Andreas Wierse, Sicos BW

"Viele kommerzielle Simulationsprogramme sind auch auf HPC verfügbar", sagt Dr. Andreas Wierse, Geschäftsführer Sicos BW. Bild: Sicos BW

AUTOMOBIL PRODUKTION: Der CEO eines Softwarehauses sagte unlängst im AUTOMOBIL PRODUKTION-Interview: “Mittelständler unterschätzen die IT!” Wie aufgeschlossen stehen die mittelständisch geprägten Automobilzulieferer dem Thema Simulationstechnologie aus Ihrer Sicht gegenüber?
Grundsätzlich sind die meisten recht aufgeschlossen. Allerdings verfolgen sie das Thema unterschiedlich offensiv: Manche werden von ihren Auftraggebern in diese Richtung gedrängt und befassen sich mehr oder weniger aktiv damit; andere sehen es als Möglichkeit der Wettbewerbsdifferenzierung – und verfolgen es sehr aktiv. Nur noch wenige zeigen sich der Simulationstechnologie gegenüber uninteressiert oder gar abgeneigt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was sind für kleine und mittelständische Unternehmen die größten Hürden bzw. Hemmschwellen beim Thema High Performance Computing, HPC?
Bei KMU, die sich bereits mit dem Thema Simulation bzw. Berechnung beschäftigen, sind die Hürden eigentlich nicht sehr hoch: das Wissen darüber, dass es möglich und auch bezahlbar ist, ist das, was den meisten einfach fehlt. Wenn das Interesse da ist, geht es dann in der Regel recht einfach: Viele kommerzielle Simulationsprogramme sind auch auf den HPC-Systemen verfügbar, so dass man sich eigentlich nur damit befassen muss, wie man den Zugang zum System mit der eigenen IT zusammen-bekommt. Die Sicherheit spielt hier natürlich eine wichtige Rolle. Problematisch ist allerdings in vielen Fällen die Handhabung der Software-Lizenzen: Es gibt bislang wenige Anbieter, die flexible, auch für kurzzeitige Nutzung auf Hochleistungsrechnern geeignete Lizenzmodelle anbieten. Die kostenlos nutzbare Open Source Software kann hier zwar eine Alternative sein, ist zurzeit aber nur für erfahrene Simulationsanwender handhabbar.

Zur Person
Dr. Andreas Wierse ist seit dem 1. Juli 2011 Geschäftsführer der Sicos BW GmbH mit Sitz in Stuttgart. Von 2004 bis 2011 war Wierse Gesellschafter und Mitglied der Geschäftsführung der Stuttgarter Visenso GmbH, die auf Visualisierungs- und Virtual-Reality (VR)-Software und Komplettlösungen (Soft- und Hardware) spezialisiert ist. Zwischen 1997 und 2004 arbeitete er in gleicher Position bei der VirCinity ITConsulting GmbH.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie können KMU am besten an die Ressourcen von Sicos BW andocken und Dienstleistungen nutzen?
Die Ressourcen, die Sicos BW vermittelt, gehören dem Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart und dem Steinbuch Centre for Computing des Karlsruher Instituts für Technologie. Auf der administrativen Seite gibt es einen Liefervertrag, der abgeschlossen werden muss, und einen Antrag auf Zulassung, der für jeden einzelnen Nutzer gestellt werden muss; das kann innerhalb weniger Tage erledigt werden. Auf der technischen Seite gibt es einen SSH-Zugang über den die Berechnungsaufgaben in die so genannte Batch-Queue eingestellt werden können. Das ist der größte Unterschied zu einem lokalen System: Da die großen Systeme von mehreren Benutzern gleichzeitig genutzt werden, müssen die Berechnungsaufgaben „Schlange stehen“; die Queues der kommerziellen Nutzer haben aber in der Regel eine hohe Priorität, so dass es selten lange Wartezeiten gibt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie kommen KMU an Fördermittel beziehungsweise durch den Bürokratie-Dschungel?
Hier Hilfestellung zu geben ist eine wesentliche Aufgabe von Sicos BW. Wir agieren praktisch als Hauptanlaufstelle für alle Fragen, natürlich besonders in der Phase der Antragstellung, aber auch später. Es ist für uns wesentlich einfacher, zu einem Problem den richtigen Ansprechpartner zu finden und zu erreichen, als für ein außenstehendes KMU. Bei den Fördermöglichkeiten stehen wir den Unternehmen natürlich auch mit unserer Erfahrung zur Seite. Hier sind insbesondere die Innovationsgutscheine bei uns in Baden-Württemberg zu nennen, die eine Größenordnung haben, die es erlaubt, zum Beispiel eine erste Proberechnung auf den Weg zu bringen. In der Praxis stellen wir aber fest, dass die finanzielle Förderung gar keine so große Rolle spielt, denn wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, genügt es den Unternehmen oft schon, wenn man sie dabei unterstützt, ihre Prozesse mit den Anforderungen eines HPC-Systems in Einklang zu bringen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welches konkrete Beispiel der jüngeren Vergangenheit zeigt exemplarisch die typische Vorgehensweise von Sicos BW?
Leider können wir hier keinen konkreten Firmennamen nennen, aber seit ein paar Monaten haben wir einen größeren Mittelständler im Kundenkreis, der weltweit als Zulieferer für fast alle großen OEMs aktiv ist. Dort gibt es bereits eine Abteilung, die sich um das Thema Simulation kümmert und zur Ausweitung ihrer Rechenkapazitäten eine flexible Lösung gesucht hat. Ein eigenes System anzuschaffen, wäre grundsätzlich auch möglich gewesen, allerdings wäre es schwierig gewesen, eine konstant hohe Auslastung zu erreichen; bei der Nutzung der HLRS-Rechner entstehen nur Kosten für die tatsächlich genutzte Rechenzeit. Hier haben wir den Antragsprozess unterstützt, insbesondere auch rechtliche Fragen geklärt; den größten Teil unserer Arbeit nahm aber die Klärung der Sicherheit ein: Es gab mehrere ausführliche Termine mit den Sicherheitsspezialisten des Zulieferers und auch eine Begehung vor Ort. Dies ging bis hin zur Einbindung der Lizenz-Server und die Möglichkeit, Lizenzen auch remote vom Software-Hersteller direkt abzurufen.

Das Interview führte Christian Klein