Changchun soll von der Regierung als eine der Pionierstädte für E-Mobilität definiert worden sein. Was bedeutet das für Volkswagen in China?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Das befürworten wir, weil wir in Changchun mit unserem Joint Venture FAW-VW prominent vertreten sind. Changchun ist eine wichtige Autostadt in China. Aber auch andere Städte – etwa Peking Shanghai oder Guangzhou – gehören zu den ausgewählten Pionierstädten. Das bedeutet, dass es dort ganz besonders hohe Zuschüsse für E-Autos gibt.

An diesen Orten gibt es zu den rund 6.000 Yuan der chinesischen Regierung noch einmal rund 7.000 Yuan von der Stadt. Insgesamt winkt da also ein Zuschuss von rund 14.000 Euro. Zudem wird in diesen Orten die Infrastruktur für E-Mobilität geschaffen, was auch sehr wichtig ist. Und es wird dort in E-Taxiflotten investiert. Aus meiner Sicht machen die Chinesen das geschickt. Sie experimentieren erst einmal in diesen Zentren und beobachten, wie das funktioniert.

Lavida blue-e-motion

Zukunft E-Mobilität im Reich der Mitte - Volkswagen Studie Lavida blue-e-motion. - Bild: VW

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und Ihre E-Flotten sind auch dort?
Ja, wir haben seit Anfang April eine E-Flotte in Peking, die dort drei wichtige Museen verbindet. Diese Flotte wird anschließend auf Tournee gehen und auch in anderen Städten die Elektromobilität von Volkswagen demonstrieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie bekommen demnächst auch noch ein „Global Compact Car“ von Skoda für den Verkauf in China. Welche Hoffnungen setzen Sie darauf?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Auf Skoda setzen wir insgesamt sehr große Hoffnungen. Skoda hat sich sehr, sehr gut entwickelt in der letzten Zeit. Insofern freue ich mich auf dieses Auto und denke, dass es zum Erfolg von Skoda ganz entscheidend beitragen dürfte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die VW-Marke Seat kommt 2012 nach China. Wie können Sie da helfen?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Ich bin zunächst mal begeistert – ich glaube der Markt ist groß genug, dass man ihn mit verschiedenen Marken angehen kann. Und Seat ist eine spannende Marke. Die chinesischen Journalisten waren begeistert. Einige haben gesagt: Seat ist cool, eine südeuropäische Marke, mal was ganz anderes. Seat wird ein eigenes Vertriebsnetz bekommen, so dass die Autos auch entsprechend im Markt positioniert werden können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was ist für Sie persönlich die schwierigste Aufgabe in den nächsten zwei Jahren?
Dr. Karl-Thomas Neumann: Wir sind sehr gut aufgestellt und unsere Autos sind herausragend. Und was wir in den nächsten Jahren in den Markt bringen, ist fantastisch. Aber wir wollen 10,6 Milliarden Euro bis 2015 in China investieren. Solch ein Investment in so kurzer Zeit zu organisieren – das ist die ganz große Herausforderung. Darauf müssen wir unseren Fokus legen: Dass die Fabriken fehlerfrei anlaufen, dass die Produkte von der Qualität her top sind und dass wir unsere Kunden weiterhin begeistern können.

Das Interview führte Bettina Mayer
Bilder: © Volkswagen

Titel AUTOMOBIL PRODUKTION 5/2011 180