Ulrich Winzen, Chief Analyst Forecasting & Consulting bei der Essener R. L. Polk Germany GmbH

Ulrich Winzen, Chief Analyst Forecasting & Consulting bei der Essener R. L. Polk Germany GmbH

Er meint: “Die Weltwirtschaftskrise ist – global gesehen – überwunden und die Automobilmärkte haben wesentlich schneller aus der Krise herausgefunden als man noch vor einem Jahr erwarten konnte”. 2011 werde die weltweite Light-Vehicle-Produktion die 75-Millionen-Grenze im Visier haben.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Winzen, Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, wie wird 2011 für die Unternehmen der Automobilbranche (OEMs/Erstausrüster)?
Die Weltwirtschaftskrise ist – global gesehen – überwunden und die Automobilmärkte haben wesentlich schneller aus der Krise herausgefunden als man noch vor einem Jahr erwarten konnte. Sowohl die weltweiten Neuzulassungen als auch die Produktion erreichten 2010 schon fast wieder das alte Rekordniveau von 2007.

Bereits 2011 werden wieder neue Rekorde zu verzeichnen sein. Dann wird die weltweite Light-Vehicle-Produktion die 75-Millionen-Grenze im Visier haben. Dabei wird in allen Regionen ein Produktionswachstum erwartet, die Gewichte haben sich aber bereits in den vergangenen Jahren deutlich Richtung Asien verschoben. Noch in 2005 kamen weniger als 40 Prozent der globalen Produktion aus Fernost, 2011 werden es über 50 Prozent sein. 

Damit folgt die Produktion der erwarteten Nachfrage. Zwar erholt sich die Nachfrage in den traditionellen Automobilmärkten schneller als erwartet, aber die eigentliche Dynamik kommt aus Asien.

Demnach ist es nur folgerichtig, dass dort auch die Hersteller Produktionsstätten aufbauen, deren Zentralen in den traditionellen Automobilmärkten liegen.

Für die Zulieferer bedeutet dies ebenfalls ein Umdenken: auf die Dauer werden auch sie verstärkt dort vertreten sein müssen.

Polk-Prognose zur weltweiten Light-Vehicle-Produktion nach Regionen bis 2015

Quelle: Polk; Produktion in Einheiten; regionaler Anteil in Prozent

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was meint das beispielsweise konkret für Russland oder China?
In Russland stammten 2005 weniger als 15 Prozent der Produktion von ausländischen Herstellern, 2010 werden es bereits 50 Prozent sein, 2015 erwarten wir, dass die Produktion ausländischer OEM fast 70 Prozent der russischen Gesamtproduktion ausmacht.

Polk-Prognose zur russischen Light-Vehicle-Produktion bis 2015

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Quelle: Polk; Produktion in Einheiten; Anteil ausländischer OEMs in Prozent

Während in Russland die ausländischen Anbieter von der Schwäche der heimischen OEM profitieren, stehen sich in China aufstrebende heimische Hersteller und ausländische Produzenten nahezu auf Augenhöhe gegenüber. Von dem dynamischen Anstieg der dortigen Light Vehicles Produktion in den nächsten Jahren profitieren die heimischen Hersteller in gleichem Maße wie die ausländischen Wettbewerber, deren Anteil an der Gesamtproduktion bei relativ konstanten 50 Prozent liegt.

Polk-Prognose zur chinesischen Light-Vehicle-Produktion bis 2015

Quelle: Polk; Produktion in Einheiten; Anteil ausländischer OEMs in Prozent

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und für den Standort Deutschland?
Die Pkw-Produktion in Deutschland läuft ebenfalls wieder auf Hochtouren. Für 2010 werden in Deutschland 5,54 Millionen produzierter Pkw erwartet. Die Nachfrage ist in den letzten Monaten so stark, dass einige Hersteller für die Wochen um den Jahreswechsel Sonderschichten angekündigt haben. Hauptsächliche Triebfeder dabei ist die Nachfrage aus dem Ausland. Der Anteil der produzierten Fahrzeuge die in den Export gehen, wird auf über 76 Prozent ansteigen, deutlich über dem bisherigen Höchstwert. Da die Nachfragezuwächse außerhalb Deutschlands auch in Zukunft wesentlich stärker ausfallen werden als auf dem Heimatmarkt, wird der Exportanteil der deutschen Produktion weiter steigen und 2015 knapp 79 Prozent erreichen. Die Exporte werden bereits 2011 mit 4,45 Millionen einen neuen Höchststand erreichen. Das ist aber noch nicht das Ende des Exportbooms: bis 2015 werden knapp 4,7 Millionen Exporte erwartet. Zusammen mit einer sich erholenden Nachfrage in Deutschland resultiert daraus eine Pkw-Produktion von 5,85 Millionen in 2011 und fast 6 Millionen in 2015.

Die stärkste Dynamik für den Export kommt dabei natürlich aus dem asiatischen Raum. Die Exporte in diese Region werden zwischen 2010 und 2015 um 18 Prozent ansteigen. Allerdings muss dabei immer beachtet werden, dass weiterhin der größte Anteil am Export in das benachbarte europäische Ausland geht. Über 60 Prozent aller Export bleiben in diesen Ländern.

Polk-Prognose: Deutsche Pkw-Produktion und -Exporte bis 2015

Quelle: Polk; Produktion und Exportdaten in Einheiten

Die Nachfrage nach deutschen Pkw ist aber weltweit so groß, dass allein durch Produktionssteigerungen in Deutschland diese wachsende Nachfrage nicht gedeckt werden kann. Folgerichtig bauen daher auch die deutschen Hersteller ihre Produktion in anderen Ländern aus.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?
Die sieben „fetten“ Jahre kann Deutschland auch gut gebrauchen. Einschnitte bei den staatlichen Leistungen, steigende Sozialabgaben, private Rentenvorsoge waren die Themen die die letzten Jahre beherrschten. Auch bei der nun erhofften konjunkturellen Hochphase werden diese Belastungen sicherlich bleiben, dafür ist die Staatsverschuldung einfach zu hoch. Allerdings könnten reale Lohnsteigerung und sichere Arbeitsplätze dafür sorgen, dass wieder Kontinuität in das Ausgabeverhalten der privaten Haushalte Einzug hält. Dies ist auch die Voraussetzung dafür, dass die Nachfrage nach neuen Pkw mittelfristig wieder auf ein „normales“ Niveau von zirka 3,3 Millionen Neuzulassungen pro Jahr ansteigt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
Sicherlich gibt es einige Risikofaktoren, die die positiven Aussichten zunichte machen könnten. Beim Thema Rohstoffknappheit ist die internationale Solidarität gefragt. Länder wie Russland oder China, auf deren Rohstoffe andere Länder angewiesen sind müssen erkennen, dass egoistisches Handeln zwar kurzfristigen Erfolg bringen kann, aber mittel- und langfristig zu einem Bumerang wird, der letztlich auch der eigenen Entwicklung schaden wird. Für Europa gilt, dass die finanziellen Probleme einzelner Staaten zugunsten einer starken gemeinsamen Währung zusammen gelöst werden müssen. Dazu gehört eine strenge Haushaltsdisziplin der betroffenen Länder ebenso wie die Unterstützung derer, die unter den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise nicht so zu leiden hatten. Ein möglicher „Double dip“ in den USA würde auch für andere Regionen, insbesondere für Europa große negative Folgen haben. Um dies zu vermeiden, bedarf es einer konsequenten Wirtschaft- und Finanzpolitik, die ohne eine starke Regierung nicht umzusetzen ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden die Branche mittelfristig wie verändern? Und was will der Kunde?
Trends in der Automobilindustrie werden entweder von der Nachfrage- oder aber von der Angebotsseite generiert. Seitens der Nachfrage ist in den gesättigten Märkten eine Tendenz zu „kleineren“ Fahrzeugen erkennbar. Allerdings verzichten die Fahrer dadurch nicht zwingend auf ein bestimmtes Platzangebot oder auf Komfort. Dadurch, dass die meisten Pkw von Generation zu Generation größer geworden sind und Komfortmerkmale auch in kleineren Segmenten angeboten werden, bieten Fahrzeuge ein Segment tiefer häufig den gleichen Platz und den gleichen Komfort wie es früher nur ein Segment höher der Fall war.

In den aufstrebenden Regionen der Welt stehen die Erstmotorisierung und damit ein optimaler rationaler Gebrauchsnutzen im Vordergrund. Da sich dieses Potenzial in den nächsten Jahren deutlich erhöhen wird, wäre es ein Fehler, das geänderte Nachfrageverhalten der gesättigten Märkte auf das der dynamisch wachsenden Regionen zu übertragen. Eine Regionen-spezifische Betrachtung der Nachfragestrukturen ist für den Erfolg einer international tätigen Anbieters unbedingt notwendig.

Von der Angebotsseite steht im Moment das Thema „E-mobilty“ im Vordergrund. Sicher ist, dass die Elektrifizierung des Pkw nicht mehr aufzuhalten ist. Die Frage ist nur, wie lange setzt man auf das Zusammenspiel von optimierten Verbrennungsmotoren und unterstützenden elektrischen Komponenten bevor das reine Elektroauto marktfähig wird. Emissionen von 100 bis 120 Gramm CO2 pro Kilometer sind heute schon verfügbar bzw. werden in Kürze auch mit Verbrennungsmotoren realisierbar sein. Hinter dem reinen Elektroauto stehen noch viele Fragezeichen. Eins davon ist die Stromerzeugung. Bei dem zurzeit noch großenteils üblichen Mix zur Stromerzeugung fallen auch bei kleinen Elektrofahrzeugen indirekt bis zu 80 Gramm CO2 pro Kilometer an, statt gut 100 Gramm bei konventioneller Antriebsart. Konsequenterweise müssen dann zur Stromerzeugung regenerative Energiequellen benutzt werden. Ein weiteres Fragezeichen steht hinter dem Preis. Noch ist die benötigte Batterietechnologie zu teuer. Knapp 500 Euro Leasingrate pro Monat oder 35.000 Euro Anschaffungspreis für einen elektrisch angetriebenen Kleinwagen sind mehr als das Dreifache als man für einen vergleichbaren herkömmlichen Pkw ausgeben müsste. Damit sind diese Fahrzeuge zurzeit sicherlich nicht konkurrenzfähig genug, um flächendeckend Erfolg zu haben. Hier liegt eine der größten Herausforderungen für die in diesem Bereich tätigen Zulieferer.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: „Gelbe Gefahr“ – macht sich die deutsche Autobranche von China auf Dauer zu abhängig?
Weil einige Modelle deutscher Hersteller in China einen höheren Absatz als in Deutschland erreichen, gibt es keinen Grund von einer zu großen Abhängigkeit zu sprechen. Es ist ja bei weitem nicht so, dass damit Verluste in anderen Regionen ausgeglichen würden, sondern dies ist für die deutsche Automobilindustrie zusätzliches Absatzpotenzial.

Auch wenn in Zukunft immer mehr Pkw deutscher Marken vor Ort produziert werden – dies ist eine unabdingbare Voraussetzung um wettbewerbsfähig zu bleiben -, so stützen diese Verkäufe doch auch die Arbeitsplätze in den Zentralen in Deutschland. Darüber hinaus muss beachtet werden, dass der Wettlauf um die Position als weltgrößter Automobilhersteller maßgeblich in China entschieden werden wird.

Prognose: Pkw-Neuzulassungen in Westeuropa

Quelle: Polk

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald