Oliver Blume Porsche breit

Das Porsche-Werk Leipzig wächst und rüstet sich für die Produktion des neuen Porsche Macan. Es ist das größte Bauvorhaben in der Geschichte des Stuttgarter Sportwagenbauers, der in Summe 500 Millionen Euro in die Entstehung eines Karosseriebaus und einer Lackiererei investiert. - Bild: Porsche

Eine halbe Milliarde Euro investiert die Volkswagen-Tochter in die Entstehung eines Karosseriebaus und einer Lackiererei. Es ist das größte Bauvorhaben in der Geschichte der Stuttgarter.

Porsche-Chef Matthias Müller hatte Mitte September erklärt, daß Porsche in diesem Jahr einen Absatz von gut 150.000 Fahrzeugen erreichen wird. Die ursprünglich für 2018 angepeilte Zielmarke von 200.000 soll wahrscheinlich schon 2016, vielleicht auch bereits 2015 geknackt werden. Für zusätzliches Wachstum wird ab dem kommenden Jahr der Macan sorgen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Blume was waren für Sie die Herausforderungen des neuen Projektes Porsche Macan?

Blume: Wir haben zunächst einmal eine neue Fabrik, ein neues Produkt und neue Mitarbeiter. Das ist die größte Herausforderung in der Automobilindustrie. Wir stellen rund 1.500 neue Beschäftigte ein. Besonders wichtig dabei ist es, die neuen Mitarbeiter für das Porsche-Produktionssystem und die Fertigungsanlagen zu qualifizieren.

Wir haben dazu ein vierstufiges Programm aufgesetzt, was wir individualisiert für jeden einzelnen zusammenstellen. Wir schauen ganz genau, welche Qualifikationen die Leute mitbringen und wo noch eine Fortbildung gemacht werden muss. Daraus ergibt sich dann eine Grundlagenschulung, die auch eine fachliche Ausbildung bei verschiedenen Lieferanten beinhalten kann.

Innerhalb des Volkswagen Konzerns nutzen wir die Möglichkeit, Mitarbeiter in einzelnen Werken der Markenfamilie in laufenden Prozessen mitarbeiten zu lassen. Zusätzlich nutzen wir die Möglichkeit, die Mitarbeiter beim Aufbau der neuen Anlagen in Leipzig dabei sein zu lassen, damit sie die Anlagen von Beginn an kennen lernen und sie perfekt beherrschen.

Oliver Blume Porsche

Oliver Blume: "Sobald die Macan-Fertigung mit allen Varianten auf Kammlinie läuft, werden wir über eine Produktionskapazität von rund 50.000 Einheiten jährlich verfügen." - Bild: Porsche

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie viele Fahrzeuge werden gebaut?

Blume: Sobald die Macan-Fertigung mit allen Varianten auf Kammlinie läuft, werden wir über eine Produktionskapazität von rund 50.000 Einheiten jährlich verfügen. Im Moment sind wir in der Vorserie. Das heißt, dass wir tageweise einzelne Blöcke bauen und dann die Funktionschecks der Anlagen und eine Qualitätsoptimierung am Produkt entsprechend durchführen. Das ganze Abstimmen der Teile zueinander, die Maßqualität der Karosserie und die Optimierung der Oberflächen in der Lackiererei. Unser Plan ist es, Anfang nächsten Jahres mit dem Bau von Kundenfahrzeugen zu beginnen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wann haben Sie die Kammlinie erreicht?

Blume: Das wird voraussichtlich Mitte nächsten Jahres der Fall sein. Für die Porsche-Organisation ist das eine riesige Herausforderung, denn als Vollwerk ist es das größte Neuwagenprojekt, das Porsche je durchgeführt hat. Dafür war es auch wichtig, die Prozesse bis ins Detail auszuplanen, um dieses Projekt dann auch professionell zu starten. Dazu haben wir auch insbesondere auf der Qualitätsschiene in einige neue Methoden investiert, um die Produkte noch perfekter zu machen. So zum Beispiel auch in der Blechqualität.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Mit allen Derivaten, die man da machen kann?

Blume: Ganz genau. Für uns ist es jetzt erst einmal wichtig, zu analysieren, wie dieses Fahrzeug im Markt ankommt. Das ist ja für uns eine ganz neue Nische, in die wir da stoßen. Das B-SUV-Segment ist das am größten wachsende Segment weltweit. Wir werden natürlich in die Porsche-typische, exklusive Region gehen und sind derzeit schon dabei zu überlegen, welche Derivate unsere Kunden noch nachfragen werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Dort bauen Sie jetzt aber nur Porsche, oder fällt da auch ein Audi vom Band?

Blume: Wir bauen immer nur reinrassige Porsche!

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sollten nicht Audi- und Porsche-Modelle auch zusammen gebaut werden?

Blume: Unsere fünf Modelle werden in den Porsche Werken Zuffenhausen sowie Leipzig gefertigt. Für die Baureihe Boxster/Cayman nutzen wir teilweise auch Kapazitäten von Volkswagen in Osnabrück. Auch beim Panamera und Cayenne erhalten wir bezogen auf den Produktionsprozess Unterstützung aus dem Volkswagen Konzern.

Doch zurück zum Macan: Insbesondere bei der Fertigung von kompakten Fahrzeugen stellt sich immer die Frage, in welche Fabriken das Ganze hineinpasst. Beim kompakten Porsche SUV haben wir uns jetzt auf Leipzig konzentriert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das heißt, Sie haben mit Audi gar keine Berührungspunkte?

Blume: Natürlich tauschen wir uns fachlich aus. Das sind Themen, wo wir porscheseitig gerne die Vorteile des Volkswagen Konzerns nutzen, zum Beispiel wenn es um die Ausbildung von Leuten oder die gegenseitige Nutzung von Komponenten und Kompetenzen geht. Das geht dann aber in beide Richtungen, Audi Mitarbeiter kommen zu uns und unsere Leute gehen zu Audi. Da nutzt man natürlich auch die persönlichen Kontakte und kurzen Wege, die es in einem großen Konzern gibt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Haben Sie sich in der Audi-Produktion genau umgeschaut?

Blume: Wir schauen uns natürlich andere Produktionssysteme und Anlagen im Detail an. Ich selbst habe ja bereits auch für die Marken Audi, Seat und Volkswagen gearbeitet. Davon können wir alle profitieren. Für uns gilt es dann immer ? das ist gerade die Chance, wenn man in so einem großen Konzern arbeitet ? sich gute Lösungen anzuschauen, diese zu übertragen, zu verbessern und daraus dann wieder den eigenen Weg zu entwickeln.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was sind für Sie derzeit die drei wichtigsten Themen?

Blume: Einmal ist es die Vielzahl der Modellanläufe. Den Panamera Anlauf haben wir gerade erfolgreich abgeschlossen. Darüber hinaus sind es in diesem Jahr in der 911-Linie in Stuttgart der GT3, der Turbo und der Targa. Hinzu kommt der 918 Spyder mit eigener Manufaktur im Stammwerk Zuffenhausen und der Macan in Leipzig. Das Wichtigste dabei ist, die Qualitätsprozesse weiter zu optimieren. Weiterhin stellen wir beim Innovations- und Strategieprozess ? im Hinblick auf die Modellpalette und die Weiterentwicklung der Marke Porsche ? die richtigen Weichen für die Zukunft. Und noch ein wichtiges Thema ist die ständige Perfektionierung des Porsche Produktionssystems. Denn das ist eines der besten der Welt und soll es natürlich auch bleiben.

Porsche Macan

Schon im Frühjahr 2014 soll der Macan bei den Händlern stehen. Mit der neuen Geländelimousine im Angebot will Porsche im nächsten Jahr wieder beim Gewinn zulegen. - Bild: Porsche

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was zeichnet das Porsche-Produktionssystem aus?

Blume: Unser Produktionssystem wurde zu Beginn der 1990er Jahre eingeführt und ist damit eines der frühesten, die in Europa Einzug gehalten haben. Insofern hat es schon einiges an Tradition und Optimierung hinter sich. Das durchgängige bei dem System ist, dass wir in der ganz frühen Phase ? der Produktgestaltung ? beginnen, dann über die Prozessgestaltung für neue Fertigungsprozesse gehen und anschließend die kontinuierliche Optimierung in der Serie haben ? das betrifft sowohl den Porsche-als auch Lieferantenbereiche. Dadurch betrachten wir den kompletten Kreislauf schon von der ganz frühen Gestaltung an. Denn schon dort nehmen unsere Produktionsexperten Einfluss auf Produktivität und Qualität eines Autos auch im engen Zusammenspiel mit den Entwicklungs- und Beschaffungskollegen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was machen Sie genau, um die Qualitätsprozesse zu optimieren?

Blume: Porsche hat einen extrem hohen Qualitätsstandard, den man auch an der Kundenwahrnehmung erkennt, die jüngst wieder von J.D. Power mit dem ersten Platz ausgezeichnet wurde. Wir konzentrieren uns also weiter darauf noch perfekter zu bauen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was machen Sie genau beim Innovations- und Strategieprozess?

Blume: Wir haben einen Innovations- und Strategieprozess im Rahmen der Porsche Strategie aufgesetzt, der sich auf sieben Felder konzentriert: Das sind die Themen Kultur, Mensch und Kompetenz, Qualität, Methoden und Prozesse, Anläufe-Produktivität, Flexibilität und Innovationen. Das Entscheidende bei der Umsetzung ist, dass wir für jedes dieser Felder einen Verantwortlichen aus meinem Führungsteam haben, der mit einer ganz konkreten Maßnahmentreppe und einer konkreten kurz- und langfristigen Zielableitung dafür sorgt, dass wir uns auf diesen Feldern termingerecht weiterentwickeln.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das kann ja dann nur sein, dass Sie im Konzernvergleich irgendwann auf Rang eins stehen wollen.

Blume: Das können auch interne Vergleiche sein. Wichtig für uns ist, dass wir uns stets weiterentwickeln. Es gibt natürlich auch Themen, wo wir uns im Konzern vergleichen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Abschließend noch einmal zu Ihnen persönlich, Herr Blume. Was haben Sie vor Ihrem Antritt bei Porsche gemacht? Was sind Ihre Herausforderungen?

Blume: Ich komme aus Braunschweig und habe dort Maschinenbau studiert. Anschließend bin ich vor 19 Jahren als Trainee zu Audi gegangen und konnte die Automobilproduktion von der Pike auf lernen: erst als Planer für Karosseriebau und Lackiererei, danach als Schichtleiter in der Produktion und später als Leiter des Karosseriebaus A3. Dann war ich eine Zeit lang Assistent des Produktionsvorstands, damals Dr. Jochem Heizmann. Im Anschluss habe ich bei Audi standortübergreifend die Leitung der Pilothallen verantwortet. Von dort aus bin ich nach Spanien zu Seat gegangen und leitete fünf Jahre lang die Planung sowie das Vorseriencenter der Marke.

Nach Seat kam ich zu Volkswagen und leitete dort bis Ende 2012 die weltweite Produktionsplanung der Marke. Mit diesem Werdegang ist es schon höchst interessant, zu einer Marke wie Porsche zu kommen. Zum einen diese absolute Perfektion, die alle Porscheaner antreibt, und zum anderen das Pragmatische und die Geschwindigkeit, wie dort gearbeitet wird. Heute profitiere ich von den Erfahrungen, die ich bei anderen Unternehmen gemacht habe und bringe diese nun sehr gerne in mein neues Aufgabenfeld als Vorstand für Produktion und Logistik bei Porsche ein.

Das Interview führte Bettina Mayer
Mitarbeit: Felicitas Heimann, Guido Kruschke