SEAT-Produktionschef Andreas Tostmann

SEAT-Produktionschef Andreas Tostmann: “Stabilität in der Produktion ist eine der ganz wesentlichen Voraussetzungen, um weitere Veränderungen umzusetzen.” – Bild: SEAT

AUTOMOBIL PRODUKTION:Herr Dr. Tostmann, vergangenes Jahr feierte SEAT in Martorell nicht nur 20jähriges Werksjubiläum, sondern wurde auch mit dem Automotive Lean Production Award in der Kategorie OEM als Sieger ausgezeichnet. Konnten Sie den Lean-Prozess weiterentwickeln?
Wir haben das SEAT-Produktionssystem weiter perfektioniert. Dazu haben wir in den vergangenen zwei Jahren sehr intensiv an Ausbildung und Training gearbeitet. Die Lern-Bausteine, die wir in das Produktionssystem eingefügt haben, haben die Liebe zum Detail als Thema, also Präzision und Perfektion in jedem einzelnen Gewerk. Presswerk, Lackiererei und Montage wurden ins Lean-Training einbezogen. Insgesamt sind wir in den vergangenen beiden Jahren einen großen Schritt weiter gekommen. Der Weg ist aber noch nicht zu Ende.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was planen Sie weiterhin?
Wir haben unsere Produktionsstrategie definiert mit dem Titel PQT – Produktivität, Qualität und Team. Wenn wir also über Entwicklungsfortschritte diskutieren, dann fokussieren wir uns immer auf diese drei Themen. Und das ist erfolgreich: 2014 haben wir zum ersten Mal den wichtigsten Qualitätspreis in Spanien gewonnen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Inwiefern konnten Sie Ihre Produktivität verbessern?
Unsere Produktivitätsstrategie bezieht auch die Getriebefertigung in der Zona Franca in Barcelona ein. Dort haben wir die gleichen Programme gestartet wie hier in Martorell und wenden ebenfalls die PQT-Strategie an – aber natürlich von einem unterschiedlichen Ausgangspunkt und mit anderen Schritten. Wenn wir also über die gesamte Produktion der Marke SEAT sprechen, dann gibt es nicht eine einzelne Zahl zur Produktivitätsverbesserung, sondern es gibt viele einzelne Erfolge. Und meist wurden meine eigenen Erwartungen vom Erreichten übertroffen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sehen Sie sich im Lean-Prozess nahe am Optimum?
Nein, denn dann würden wir uns wahrscheinlich zurücklehnen. Ich weiß auch nicht, ob es ein Optimum überhaupt gibt; eigentlich ist das ein kontinuierlicher und permanenter Prozess. Das zeigt auch ein Spruch, den ich von meinem Team zum Glück sehr oft höre: Da geht noch was!

AUTOMOBIL PRODUKTION:Inwieweit haben Sie denn bei den Themen Produktivität und Qualität auch die Zulieferer in den Prozess eingebunden?
Innerhalb dieser PQT-Strategie haben wir ein Programm mit der Bezeichnung Fitness: Der Gedanke ist, die gesamte Organisation zu ertüchtigen und auf Präzision und Perfektion einzustimmen. Dazu gehören natürlich auch die Zulieferer. Also sind wir in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen aus dem Einkauf und der Qualitätssicherung in mehreren Schritten zu unseren wesentlichen Partnern gegangen, um auch dort Qualitäts-, aber ebenso Produktivitätsverbesserungen zu erreichen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Bedeuten neue Wertschöpfungsinhalte auch Veränderungen in der Lieferantenstruktur?
Ich glaube, zunächst nicht wesentlich. Die Frage ist eher, wie man die zunehmende Komplexität beherrscht und wie man auch Varianten mit kleineren Stückzahlen optimal in die Montage integriert. Auch da sind wir inzwischen gut aufgestellt. Ein Beispiel ist der neue Leon X-Perience, dessen Fertigung wir in die Linie integriert haben. Natürlich reden wir hier im Vergleich zum 5-Türer von kleineren Volumina, aber auch deren Beherrschung ist eine wesentliche Aufgabe.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Nun sind ja Produktivität und Effizienz wesentliche Kernelemente des Kurses, der vom Mutterkonzern aus Wolfsburg eingeschlagen wird. Welche Veränderungen sehen Sie im Zusammenhang mit Herrn Winterkorns Spardiktat auf die Produktions- und Zulieferstrukturen bei SEAT zukommen?
Wir waren gut beraten, dass wir uns schon seit Jahren mit unserer PQT-Strategie sehr stark auf Produktivität und Qualität fokussieren. Wir haben einiges erreicht und werden weitermachen; dabei suchen wir immer nach der Best Practice. Es gibt zum Beispiel eine einfache Montagelösung, die wir im Rahmen der MQB-Einführung den anderen MQB-Anwendern im Konzern zur Verfügung gestellt haben. Solche Dinge tauschen wir sehr intensiv miteinander aus und profitieren natürlich von den besten Lösungen der anderen Marken. Wer da schnell und dynamisch unterwegs ist, und das sind wir als kleine Marke, der kann durchaus einen Vorsprung für sich herausarbeiten.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Inwiefern Vorsprung?
Indem wir bei Produktivität und Qualität in der ersten Reihe mitspielen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie möchten sagen, dass Sie besser sind als die Kollegen bei Volkswagen Pkws?
Nein, aber ich möchte sagen, dass wir uns in der Konzernliga gut messen können.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was ja nicht immer so war…
Die Marke entwickelt sich, ganz klar. Nicht nur in Produktivität und Qualität, sondern vor allem mit ihren Produkten. Die neue Leon-Familie bietet einzigartiges Design und besonderen Fahrspaß, die unsere Kunden begeistern. Der überragende Erfolg in den Märkten beweist das.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Das nächste Fahrzeug wird ein SUV sein, dessen Name noch nicht feststeht. Dieses wird aber entgegen Ihren Planungen nicht in Martorell gebaut wird. Warum nicht?
SEAT gehört zum Volkswagen-Konzern. Der betreibt allein in Europa 68 Fertigungsstätten und steht natürlich beständig vor der Aufgabe, die Synergien zwischen den Marken und Produkten zu optimieren. Das SEAT-SUV wird am tschechischen Standort Kvasiny gebaut, so wie der Audi Q3 in Spanien in Martorell gebaut wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was heißt das aus Konzernsicht?
SEAT bekommt ein SUV! Diese neue Baureihe ist ein klares Bekenntnis zur Marke. Und sie wird sicherlich ein wichtiger Pfeiler der weiteren Entwicklung unserer Marke werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Aber Sie haben ja den neuen MQB, also den Modularen Querbaukasten mit dem Leon bereits hier in Martorell etabliert. Sie hätten also eigentlich auch die Werkzeuge und gute Voraussetzungen gehabt, das SUV hier zu bauen; noch dazu, weil das Thema Auslastung doch auch ein wichtiges Thema ist.
Das sind durchaus Argumente, aber es gibt noch andere. Insgesamt sind wir zu der Entscheidung gekommen, dass Tschechien als zukünftiger Standort auch für SEAT vorteilhaft ist.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Nach VDA-Angaben betragen die Arbeitskosten in Tschechien 11,50 Euro pro Stunde. Im Vergleich dazu sollen es in Spanien 26,60 Euro und in Deutschland gar 48,40 Euro sein. Gehören also zu dieser weiteren Argumentation auch die Lohnkosten in Spanien?
Das ist kein Geheimnis und natürlich ein wichtiger Punkt: Die Lohnkosten in Tschechien sind günstiger als in Spanien. Auf dem Weg zu einer konzern- und markengetragenen Standortentscheidung ist das aber nur ein Element. Und nochmals: Es wird ein SUV für SEAT geben. Das ist entscheidend und darauf sind wir alle sehr stolz. Das Fahrzeug wird komplett in Martorell designed und entwickelt, es ist zu 100 Prozent ein SEAT mit der vollständigen DNA der Marke.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was ist am Standort Kvasiny für die Marke SEAT effizienter als hier in Martorell? Und was ist das Ziel?
Wir haben immer gesagt, wir möchten ein SUV im Programm haben, müssen aber sicherstellen, dass es wirtschaftlich sinnvoll ist. Also: Wo kann man ein solches Fahrzeug optimal industrialisieren? Wo ist die Kapazität vorhanden, wo lässt es sich schnell realisieren, wo hat man qualifiziertes Personal? Natürlich war Martorell in die Betrachtungen einbezogen. Ich glaube aber, dass wir jetzt die bestmögliche Lösung gefunden haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Bekommen Sie vielleicht aus dem Produktionsverbund ein anderes Modell, um in Martorell die Auslastung zu verbessern – beispielsweise einen weiteren Audi?
Wir sind sehr froh, dass wir insgesamt auf drei Produktlinien produzieren und dass wir den Audi Q3 fertigen. Wir haben jetzt ein sehr gutes Produktportfolio für einen Standort mit der Größe von Martorell.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Machen Sie in den Rahmenbedingungen in Martorell Fortschritte?
In den zurückliegenden Tarifvertragsverhandlungen haben wir sehr gute Fortschritte gemacht. Der aktuelle Tarifvertrag schafft uns die Basis, mit einer flexiblen Arbeitsorganisation zu agieren. Damit sind mehr Arbeitstage im Jahr möglich, als man in Spanien bislang realisieren konnte: Wir können uns relativ einfach mehr als 300 Arbeitstage vorstellen. Und das ist in Spanien schon etwas Besonderes, da man bei 300 Tagen praktisch jedes Wochenende integriert hat, Feiertage mit einbezieht oder den traditionellen August-Urlaub nicht gar so fest zementiert.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was macht Martorell interessant?
Es ist eine dynamische, flexible, präzise und Lean-strukturierte Produktion. Beachtlich hier ist vor allem das Zusammenspiel der drei Elemente unserer Produktionsstrategie: Produktivität, Qualität und Team.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Im Jahr 2010 betrug die Auslastung von Martorell 60 Prozent, im Jahr darauf 67 Prozent und Ihr Ziel waren 90 Prozent. Wo stehen Sie jetzt?
Wir stehen im ersten Halbjahr 2014 bei einer Auslastung von etwa 80 Prozent und produzieren mehr als 2.000 Fahrzeuge täglich. Wir fahren unsere Fabrik in weiten Teilen im Dreischicht-Betrieb. Bei Leon und Leon ST verzeichnen wir eine sehr gute Auftragslage, im ersten Halbjahr stiegen die Produktionszahlen um weitere 11,1 Prozent. Wir sind da auf einem sehr guten Weg. Die sehr gute Nachfrage, die wir derzeit erleben, und das klare Wachstum in den Märkten, helfen natürlich, den positiven Trend der vergangenen Jahre weiter fortzuschreiben.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Gemessen an den KPIs der 68 Pkw-Fabriken innerhalb des VW-Konzerns: Wo steht denn da Martorell?
Ganz vorne, wir spielen in der ersten Liga. Hätten Sie etwas anderes gedacht?

AUTOMOBIL PRODUKTION:Hat die Produktion des Q3 hier in Martorell auf das Qualitätsimage von SEAT eingezahlt?
Absolut. Die Einführung des Audi Q3 hat im Werk viele Prozesse verbessert, denn der Q3 hat im Vergleich zu den SEAT-Produkten andere Anforderungen. Zum Beispiel werden hier bestimmte Fahrer-Assistenzsysteme oder Ausstattungen früher eingesetzt als bei den SEAT-Produkten. Und das bedingt natürlich, dass wir uns mit diesen Technologien entsprechend früh und intensiv auseinandersetzen. Das führt wiederum dazu, dass das gesamte Team rund um Produktion und Planung des Fahrzeugs einen Schritt nach vorne macht.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Hat SEAT nun innerhalb des VW-Konzerns den „sicheren Hafen“ erreicht?
Die gute Auftragssituation führt bei uns zu einem ganz wesentlichen Resultat – und das ist Stabilität. Sie erlaubt, dass wir unsere Projekte in einem beruhigten Fahrwasser umsetzen können. Und wir werden schneller. Wir produzieren jetzt über 2.000 Autos am Tag und sind gut unterwegs. Aber: Da geht noch mehr.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Heißt Stabilität in der Produktion auch höhere Verfügbarkeiten auf der Technologieseite?
Stabilität in der Produktion ist eine der ganz wesentlichen Voraussetzungen, um weitere Veränderungen umzusetzen. In einem volatilen Umfeld ist es schwierig, wirkliche Verbesserungen zu erreichen. Aber man muss an diesen Stabilitätsfaktoren auch konsequent arbeiten: stabile Programme, stabile Fahrweisen, stabile Schichtmodelle – die wir nun haben.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Was ist das nächste Optimierungsziel, das Sie vor Augen haben?
Woran messen wir Optimierung? Wir messen sie an Effizienz, in allen Bereichen. Wenn wir jetzt viel über Produktivität gesprochen haben, dann haben wir den direkten, wertschöpfenden Prozess vor Augen. Wir verstehen unter Produktivität aber auch sämtliche Abläufe in dessen Umfeld. Deswegen haben wir uns im Rahmen unseres „Fitness“-Programms sehr intensiv um die indirekten Bereiche und die Organisation als solches gekümmert. Ein Großteil dieses Projektes ist erfolgreich abgeschlossen, aber wir werden weiterarbeiten, an der Entwicklung der Organisation wie auch an der Entwicklung des Teams. Die nächsten Themen betreffen Innovationen in der Fertigungstechnologie. Da können wir viel lernen aus dem Konzern, beispielsweise von den Standorten und Marken, wo bereits Karosserie-Konzepte in Mischbauweise umgesetzt werden.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Ist es dazu nötig dass Sie in der nächsten Zeit in Technologien investieren?
Was notwendig ist, das werden wir natürlich tun. Abhängig ist das aber stets von den künftigen Produktentscheidungen. Schließlich stehen die Produkte im Mittelpunkt, sie müssen die Kunden begeistern.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Das heißt, die nächsten Investitionsentscheidungen gelten bereits für die nächste Phase?
Die Entscheidungen rund um das SUV sind längst getroffen, das Auto kommt ja bereits im Frühjahr 2016 auf den Markt. Wenn die nächsten Produktentscheidungen anstehen, werden wir Themen wie Fertigungstiefe oder Technologien wieder neu bewerten.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie zeigen auf dem Pariser Autosalon schon so eine Art „Vorstufe“ zum SUV, nämlich den erwähnten Leon X-Perience. Ist das „nur“ ein Sondermodell oder wird das eine neue Produktfamilie?
Der X-Perience ist eine weitere Ergänzung unserer sehr erfolgreichen Leon-Familie. Wir haben den 5-Türer, den dreitürigen SC, unser sportliches Topmodell CUPRA und wir haben den Kombi Leon ST. Beim ST bieten sich natürlich weitere Varianten an, etwa den Leon ST 4Drive mit Allradantrieb und auf dessen Basis wiederum ein Modell mit erweiterten Allroad-Eigenschaften und einer entsprechenden Optik. Das ist der Leon X-Perience, auf den Märkte wie Österreich, die Schweiz oder auch Deutschland schon dringlich warten. All das ist Teil unserer intelligenten Varianten- und Lifecycle-Strategie, die wir konsequent fortsetzen.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Wir haben viel über Profitabilität gesprochen. Was ist Ihr Rendite-Ziel?
Zu den strategischen Zielen für die Marke SEAT gehören ein jährlicher Absatz von mehr als
500 000 Fahrzeugen sowie mehr als fünf Prozent Umsatzrendite.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Und wo auf der Strecke zu den fünf Prozent befinden Sie sich?
Sie kennen die Zahlen: SEAT hat die vergangenen Jahre mit Verlusten abgeschlossen, diese jedoch von Jahr zu Jahr reduziert. Das Rendite-Ergebnis der Marke SEAT ist also ein Zukunftsthema, aber wir halten einen klaren Kurs.

AUTOMOBIL PRODUKTION:Sie haben im vergangenen Jahr 390 000 SEAT verkauft. Und mehr als 100.000 Audi. Die Obergrenze in Martorell liegt doch bei 500.000 Einheiten. Haben Sie hier Ihre Limits schon erreicht?
Wir müssen hier zwei Ebenen absolut trennen: Die eine ist der jährliche Absatz der Marke SEAT, hier sind wir auf einem guten Weg zu unserem strategischen Ziel von mehr als 500 000 Autos. Die zweite ist die Produktion in Martorell. Hier sind die 500 000 nur ein Zwischenziel, da geht noch was…

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Das Interview führten Bettina Mayer und Christian Klein