Leiter Digital Engineering bei Siemens, Wolfgang Schlögl

Wolfgang Schlögl, Siemens: "Der Nutzungstrend geht international klar hin zu einem standardisierten Datenaustausch mit AutomationML." Bild: Siemens

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Schlögl, die „Digitale Fabrik“ zielt darauf ab, alle Bereiche einer Fabrik mit Hilfe von IT planen, abbilden und simulieren zu können. Trifft diese Definition im Jahr 2017 so noch zu?
Die Digitale Fabrik spielt über diese ursprüngliche Definition hinaus inzwischen sehr stark mit den benachbarten IT-Systemen zusammen, heute spannt sich die Digitalisierung über den gesamten Lebenszyklus einer Fabrik. Sie berührt auch die Bereiche MOM, Manufacturing  Operations Management und das ganze Thema Automatisierungstechnik. Wir sehen das an den sich wandelnden Themen des jährlichen Kongresses Digitale Fabrik und auch bei Siemens ist die ursprüngliche Digitale Fabrik inzwischen ein Teil von Digital Enterprise. Als Trend lässt sich feststellen: Die Grenzen lösen sich auf und die Integration nimmt zu.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie beeinflussen Elemente der Smart Factory und Künstliche Intelligenz die Tools der Digitalen Fabrik und deren Evolution?
Für die Umsetzung von Industrie 4.0 wird eine digitale Datengrundlage benötigt. Die Digitale Fabrik ist der Lieferant dieser Datengrundlage. Was wir aktuell sehen ist, dass die Datenmenge, die Datenintegration zunimmt, also der Datenvorrat wächst. Elemente, die früher nicht direkter Bestandteil der ursprünglichen Digitale Fabrik-Systeme waren, werden jetzt integriert. Konkrete Beispiele aus meiner Arbeit sind hier die Themen Elektrik und Automatisierung, die ja ganz entscheidend sind für die Fabrik, aber nicht Teil der klassischen Digitale Fabrik Tools waren. Neue Methoden, aus dem Bereich künstliche Intelligenz mit diesen Daten für die Planung umzugehen, sehe ich aktuell eher in der Forschung angesiedelt und noch nicht so sehr in der praktischen Umsetzung. Neu sind inzwischen Ansätze, die Datensammlungen von Internet of Things -Plattformen aus dem laufenden Betrieb mit den Engineering-Daten der Digitalen Fabrik zu kombinieren, um hier wieder Erkenntnisse zu gewinnen. Aber diese Verbindung ist im Entstehen, aktuell sehe ich es noch nicht direkt in der praktischen Nutzung, da auch die großen IoT-Lösungen gerade erst entstehen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Cloud-Lösungen?
Aus der Siemens-Perspektive kann ich sagen, dass wir den klassischen PLM-Themenblock inklusive Planung, Engineering und Simulation für die Anlagen weiterhin auf einem Daten-Backbone  sehen, bei uns ist das Teamcenter, und der wird auch so weiterentwickelt. Das ist jetzt noch keine klassische Cloud-Lösung, aber wir machen natürlich mit Teamcenter auch verstärkt Entwicklungen bei der Cloudfähigkeit. Für das Zusammenfassen und Auswerten von Betriebsdaten sind aber auch jetzt schon Cloud-Lösungen entstanden – etwa mit unserem cloud-basierten offenen IoT-Betriebssystem Mindsphere.

Digitale Fabrik - Werksführung mit BMW Leipzig

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wenn man sich mit Digitaler Fabrik beschäftigt, stößt man immer wieder auf das XML-basierte Datenformat AutomationML. Wo könnte das künftig zusätzlich Bedeutung gewinnen?
Ich sehe in der Digitalen Fabrik einen klaren Nutzertrend hin zu einem standardisierten Datenaustausch mit AutomationML. Aktuell geht das von Deutschland aus, es wird aber immer stärker international. Unsere Devise bei Siemens ist zu sagen, wenn für einen Datenaustausch heute kein Standard existiert, dann schauen wir uns AutomationML als eine Lösung an, die wir dafür einsetzen können. Beispiel dafür ist ja aktuell das Interface unseres Totally Integrated Automation Portal (TIA Portal) zu den E-CAD-Systemen. Hier hat eine AutomationML-Schnittstelle in ein großes Siemens Software-System Einzug gehalten.
Im Umfeld der Geometrie nimmt der Wunsch zu, das JT Geometriedatenformat stärker in das AutomationML-Format zu integrieren. Ganz aktuell kann ich dazu aus der Vorstandssitzung des AutomationML e.V. berichten, dass wir in der Tat diese JT-Einbindung forcieren wollen. Das wird natürlich auch zu einer besseren Nutzbarkeit im Umfeld der Automobilindustrie führen, weil hier eine große JT-Anwendercommunity existiert. Aktuell sehe ich, dass die Anwenderbedarfe und -anforderungen steigen und dass sich die Unternehmen stärker mit dem Thema AutomationML befassen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie haben gerade das Stichwort Automobilindustrie genannt. Welche Anforderungen formuliert diese Branche und natürlich auch die Zulieferindustrie an das Engineering und die Simulation im Digital Enterprise?
Da steht momentan das Thema Datendurchgängigkeit ganz vorne. In der Digitalen Fabrik können mittlerweile auch die Daten von Disziplinen durchgängig gespeichert werden, die bisher außen vor waren. Ich hatte schon die Bereiche Elektrik und Automatisierung erwähnt. Da kommen wir aktuell zu einem mechatronischen Ansatz, der in den Kontext der Digitalen Fabrik mit einfließt. In diesem Zusammenhang  formulieren verschiedene Anwender die Anforderungen, einen Digitalen Zwilling bereitzustellen, der alle Aspekte eines Produktionssystems beinhaltet.