Fehrer-CEO Dr. Bernd Welzel

"Für das Jahr 2011 bleibt der Ausblick erfreulich", wagt Fehrer-CEO Dr. Bernd Welzel eine Prognose. - Bild: Fehrer

Dr. Bernd Welzel, CEO und Sprecher der Geschäftsführung bei der F.S. Fehrer Automotive GmbH, erwartet im Rahmen unserer Trends-2011-Umfrage für das Kitzinger Unternehmen zum Jahresende 2011 ein Erreichen des Vorkrisenniveaus.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Bernd Welzel, Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, mit Blick in Ihre Auftragsbücher, wie positiv ging 2010 zu Ende, wie wird 2011 für Fehrer?
Wie rasch die Nachfrage nach deutschen Automobilen der Premiumklasse wieder anzog, hat alle überrascht. Unsere zu Jahresbeginn prognostizierte Umsatzerwartung für 2010 wurde um über zehn Prozent übertroffen. Für das Jahr 2011 bleibt der Ausblick erfreulich. Die Wachstumsraten werden auf ein moderates Maß zurückkehren und die Geschäftsentwicklung zum Ende des kommenden Jahres das Vorkrisenniveau wieder erreichen..

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?
In einem globalen, schnelllebigen und sehr eng vernetzten Wirtschaftssystem, wie wir es heute vorfinden, sind Aussagen über langfristige Entwicklungen nur noch sehr schwer zu treffen. Regional ausgelöste Krisen können in rasantem Tempo auf alle vernetzten Märkte übergreifen, was uns die jüngste Geschichte lehrte. Die „sieben fetten Jahre“ setzen voraus, dass die derzeit politischen Gegebenheiten sowie die Entwicklung auf den internationalen Kapitalmärkten stabil und berechenbar bleiben. Dies gilt insbesondere für den asiatischen Raum, da ja in der Automobilindustrie eventuelle „sieben fette Jahre“ ein Fortsetzen der Marktentwicklungen in China und Indien voraussetzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
Als Familienunternehmen ist es unsere größte Herausforderung trotz der stetig steigenden Forderungen unserer Kunden, der Rohmaterialpreisentwicklung und des zunehmend schärferen Preisdrucks genügend finanzielle Mittel bereit zu stellen, um durch Investitionen in neue Produkte und Märkte die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu sichern und somit die Unabhängigkeit wahren zu können. Diese Unabhängigkeit und das selbstbestimmte Handeln der mittelständischen Automobilzulieferer haben maßgeblich zum Erfolg der deutschen Automobilindustrie beigetragen. Die OEMs sollten sich nicht durch kurzfristiges Preisdenken der Sorte „Geiz ist geil“ den mittelständischen Innovationsast absägen, auf dem sie gerade nach der Krise sitzen.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden Ihr Produktportfolio mittelfristig wie verändern? Und was will Ihr Kunde?

Das Thema „Gewichtseinsparung“ im Fahrzeugbau wird im Rahmen der CO2-Diskussionen eine bedeutende Rolle spielen. Um Bauraum zu gewinnen und Gewicht zu optimieren, geht der Trend im Fahrzeugsitzbereich eindeutig hin zu dünnen Polsterauflagen, ohne jedoch bestehenden Komfortansprüche und Dauergebrauchseigenschaften zu beeinträchtigen. Diese Anforderung erfordert neue Schaumstoffrezepturen oder Altnernativmaterialien, die trotz geringer Polsterhöhe alle geforderten Eigenschaften langfristig erfüllen.

Im Fahrzeuginnenraum wird in Zukunft ein Höchstmaß an Variabilität gefordert. Auch hier bieten wir heute schon innovative Leichtbaulösungen in Sandwichbauweise und aus faserverstärkten Materialien, die wir weiter ausbauen wollen.

Der Elektromobilität wird mittel- und langfristig eine besondere Bedeutung zukommen. Die Gewichtsoptimierung der Fahrzeuge, auch im Karosseriebereich, steht auch hier an erster Stelle. Dadurch eröffnen sich neue Anwendungsgebiete für die von Fehrer entwickelten Leichtbaulösungen aus faserverstärkten Kunststoffen als Alternative zu bestehenden Stahl-. oder Metalllösungen.

Die Reduzierung des Gewichts, ohne dass der Fahrkomfort und die Sicherheit darunter leiden und zusätzlich Raumvolumen hinzugewonnen werden kann, ist eines der Potentiale, die Fehrer auch in Zukunft nutzen wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Fokus Deutschland: Ingenieur- resp. Fachkräftemangel, Alterung der Gesellschaft und Rente mit 67, drohende Lohnkostensteigerungen, fehlgeleitete Kundenerwartungen an künftige Elektromobilität, wie schlimm ist es wirklich?
Langfristig müssen wir uns genau so viel Gedanken um die Produkte wie um das Personal der Zukunft machen. Dem zunehmenden Fachkräftemangel begegnen wir mit der Förderung des Nachwuchses aus den eigenen Reihen in zukunftsträchtigen Berufsbildern, die wir für den Erfolg der Fehrer-Gruppe benötigen. Internationaler Austausch spielt hierbei eine wichtige Rolle, um der Globalisierung auch in Zukunft Rechnung tragen zu können. Ziel ist es, Potenzialträgern Perspektiven im eigenen Unternehmen aufzuzeigen und andererseits frühzeitig die Nachfolge für bewährte Fach- und Führungskräfte zu sichern.

Die Alterung der Gesellschaft können wir als Unternehmen nicht umkehren, sondern diese als Chance verstehen, mit einer ausgewogenen Altersstruktur der Belegschaft, die langjährige Praxiserfahrung älterer Mitarbeiter mit neuem Wissen der jüngeren Generation zu kombinieren, um optimale Ergebnisse zu erzielen.

Im Fahrzeugsitzbereich geht der Trend eindeutig hin zu dünnen Polsterauflagen: Sitzpolster-Förderband bei Fehrer. - Bild: Fehrer

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wirkt sich der dauernd steigende Kostendruck vonseiten der Kunden und der Wettbewerber auf Ihr Unternehmen aus – umsatztechnisch im Hinblick auf Ihr Automotive-Geschäft? Mit welchen Auswirkungen auf bestehende Standorte und die künftige Standortauswahl? Wo planen Sie bis 2015 neue Investitionen, neue Werke? Was heißt das für den Produktionsstandort Deutschland?
Kaum eine Industriebranche ist so häufigen Wechselbädern ausgesetzt wie die der Automobilzulieferer. Eng verbunden mit wenigen Großkunden, müssen wir laufend Produktinnovationen entwickeln, stetig steigenden Qualitätsansprüchen folgen und gleichzeitig jedoch ständig unsere Kosten senken. Erschwerend hinzu kommt, dass in der jüngsten Krise – im Gegensatz zu den USA – in Europa die überfällige Marktbereinigung nicht stattgefunden hat. Überkapazitäten sind nach wie vor vorhanden, was den Preiskampf innerhalb des Wettbewerbs zusätzlich verstärkt. Für Fehrer heißt das: In Zukunft muss das Unternehmen noch flexibler agieren. Werke und Anlagen werden weiterhin konsolidiert, um eine möglichst hohe Auslastung zu gewährleisten. Investieren wird Fehrer in wachsende Märkte wie China und Indien, für neue Kunden und in die Umsetzung neuer Technologien.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichwort Markt-/Einkaufsmacht: Die Verteilungskämpfe innerhalb der Gesellschaften wie zwischen den Staaten/Wirtschaftsmächten werden härter – viel scheint derweil auf ‚Krawall gebürstet‘ zu sein. Auch im Automobilbau kann von den vielbeschworenen Partnerschaften keine Rede sein, eher ist der Tenor: Der Kunde ruft, der Lieferant hat zu gehorchen. Wie entwickelt sich Ihr Verhältnis zu den OEM-Kunden/ zu den Zulieferern? Wird der Ton in der Branche noch rauer? Was bedeutet das für die Zukunft?
Das Verhältnis Zulieferer/OEMs hat sich in den letzten Jahren geändert, da die OEMs neue Beschaffungsstrategien umgesetzt haben, die überwiegend auf kurzfristigen Erfolg zielen. Dabei ist die Partnerschaft insbesondere der klassischen deutschen OEMs auf der Strecke geblieben. Trotz unterschiedlicher Positionen in Einzelfragen sind wir alle uns in einem Punkt sicherlich einig: Hersteller und Zulieferer sitzen in einem Boot. Beide können nur erfolgreich sein, wenn sie konstruktiv und vertrauensvoll auf Augenhöhe die Herausforderungen angehen und auf Nachhaltigkeit setzen.
Im Interesse der deutschen Automobilwirtschaft sollten die marktmächtigen Firmen dieser Branche ihre Einkaufspolitik überdenken und den Zulieferern ermöglichen, ihre Kapitalkosten sowie auskömmliche Renditen zu erwirtschaften. Immerhin kommen 75 Prozent der Wertschöpfung im Auto vom Zulieferer und damit auch ein großer Teil der Innovationen.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: „Gelbe Gefahr“ – machen Sie sich, macht sich die deutsche Autobranche von China auf Dauer zu abhängig?
Der sich rasant entwickelnde chinesische Markt ist stark umkämpft. In der chinesischen Automobilindustrie konkurrieren internationale Automobilhersteller mit zahlreichen, heimischen Anbietern. Aufgrund des zunehmenden Wettbewerbs und der enormen Kapazitäten die dort aufgebaut wurden und noch werden, wird es zwangsläufig auch hier große Veränderungen geben müssen. Der Ehrgeiz der chinesischen Automobilindustrie, technologisch aufzuholen, ist enorm und ganz im Sinne der politischen Seite. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie lange China den Westen noch braucht.

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald