Trends 2011 - Prof. Dudenhöffer: Automobilmarkt steht vor einem neuen Rekordjahr 1

AUTOMOBIL PRODUKTION sprach mit Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer vom Lehrstuhl für A-BWL und Automobilwirtschaft und Leiter des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen, über die Aussichten für 2011 und darüber hinaus. Er meint: Die Rohstoffknappheit und Diskussionen um seltene Erden seien „überstrapaziert“. Die Ziele von Lieferanten sollten seines Erachtens auf fünf Prozent jährliches Wachstum beim Umsatz und fünf Prozent jährliches Wachstum bei Gewinn lauten. Wer langfristig hier drunter bleibe, werde zum Übernahmekandidaten.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, wie wird 2011 für die Unternehmen der Automobilbranche (OEMs/Erstausrüster)?
Der Weltautomobilmarkt steht vor einem neuen Rekordjahr 2011. Im Jahr 2011 werden nach unserer Prognose 62,6 Millionen Pkw verkauft werden. Das sind 3,6 Millionen Pkw mehr als im Jahr 2010 und ein neuer Rekord. Nach einem Zuwachs von 10,5 Prozent im Jahr 2010 wächst der Automobilmarkt im Jahr 2011 um 6,3 Prozent. Dabei wird mit 58,9 Millionen verkauften Pkw auch das Jahr 2010 Rekordjahr werden.

Die großen Wachstumsregionen des Jahres 2011 sind Asien und Nordamerika. Die Grafik. zeigt, daß im Jahr 2011 in Asien mit 22,2 Millionen verkauften Pkw ein neuer Rekordwert erzielt wird. 36 Prozent aller weltweit verkauften Pkw werden im Jahr 2011 in Asien verkauft und „nur“ noch 21 Prozent in Westeuropa. Bereits im Jahr 2015 werden weniger als 20 Prozent aller weltweit verkauften Pkw in Westeuropa verkauft. Die Bedeutung der neuen Märkte nimmt mit hohem Tempo zu. Während Asien von Rekord zu Rekord eilt, wird Westeuropa im Jahr 2011 noch nicht die Verkäufe vor der Krise erreichen. Gleiches gilt trotz hoher Zuwachsraten für Nordamerika. Die Risiken in West-Europa bleiben die Schuldenkrisen in Griechenland, Irland sowie die hohen Verschuldungsgrade in Spanien, Portugal, Frankreich, Italien.

Die gute Weltkonjunktur und das hohe Wachstum außerhalb von West-Europa bescheren den Autobauern und Zulieferern auch 2011 hohe Gewinne. Die deutschen Autobauer profitieren dabei auch im Jahre 2011 vom schwachen Euro im Frühjahr des Jahres 2010. Bei allen Autobauern, die in den Dollar-Raum exportieren, wurden im Frühsommer Devisentermingeschäft abgeschlossen, die ihre volle Wirkung erst im Jahr 2011 entfalten. Die Gewinne der deutschen Autobauer werden damit im Jahr 2011 das hohe Niveau des Jahres 2010 übertreffen. Damit sind die Voraussetzungen sehr gut, daß 2011 ein neues Rekordjahr für die Gewinne der deutschen Autobauer wird.

Das Jahr 2010 war eine Art Vorgeschmack auf das Rekordjahr 2011. Rekordverkäufe weltweit plus ordentliches Devisen-Hedging lassen mit Freude die Quartalsbericht-Erstattungen des Jahres 2011 der deutschen Autobauer erwarten. Steigende Rohstoffpreise und Löhne lassen sich aufgrund der guten Nachfrage zu großen Teilen durch Preisanpassungen kompensieren. Zusätzliche – geplante – Produktivitätsverbesserungen in der Größenordnung von drei Prozent stellen sicher, daß es auf der Kostenseite keine bösen Überraschungen gibt.

Pkw-Verkäufe (CAR-Prognose in 1.000er-Einheiten)

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?

Die nächsten zwei Jahre werden in Deutschland gut. Wie es dann weitergeht hängt viel von der Wirtschaftsverfassung in Deutschland ab. Die nächsten 15 Jahre werden in Asien gut. Also – die Bibel muß man im Automobilgeschäft schon neu interpretieren.

Die Gefahr ist nicht klein, daß einigen Zulieferern im weltweiten Wachstum die Luft knapper wird und sie verkaufen müssen. Rob. Hammerstein wird da nicht der Einzige bleiben. Die mittelständischen Zulieferer müssen fünf Prozent Wachstum pro Jahr stemmen und sind nicht optimal mit Management-Nachwuchs ausgestattet. Das wird blockieren. Blockieren wird auch die zurückhaltende Einschätzung gegenüber Asien. Also nicht die Krise verstärkt die Konzentration, sondern die große Wachstumsphase der Automobilindustrie in den nächsten 15 Jahren. Das ist ein neues Phänomen, das wir nicht in der Bibel nachschlagen können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
Die Rohstoffknappheit und Diskussion um seltene Erden sind „überstrapaziert“. Wir haben funktionierende Rohstoffmärkte und Substitutionsprozesse. Da sollten wir uns keine falschen Sorgen machen. Das Risiko in Euroland ist die Staatsverschuldung und Kreditfähigkeit von Griechenland, Irland, Spanien, Italien, Frankreich. Klammert man mal Irland aus, hat Europa ein großes „Südproblem“.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden die Branche mittelfristig wie verändern? Und was will der Kunde?
Grünes und gelbes Wachstum sind die beiden großen Themen, welche die Automobilwelt in den nächsten 10 Jahren deutlich umkrempeln. Das Zentrum der Branche wandert nach China. USA und West-Europa verlieren deutlich an Bedeutung. Grüne Technologie – und das ist Hybrid und elektrische Antriebe – aber auch neue Werkstoffe – wie Carbon – verändern die Branche. Und – wir werden in den Mega-Cities neue Mobilitätskonzepte kennen lernen, bei denen das Elektroauto deutlich mit den anderen Verkehrsträgern vernetzt wird. Das isolierte Nebeneinander des Auto mit anderen Verkehrsträgern ist in Mega-Cities ein Auslaufmodell.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Fokus Deutschland: Ingenieur- resp. Fachkräftemangel, Alterung der Gesellschaft und Rente mit 67, drohende Lohnkostensteigerungen, fehlgeleitete Kundenerwartungen an künftige Elektromobilität, wie schlimm ist es wirklich?
Die Alterung der Gesellschaft ist kein deutsches Phänomen. In China läuft das deutlich schneller. Und die Alterung ist für die Autobauer eine Chance und keine Bedrohung. Fahrerassistenzen und teilautonomes Fahren sind die richtige Antwort.

Fachkräftemangel und Ingenieurnachwuchs sind die Achilles-Ferse. Und es ist erstaunlich, wie wenig da gemacht wird. Außer lautes Lamentieren von den Verbänden ist nichts zu sehen. Wenig Systematik, kein Programm. Wenn´s Krise ist sagt man den Abiturienten und Uni-Absolventen – wir brauchen euch nicht, wenn dann aufwärts geht kommt das Geschrei. So kann man junge Menschen schlecht für ein Studium motivieren. Da ziehen IT und andere Branchen besser.

AUTOMOBIL PRODUKTION: VW-Chef Prof. Dr. Martin Winterkorn will bekanntlich Toyota und GM als weltgrößte Autobauer ablösen. Welche Ziele sollten sich Lieferanten setzen?
Die Ziele sollten fünf Prozent jährliches Wachstum beim Umsatz und fünf Prozent jährliches Wachstum bei Gewinn lauten. Das ist eine große Herausforderung. Wer langfristig hier drunter bleibt, wird Übernahmekandidat.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie könnten sie diese am besten erreichen?
In einer neuen Studie, die wir gemeinsam mit der Beratungsgesellschaft Struktur-Management-Partner durchgeführt haben, konnten wir fünf Punkte identifizieren. Erstens, erfolgreiche Zulieferer setzen deutlich stärker auf neue Produktfelder und den Ausbau produktnaher Dienstleistungen im Wachstumsprozess. Zweitens, erfolgreiche Unternehmen setzen ihren Vertriebsmannschaften die Ziele, Neuaufträge zu akquirieren, die mit bestehendem Maschinenpark bearbeitet werden können. So gelingt es erfolgreichen kleinen Zulieferer für mehr als 75 Prozent ihrer Neuprodukte bestehende Anlagen zu verwenden. Drittens, die richtige Internationalisierungs-Strategie.

Internationalisierung der Produktion ist essentiell für die Wachstumsstrategie der Zulieferer. Asien darf dabei nicht unterschätzt werden. Viertens, einen hohen Anteil des Umsatzes für Forschung und Entwicklung zu investieren. Erfolgreiche Zulieferer planen acht Prozent ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung. Dabei spielt die Erhöhung des Anteils eigeninitiativ entwickelter Produktinnovationen eine wichtige Rolle. Fünftens, nachhaltig profitables Wachstum setzt eine maßgeschneiderte Finanzierungsstrategie voraus und braucht Kapitalgeber, die den Wachstumskurs stützen.

Quelle: CAR

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wirkt sich der dauernd steigende Kostendruck vonseiten der Kunden und der Wettbewerber auf die Unternehmen aus – umsatztechnisch im Hinblick auf ihr Automotive-Geschäft? Mit welchen Auswirkungen auf bestehende Standorte und die künftige Standortauswahl? Was heißt das für den Produktionsstandort Deutschland?
Im Kostendruck zu leben, ist zunächst für Zulieferer nichts Neues. Wenn der Kostendruck fair bleibt, also nicht etwa die Savings „über Nacht“ durch Zusatzbeiträge erhöht werden, führt ein berechenbarer Druck auch zur steigenden Effizienz und Produktivität. Da der Produktions-Standort Deutschland besondere Kostenbelastungen hat, wird seine Bedeutung sinken. Mit die höchsten Lohnkosten, mit die höchsten Energiekosten sind dabei besondere Belastungen. Zusätzlich gilt, daß die Produktion dem Absatzmarkt folgt. Damit sinken die Beschäftigtenzahlen in der Zulieferindustrie in Deutschland in den nächsten 10 Jahren. Die Entwicklung kann den Abbau im Produktionsbereich nicht ausgleichen.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichwort Markt-/Einkaufsmacht: Die Verteilungskämpfe innerhalb der Gesellschaften wie zwischen den Staaten/ Wirtschaftsmächten werden härter – viel scheint derweil auf ‚Krawall gebürstet‘ zu sein. Auch im Automobilbau kann von den vielbeschworenen Partnerschaften keine Rede sein, eher ist der Tenor: Der Kunde ruft, der Lieferant hat zu gehorchen. Wie entwickelt sich das Verhältnis von OEM-Kunden und Zulieferern? Wird der Ton in der Branche noch rauer? Was bedeutet das für die Zukunft?
Die Stärke des VW-Konzern wird eine neue Einkaufsmacht aufbauen mit Monopol-Charakter. VW mit Porsche dominiert klar die Zulieferindustrie in Deutschland. Da ist eine neue Industriemacht entstanden, die eine Monopson-Situation in Deutschland definiert (Ein Monopson beschreibt in der Wirtschaftswissenschaft das Nachfragemonopol, eine bestimmte Form des Monopols, bei dem nur ein Nachfrager wie ein Arbeitgeber vielen Anbietern, also Arbeitnehmern, gegenübersteht. Der Begriff wurde zum ersten Mal 1933 von der Ökonomin Joan Robinson verwendet.; Anmerkung der Redaktion). Betroffen davon sind in besonderer Weise die mittelständischen Zulieferer. Ein Bosch oder Conti ist weltweit im Rennen und hat ein „balanciertes“ Kundenportfolio. Der Mittelständler, der überwiegend in Deutschland agiert, hat einen übermächtigen Kunden. Und es gibt keine Anzeichen dafür, daß die VW-Gruppe ihren Volumendruck und die Volumen-Savings zurückfährt. Das Gegenteil ist der Fall.

AUTOMOBIL PRODUKTION: „Gelbe Gefahr“ – macht sich die deutsche Autobranche von China auf Dauer zu abhängig?
Wir sollten nicht nur von Gelber Gefahr, sondern auch von Gelber Chance sprechen. Asien ist der große Wachstumstreiber der nächsten 15 Jahre. Asien ist damit die Chance, sein Unternehmen weiter zu entwickeln. Eine Welt ohne Asien wäre eine Welt mit wenig Potential. West-Europa ist ein Markt ohne Potential, da ist alles ausgereizt. Da geht es nur noch um Verdrängung. In Asien sitzt das Potential.

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald