Andreas Eppinger, Group Vice President Technology Management, Johnson Controls Automotive Seating

Andreas Eppinger, Group Vice President Technology Management, Johnson Controls Automotive Seating: "Die Handhabung textiler Materialien und die Vernähtechnik haben Priorität". Bild: Johnson Controls

AUTOMOBIL PRODUKTION: Worauf zielt das Projekt Speedfactory?
Viele Menschen wollen immer individuellere Produkte zu dennoch günstigem Preis. Dies hat auch Auswirkungen auf die Automobilindustrie. Neue Wege sind nötig, um zunehmend personalisierte Produkte in der Massenproduktion herzustellen. Führende Unternehmen forschen daher nun an komplett neuen Fertigungsprozessen – dabei sind Kooperationen besonders erfolgversprechend.
Speedfactory ist ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt unter der Schirmherrschaft der deutschen Bundesregierung mit der Zielsetzung, die Zukunft der industriellen Produktion mitzugestalten und innovative Produkte sowie neue Produktionstechnologien zu entwickeln. Wichtige Aspekte dabei sind Flexibilität, Effizienz und Nachhaltigkeit. Speedfactory ist als Projekt Bestandteil des nationalen Programms „Autonomik für Industrie 4.0“. Dessen Forschungsinhalte erstrecken sich auf Themenfelder wie Produktionslogistik, kognitive Basistechnologien, Mensch-Technik-Interaktion (MTI) und 3-D in industriellen Anwendungen. Im Rahmen von „Speedfactory“ wollen wir die Fertigung von Autositzbezügen weiter optimieren: Bisher werden Bezüge für Fahrzeugsitze noch weitgehend per Hand genäht. Dieser Prozess soll in Zukunft stärker automatisiert ablaufen – von der Handhabung der Textilien über das Zuschneiden und Nähen bis hin zur Individualisierung durch Ziernähte, Prägungen oder Applikationen. Am Ende soll der Prototyp einer Anlage stehen, in der Menschen und Roboter in einem verbesserten Prozess Textilprodukte fertigen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie ist Speedfactory finanziell ausgestattet und welche Partner arbeiten hier zusammen?
Das Gesamtbudget dieses Projekts beläuft sich auf 6,5 Millionen Euro. Initiator und Konsortialführer ist der Sportschuhhersteller Adidas, wir als Autositzhersteller vertreten die Automotive-Zulieferbranche. Zudem beteiligt sind der Sondermaschinenbauer KSL Keilmann sowie das ITA, Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen. Das ITA ist fokussiert auf spezielle Nähtechnologien und dreidimensionale Textilstrukturen. Nachdem das auch wahrscheinlich eine sehr softwareintensive Aktivität wird, ist auch eine Ausgliederung der TU München mit von der Partie: das Institut für die Entwicklung eingebetteter und vernetzter softwareintensiver Systeme, kurz Fortiss.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie sind die Aufgaben unter den einzelnen Speedfactory-Partnern aufgeteilt?
Das Institut Fortiss hat die Aufgabe, den Forschungs- und Technologietransfer hinsichtlich softwareintensiver Systeme und Services zu fördern. Adidas und Johnson Controls bilden die beiden Anwendungspartner, während mit dem ITA und KLS Keilmann die Bereiche Nähtechnologie und Sondermaschinenbau repräsentiert sind.

Zur Person
Dr. -Ing. Andreas Eppinger ist seit 2009 Group Vice President Technology Management bei Johnson Controls Automotive Seating und hatte in den Jahren 2006 bis 2009 im selben Unternehmen die Funktion des Vice President & Global Manager Global Electronics inne. Markante Stationen seiner 1983 bei Siemens gestarteten beruflichen Laufbahn in zentraler Leitungsfunktion waren Bosch (1987 – 2002), IBM (2003-2004) und AVL List (2004-2006).

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Art von Technologietransfer ist denn denkbar zwischen einem Sportschuhhersteller und einem Hersteller von Autositzen? Wie groß ist da die Schnittmenge?
Das muss man ein bisschen abstrakt betrachten. Wir entwickeln hier gemeinsam Grundlagen, wobei die Anwendungen natürlich ihre jeweiligen Spezialitäten haben, aber doch auch sehr viel grundlegend Gemeinsames festzustellen ist. Schuhe sind ja dreidimensionale Gebilde. Eine ähnliche Situation haben wir natürlich bei den Autositzen auch. Wenn man die Bezüge schon mal auf die Sitze gebracht hat, sind die natürlich am Ende dreidimensional. Wir denken auch darüber nach, sogenannte 3D-Textilstrukturen einzusetzen. Das ist ein wirklich neuer Schritt, diese biegeschlaffen Materialien voll dreidimensional automatisiert handhaben zu können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mit welchen Zielsetzungen ist Johnson Controls in das Projekt gestartet?
Wir wollen die Produktionsprozesse in der Textilfertigung eigentlich grundlegend überarbeiten, ja man könnte fast sagen: neu definieren. Textilien sind ja im Vergleich zu Metallen sogenannte biegeschlaffe Materialien. Sie sind also relativ schwer zu handhaben und erfordern heute doch einen erheblichen Teil an manueller Arbeit in der Fabrik. Unser Ziel ist es, dass wir für diese biegeschlaffen Materialien einen höheren Automatisierungsgrad erreichen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sowohl bei unseren Partnern als auch bei uns selbst die Variantenvielfalt unserer Produkte ständig zunimmt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gefragt ist also ein größeres Maß an Flexibilität?
Wir brauchen in erster Linie höhere Prozesssicherheit, um dieser steigenden Vielfalt gerecht zu werden. Einen optimalen Mix aus Handarbeit und höherem Automatisierungsgrad sehen wir eigentlich als am weitesten zielführend. Aber es ist definitiv ein höherer Automatisierungsgrad als heute anzustreben. Da sind viele grundlegenden Technologien zu entwickeln, die doch erhebliche Herausforderungen darstellen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Für welche Aufgaben beziehungsweise Arbeitsschritte sind neue Technologien zu entwickeln?
Hier steht zunächst die Zuführung von textilen Materialien im Vordergrund – wir haben es ja hier mit einem schlaffen Material zu tun. Priorität hat aber auch die Automatisierung der Vernähtechnik. Das ist eine große Herausforderung.

Die Projektpartner im Überblick

adidas AG

RWTH Aachen, Lehrstuhl für Textilmaschinenbau und Institut für Textiltechnik
johnson-controls-manager-andreas-eppinger-definitiv-hoeherer-auslastungsgrad_91882_2.jpgwww.ita.rwth-aachen.de

fortiss
johnson-controls-manager-andreas-eppinger-definitiv-hoeherer-auslastungsgrad_91882_2.jpgwww.fortiss.org

KSL Keilmann Sondermaschinenbau GmbH
johnson-controls-manager-andreas-eppinger-definitiv-hoeherer-auslastungsgrad_91882_2.jpgwww.keilmann-group.de

Johnson Controls
johnson-controls-manager-andreas-eppinger-definitiv-hoeherer-auslastungsgrad_91882_2.jpgwww.johnsoncontrols.de

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was ist ein realistischer Zielwert für einen neuen, höheren Automatisierungsgrad?
In der Automatisierung der Textilbe- und -verarbeitung ist heute natürlich der Zuschnittbereich ein sehr großes Segment, das man definitiv noch optimieren könnte. Die Nähoperation selbst ist eine reine Handarbeit, da sehen wir Potenzial, aber das heute in Prozent auszudrücken, wäre zu verfrüht. Da muss man ganz klar sagen, dass das im Endeffekt wirklich ein Grundlagenprojekt ist und wir zusammen mit den Partnern gerade begonnen haben, das Gesamtpotenzial auszuloten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Gibt es schon eine Prototypenanlage?
Das Gesamtprojekt Speedfactory untergliedert sich in zehn Teilprojekte und ist auf 36 Monate Laufzeit ausgelegt. Das erste Ziel wird genau darin bestehen, relativ zügig bis 2015 eine Prototypenanlage für die ersten Lernschritte darzustellen. Die damit gesammelten Erfahrungen sollen dann 2016 in den Bau einer zweiten, fertigungsnäheren Anlage münden.
Meine Verantwortung ist die sogenannte Technology and Advanced Development Gruppe, das heißt wir sind eigentlich die Forschungs- und Vorentwicklungsmannschaft für Johnson Controls. Ein Teil unserer Vorausentwicklung gilt neuen Produkten, aber ein anderer und sehr wichtiger Teil sind die Themen Produktionsmethoden und -prozesse. Wir werden sicherlich schon in den frühen Phasen damit beginnen, unsere Experten aus der Fabrikation mit einzubinden und dann auch zu überlegen, wie man die Erkenntnisse möglichst zügig in die praktische Produktion transferieren kann.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo wird die Prototypanlage dann stehen? Und: Wird dann die finale Anlage eine Johnson Controls-Anlage sein?
Die Prototypanlage wird voraussichtlich beim Projektpartner KLS Keilmann in Lorsch stehen. Die finale Anlage wird insofern für uns innerhalb unserer Fabriken eine Johnson Controls-Anlage, als sie natürlich für unsere spezifischen Anwendungen auch über Komponenten verfügt, mit denen wir unsere Spezialitäten exklusiv abbilden. Genauso wird Adidas für seine Sportschuhe in dieser Anlagentechnik auch Spezialitäten entwickeln.

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Das Interview führte Christian Klein

Das Interview mit Andreas Eppinger ist in der aktuellen Ausgabe 5/2014 der AUTOMOBIL PRODUKTION erschienen.

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