Philippe Klein, Nissan

Philippe Klein, Chief Planning Officer der Nissan Motor Corp., ist seit mehr als 30 Jahren für Renault und Nissan tätig. Er übernahm 2014 die Position von Andy Palmer. Bild: Nissan

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie ist der Stand bei der Umsetzung der Nissan-Strategie “Power Plan 88″?
Wir verbessern unsere Fertigungsprozesse kontinuierlich. Ein Highlight ist unsere CMF, die Common Module Family. Dieses Konzept basiert auf fünf Basismodulen: Motor- und Cockpit-Modul, Front- und Heck-Segment sowie die elektrische und elektronische Architektur. Ihr Einsatz erlaubt es uns, die Produktpalette pro Modell deutlich zu erweitern sowie gemeinsame Teile bei den Modellen einzusetzen. Es ist also mehr als nur eine horizontal segmentierte Plattform, es sind mehrere ineinandergreifende (“cross-sector”) Plattformen, eine Art Lego-Prinzip bei der automobilen Architektur.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Konkretisieren Sie bitte die Vorteile von CMF…
Dank CMF können wir nun auch hohe Skaleneffekte erzielen und trotzdem individuelle Modelle bauen. Das alles haben wir in den letzten Jahren installiert. Nun sehen wir die ersten Autos auf der Straße, die auf dem Baukasten basieren. Das ist auf der Nissan-Seite der Qashqai, auf der Renault-Seite der Espace. Das wird sich fortsetzen und hat eine Effizienzsteigerung bei gleichzeitiger Kostensenkung zur Folge. Das gibt uns Spielraum, um mehr neue Modelle zu entwickeln, zumal wir auch Entwicklungsarbeit sparen. Das bringt zudem zeitliche Vorteile, da wir mehr Inhalte in kürzerer Zeit umsetzen können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viele Modelle haben Sie definiert?
Wir starteten mit der CMF-C/D-Familie, die auf die bereits erwähnten fünf Module und einigen Variationen basiert. Und wir erweitern um die CMF-A-Familie, die sich auf die preiswerten Kleinwagen für die Emerging Markets fokussiert und die wir beispielsweise auf den indischen Markt bringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Beispielsweise?
Zum Beispiel die Marke Datsun. Und künftig erweitern wir auf das B-Segment.

Zur Person
Der gebürtige Franzose Philippe Klein studierte in Paris Ingenieurswissenschaften und Physik. 1981 begann er seine Karriere bei Renault. Ende der 80er Jahre nahm er an einem speziellen EU-Programm teil, das Europäern die Arbeits- und Denkweisen japanischer Unternehmen nahe brachte. In der neugegründeten Renault-Nissan-Allianz führte er das Büro des CEO in Europa zwischen 1999 und 2003. 2007 kehrte er zu Nissan nach Japan zurück als Senior VP und Büroleiter von Carlos Ghosn und war verantwortlich für Global Motorsports, Alliance Coordination, Security Office, Legal Department Organization Development, sowie das Reengineering Department. 2008 wurde er Mitglied des Executive Committee von Renault und verantwortete dort die Produktplanung. Seit September 2014 ist er in seiner aktuellen Position und damit quasi Nachfolger von Andy Palmer, der zu Aston Martin wechselte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Einkaufsabteilungen sind für beide, also Renault und Nissan tätig. Experten sagen, da sind noch Verbesserungen möglich.
Der Einkauf ist ein Pfeiler des Zukunftsplans. Wir wollen unsere Kräfte bündeln, um die Effizienz zu verbessern. Was die Beschleunigung heute ausmacht, ist die zunehmende Implementierung der CMF-Strategie. Das ist ein kontinuierlicher Prozess und wir können nicht sagen, dass wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben und schon am Ende sind.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie konkrete Größenordnungen nennen bzw. Effekte quantifizieren?
Wir wollen die Kosten für ein neues Modell zwischen 30 und 40 Prozent senken. Das schließt Effekte innerhalb der Wertschöpfungskette ein. Die Teilekosten sollen zwischen 20 und 25 Prozent geringer werden. Die Renault-Nissan-Allianz erzielte 2013 Synergiegewinne in Höhe von 2,87 Milliarden Euro. Ziel ist es, bis 2016 jährlich mindestens 4,3 Milliarden Euro durch Synergien einzusparen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ein Ziel ist auch, dass Sie 90 Prozent Marktabdeckung mit der Produktpalette erreichen wollen…
Ich würde sogar sagen, dass wir mehr als 90 Prozent globale Marktabdeckung erreichen werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wo stehen Sie aktuell?
Wir sind heute schon nahe dran an den 90 Prozent.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Eines Ihrer Ziele war ja, einen globalen Marktanteil von acht Prozent zu erreichen…
Wir erreichen heute schon mehr als sechs Prozent: 6,7 Prozent.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und die operative Marge sollte neun Prozent betragen. Wo stehen Sie, denn Ihre Investitionen waren ja hoch?
Derzeit beträgt sie knapp sechs Prozent. Wir nähern uns also unserem Ziel. In der Tat tätigten wir große Investitionen. Nun haben wir aber die schweren Brocken gestemmt. Neben dem Ausbau der Produktion ? zum Beispiel in Brasilien ? haben wir noch eine Marke in China etabliert, nämlich Venucia. Nun wird es in den nächsten Jahren weniger Investitionen geben. Darum bin ich zuversichtlich, dass wir die Planziele erreichen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wer oder was wird dabei eine tragende Rolle spielen?
Zur Erreichung der Ziele wird China der Schlüssel sein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Könnten Ihre Pläne durch die Situation in Russland gefährdet sein?
Was in Russland passiert, ist natürlich nicht förderlich. Wir haben dort eine Menge investiert und produzieren vor Ort 70 Prozent des russischen Absatzes. Wir haben einen höheren lokalen Content als unsere Wettbewerber, den wir kontinuierlich auf 90 Prozent verbessern. Doch Tatsache ist, der Markt geht zurück, der Rubel ist schwach und das Ergebnis gebeutelt. Aber wenn Sie es langfristig betrachten, sind wir aufgrund unserer hohen Lokalisierung gegenüber der Konkurrenz in einer guten Position.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Infiniti war in Russland ja ziemlich stark. Ging der Verkauf jetzt zurück?
Der Markt ging zwar insgesamt zurück. Wir konnten aber unseren Marktanteil in den letzten drei, vier Monaten dort steigern.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie legen ein E-Programm auf und sind Mitglied einer Hydrogen-Initiative. Was wollen Sie erreichen?
Wir wollen die Führungsposition, die wir bei den Zero-Emission-Fahrzeugen haben, auch halten. Wir sehen eine Verbesserung der Infrastruktur und sind optimistisch, dass das weitergeht. Und wir sehen in der gesetzlichen Regulierung einen Treiber. Wir glauben, dass das Zero-Emission-Auto die Zukunft ist. Fuel-Cell ist ebenso Teil der Zero-Emission-Flotte. Das ist zwar noch eine Zukunftstechnologie, aber sehr interessant. Sie ist momentan jedoch noch sehr komplex und teuer und die Infrastruktur erst am Anfang.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können wir auf ein Elektroauto hoffen, das hübscher als der Leaf ist?
Wir arbeiten schon am nächsten Modell und werden das Design wohl überdenken müssen.

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Das Interview führte Bettina Mayer