Torsten Müller-Ötvös

Torsten Müller-Ötvös: "Rolls-Royce ist weder Sport noch Utility." Bild: Rolls-Royce

AUTOMOBIL PRODUKTION: Kommt Bentley nicht langsam Rolls-Royce sehr nahe?
Torsten Müller-Ötvös: Beide Marken haben sich noch nie so gut voneinander abgegrenzt wie heute. Früher haben sich Bentley und Rolls-Royce nur durch unterschiedliche Kühlergrills unterschieden. Heute haben sie vollkommen unterschiedliche Charaktere und verfolgen andere Strategien.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie unterscheiden sich diese?
Bentley ist eher an weiterem Volumenwachstum interessiert und hat für 2018 ein Ziel von 15.000 Einheiten angekündigt. Das machen wir nicht. Unsere Kunden wollen Rolls-Royce nicht an jeder Straßenecke sehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber Sie müssen auch genug Kunden finden, die bereit sind, ihre Preise zu bezahlen…
Wir haben ganz klar definiert, dass wir in dem Segment über 250.000 Euro beheimatet sind. Und wir werden kein Modell darunter anbieten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wo unterscheiden Sie sich da von Bentley?
Bentley verkauft über 80 Prozent im Segment von 150.000 bis knapp 200.000 Euro. Das ist eine andere Strategie, sie bringt sowohl Bentley als auch Rolls-Royce weiteren Wachstum.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wohin streben Sie mit Rolls-Royce?
Wir haben mit 3 630 Einheiten 2013 zum vierten Mal einen Rekord markiert. Und wir sehen noch Potenzial: Die Anzahl der Menschen, die sehr viel Geld verdienen, wächst jährlich weltweit um ein bis drei Prozent. Der Wraith und auch der Ghost haben uns schon vollkommen neue Kunden erschlossen. Der Ghost war ja der Erfolgsgarant über die letzten Jahre und hat mitgeholfen, neue Kunden an die Marke zu binden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie läuft der Wraith?
Der Wraith, den wir vergangenes Jahr präsentiert haben, hat exzellent eingeschlagen. Wir haben ein volles Orderbuch ? wenn Sie heute bestellen können wir vor August nicht liefern. Vor diesem Hintergrund bin ich mit der Entwicklung sehr zufrieden.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Planen Sie nun nicht auch einen SUV?
Wenn wir so was machen, dann muss es auch zur Marke passen. Wir reden ja immerhin über eine Marke mit einer 110-jährigen Geschichte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das ist doch kein Grund keinen SUV zu bauen…
Rolls-Royce ist von der Herkunft her weder Sport noch Utility. Wir bewegen uns in einem Segment, das ungeachtet der Wirtschaftsturbulenzen der vergangenen Jahre stabil war.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das gilt aber auch für das SUV-Segment…
Tatsächlich gibt es in dem Segment auch eine Luxusnische. Vor dem Hintergrund schauen wir uns das Thema auch ein wenig genauer an. Aber mehr im Hinblick darauf: Kann so was zur Marke Rolls-Royce passen? Überlegungen allein reichen nicht. Da muss man auch noch ein paar Zeichnungen aufs Papier bringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Soweit sind Sie noch nicht? Dass Sie was aufs Papier gebracht haben…?
Doch ? wir sind gerade dabei. Aber es gibt noch keine Entscheidung. Und Eile ist auch keine angesagt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wann fällt dann die Entscheidung?
Ich denke in zwei bis drei Jahren. Wir sind in Goodwood an der Kapazitätsgrenze. Ich kann das Werk nicht beliebig erweitern. Darum überlegen wir uns genau, wann wir Derivate auf den Markt bringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie bedienen sich dann sicherlich auch wieder der Synergien des Konzerns und machen nur das Final Assembly in Goodwood, oder?
Sicherlich bedienen wir uns der ein oder anderen Technologie im Haus, die wir entsprechend für Rolls-Royce anpassen. Jedoch werden die Fahrzeuge komplett in Goodwood produziert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber bei Ihren Stückzahlen ist das ja naheliegend…
Naheliegend im Sinne dessen nur, dass wir uns der Technologie bedienen. Wir reden hier über eine Preispositionierung, die sich nochmals erheblich zu der eines BMW unterscheidet.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben sicher einen Plan von Ihrem Chef, Herrn Dr. Reithofer, bekommen. Wenn nicht Absatzsteigerung drin steht, was steht dann drin?
Profit. Die BMW Group versteht, wie man Luxusmarken führt. Luxusmarken werden nach Profit-Gesichtspunkten und nicht über Volumen geführt. Wir sind ein Unternehmen, das hoch profitabel ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Profit heißt aber auch mehr Autos mit noch mehr Ausstattung zu verkaufen…
Mit einem attraktiven Produkt und geringer Stückzahlen mehr Geld zu machen ist die Kunst im Luxusgüter-Geschäft. Und nicht über Volumen. Eine Volumenstrategie erodiert eine Marke langfristig.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Außerhalb eines möglichen SUVs ? wo wären noch Wachstumsmöglichkeiten für Rolls-Royce?
Sie können sich vorstellen, dass es von einem Wraith eine offene Variante geben könnte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Ist das nicht schon beschlossene Sache?
Es bietet sich an. Wenn die Zeit reif ist, werden wir das in den Markt bringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wann ist die Zeit reif?
Sicherlich noch länger als ein Jahr. Das Luxusgüter-Geschäft hat viel damit zu tun, dass Sie sich limitieren. Dass Sie immer ein Auto weniger bauen ? um im Automobilbereich zu bleiben ? als Sie verkaufen können. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich die Nachfrage momentan gar nicht bedienen kann. Vor dem Hintergrund wäre ich doch schlecht beraten, sofort das nächste Derivat zu bringen. Also ist es doch intelligent Lebenszyklen so zueinander zu schalten, dass man über den Zeitlauf eine saubere Volumenlinie fährt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das, was Ihre Kunden sicherlich nicht haben, ist Geduld.
Naja, wir bieten ja auch das Phantom Cabrio an.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Auf ihrem Hauptmarkt China zeichnet sich ab, dass Steuern auf Autos erhoben werden, die nicht besonders umweltverträglich sind. Wie reagieren Sie darauf?
China und USA bilden unsere beiden größten Märkte. Wir verkaufen knapp je 30 Prozent unseres Absatzes dort. Und wir haben im Segment der Zwölfzylinder die emissionsfreundlichsten Zwölfzylinder. Aber hier gilt: Solange es keine gesetzliche Maßnahme gibt, die uns im Angebot behindern würde ? sehen wir jetzt keine Notwendigkeit zu reagieren.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Aber vielleicht in so etwas wie einen Hybrid oder Zylinderabschaltung?
Möglich. Ich könnte mir vorstellen, dass es einen Plug-In-Hybrid Geben könnte.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Über welchen Zeithorizont reden wir hier?
Das dauert.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Also fünf Jahre mindestens?
Ja, so ungefähr.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Absatzzahlen zeigen, dass der Trend in den obersten Preissegmenten nach oben zeigt. Wo sehen Sie die Absatzgrenze für Rolls-Royce?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in Richtung 10.000 und mehr Einheiten gehen. Ferrari macht das aus meiner Sicht ausgesprochen clever: Bei 7000 Einheiten ist Schluss. Sicherlich wird es auch irgendwann für Rolls-Royce so eine Grenze geben.

Das Interview führte Bettina Mayer