Daimler-Mitarbeiter vor einem Bildschirm

Mit dem digitalen Ökosystem MO360 hat Daimler im vergangenen Jahr einen Ansatz präsentiert, wie Shopfloor Management zur smarten Datendrehscheibe werden kann. Bild: Daimler

| von Chris Löwer

Auch wenn vieles in der Smart Factory hochautomatisiert ist, rund wird es nicht immer laufen, der Mensch wird weiterhin seinen Platz haben, planen, steuern und eingreifen müssen. Und zwar deutlich schneller in einem deutlich komplexeren Umfeld als bisher. Damit bleibt auch in der smarten Automobilproduktion Shopfloor Management (SFM) ein zentrales Führungsthema, um die Prozesse und Mitarbeiterführung in der Fertigung möglichst optimal zu gestalten. Denn nur wenn Mitarbeiter und Management direkt am Ort des Geschehens in der Fabrikhalle zusammenarbeiten, werden sie schnell auf Abweichungen reagieren und Abläufe verbessern können. Doch ohne Update des Shopfloor Managements auf die Bedingungen der smarten Produktion wird das schwerlich gelingen.

Warum Shopfloor-Manager den Umgang mit Daten lernen müssen

„Meister und Führungskräfte werden mehr und mehr zu Datenmanagern“, sagt Heiko Weber, Partner bei Berylls Strategy Advisors. Sie müssen aus Data Lakes und Industrial Clouds jene Informationen ziehen, durch die die Produktion optimiert wird – und dafür in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen. „Das ist eine ganze neue Denkweise“, unterstreicht Weber. Doch egal wie datengetrieben das SFM künftig auch sein wird, eines, da ist sich Weber sicher, wird bleiben: „Menschen werden Menschen führen.“ Nur eben anders als bisher. Kompetent mit großen Datenmengen umgehen, kann man lernen. Was sich weniger gut lernen lässt, ist ein Gespür dafür, wen man wo in einer zunehmend agilen Arbeitswelt in der smarten Fabrik einsetzt.

 

Denn Hierarchien werden sich zunehmend auflösen, ist Weber überzeugt: „Nicht zuletzt, weil beispielsweise Mitarbeiter am Band in ihrem Bereich unter Umständen digital versierter sein werden als der Meister.“ Daher sollten sie und andere Führungskräfte bereit sein, von Werkern zu lernen. „Grundsätzlich muss sich das Führungsverhalten ändern, wenn Hierarchien eingeebnet werden“, sagt Ralf Bechmann, Partner bei ROI Management Consulting, „Führungskräfte sollten sich als Coach in der Produktion begreifen.“ Das erfordere eine gewisse geistige Flexibilität sowie die Bereitschaft, alle Möglichkeiten eines datenbasierten SFM zu nutzen.

Erfolg auf dem Shopfloor erfordert Flexibilität und Fehlertoleranz

Auch in anderer Hinsicht ist Flexibilität gefragt. Beispiel Co-Bots. Streikt heute ein Fertigungsroboter in seinem Käfig wird ein Instandhalter zur Hilfe gerufen, der anschließend die Verantwortlichen für Instandhaltung und Planung ins Gebet nimmt. Arbeiten jedoch Werker und Roboter zusammen, wird Kollege Mensch direkt eingreifen müssen: „Er muss gewissermaßen Verantwortung für die Maschine übernehmen“, sagt Weber. Wofür er deutlich mehr Knowhow braucht als heute. Sich dies anzueignen und klarzumachen, wer wann wofür verantwortlich ist, und wie gut die Informationen fließen, ist eine der zentralen Aufgaben eines Shopfloor-Managers. Wer hier patzt und es mit dem hergebrachten Dreiklang aus Anweisung, klassischer Aufgabenteilung und Kontrolle versucht, wird seine Mannschaft kaum in die Zukunft der smarten Produktion führen.

Ebenso wichtig für die gelungene Transformation: „Eine Unternehmenskultur, die auf Mut, Neugier, Wille zum Lernen und Fehlertoleranz setzt“, erklärt Christian von Stengel, CEO von Germanedge, „In einem solchen Umfeld fällt es leichter, sich auf neues Terrain zu begeben. Wenn dann auch noch nicht nur strategisch, sondern auch technologisch in Form von intuitiven Oberflächen der Mensch in den Mittelpunkt gestellt wird, wird die Transformation greifbar.“ Und die positiven Effekte sichtbar: So sieht Weber die Teams auf dem Shopfloor entlastet, weil sie unter anderem weniger manuell kontrollieren und Papierberge produzieren müssen.

Etwa in der Motorenmontage: Die ungeheuren Datenmengen, die bei dem End-of-Line-Test anfallen, könnten künftig schneller und besser durch ein KI-Tool analysiert werden, das die Analyse umgehend dem Werker auf das Smartphone schickt, erklärt Weber. Aber auch hier wird das SFM eine neue, wesentliche Rolle spielen: Denn wenn ein Teil des täglichen Trouble Shootings und bei der vorausschauenden Wartung künstlich intelligente Systeme übernehmen werden, müssen die Mitarbeiter verstehen, wie die dahinterliegenden Algorithmen funktionieren und wo diese an ihre Grenzen stoßen. Zugleich gilt es, die Informationsflut zu steuern und die Mitarbeiter nicht durch ein Dauerbombardement auf ihren Screens zu stressen.

Warum es digitale Plattformlösungen in der Fertigung braucht

Von Stengel setzt hierbei auf digitale Shopfloor Management-Lösungen: „Entscheidend dabei ist, dass Daten aus verschiedenen Quellen verknüpft werden können und auch historische Daten des Shopfloor Managements jederzeit verfügbar sind.“ Auf diese Weise würden alle relevanten Informationen unter anderem von Produktion, Mitarbeitern und Schichtereignissen kontinuierlich erfasst, historisiert und in Echtzeit zur Verfügung gestellt: „Dadurch werden Zusammenhänge ersichtlich und Lösungswege schnell und effektiv abgeleitet.“

Wenn denn der Informationsfluss auf dem Shopfloor gut organisiert ist. Das gelänge durch eine passende Plattformsoftware, erläutert von Stengel: „Der Grund dafür ist naheliegend: Händische Informationserfassung und -weitergabe ist fehleranfällig und kann nicht in nahezu Echtzeit erfolgen.“ Dazu komme, dass lediglich ein Status Quo an Informationen erfasst würde. „Aber in dem Moment, wo Daten aus der Vergangenheit beispielsweise bei der Fehlersuche oder -behebung herangezogen werden können, beschleunigt sich automatisch die Entscheidungsfindung“, so von Stengel. Die auch künftig in letzter Instanz meist beim Menschen liegen wird.

Für Ralf Bechmann liegt daher die Zukunft des SFM in der Symbiose aus kooperativer Führung, die nah am Menschen in der Werkshalle ist, und digitalen Tools, die sinnvoll unterstützen, ohne zu überfordern. Für ihn ist klar: „Die Produktionsumgebung und die Zusammenarbeit, wie wir sie heute kennen, wird sich grundlegend wandeln.“ Für jeden – vom Werker bis zum Manager.

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