VW-Chef Prof. Martin Winterkorn

Will Toyota und GM als weltgrößte Autobauer ablösen: VW-Chef Prof. Martin Winterkorn. 2010 hat er mit 7,14 Millionen ausgelieferten Fahrzeugen wieder einen neuen Rekord zu verbuchen. - Bild: VW

 

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, mit Blick in Ihre Auftragsbücher, wie positiv ging 2010 zu Ende, wie wird 2011 für Volkswagen?
Die Zeichen für die Automobilindustrie stehen grundsätzlich wieder auf Aufbruch. Die Stärke des Volkswagen-Konzerns spiegelt sich in Absatzrekorden, 2010 mit 7,14 Millionen Auslieferungen, plus 13,5 Prozent,4 (2009: 6,29 Millionen Einheitent) und sehr guten finanziellen Kennzahlen wieder. Prognosen für 2011 geben wir wie üblich im Rahmen der Jahrespressekonferenz kommenden März.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu?
Das Geschäft bleibt anspruchsvoll. 2010 dürfte der Weltmarkt zwar die 57 Millionen-Marke zwar klar überschritten haben, wir liegen damit aber weiter unter dem Absatzniveau von 2007. Es liegt also noch viel Arbeit vor unserer Branche, bis sämtliche Krisenfolgen kompensiert sind. Zumal das wirtschaftliche Umfeld unübersichtlich und mit Unsicherheiten belastet bleibt.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit bzw. steigende Kosten, etwa Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt), mögliche Handelskriege – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
Angaben zum Jahr 2011 machen wir wie üblich in der Jahrespressekonferenz kommenden März.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden Ihr Produktportfolio mittelfristig wie verändern? Und was will Ihr Kunde?
Downsizing von Verbrennungsmotoren ist eine Kernkompetenz der Volkswagen AG. Doch auch Downsizing hat Grenzen: Der Einsatz von 2- und 3-Zylinder-Motoren ist unter anderem abhängig vom Fahrzeug- und Antriebskonzept. Wir orientieren uns technisch am Rightsizing-Ansatz, wobei gerade beim Dieselaggregat aus thermodynamischen Gründen ein bestimmter Brennraumdruchmesser nicht unterschritten werden sollte.

Zudem werden sich E-Mobilität und Hybridantriebe in den nächsten Jahren intensiv weiterentwickeln. Unsere Forschungsarbeit gilt daher allen drei Antriebsarten. Schon heute haben wir z. B. mit dem Touareg Hybrid ein entsprechendes Angebot auf dem Markt. 2013 werden ein Golf mit Elektroantrieb und der E-up! in Serie gehen.

Und dabei wird es nicht bleiben: Neben den Aggregaten spielt auch aufgrund der Batterien natürlich das Gewicht der Fahrzeuge eine größere Rolle. Grundsätzlich ist der Einsatz von Faserkunststoff-verbunden nicht neu – denken Sie z. B. an die Welle im Golf Syncro oder die Blattfeder im Volkswagen Crafter. Das größte Leichtbaupotential bietet Carbonfaser in Strukturbauteilen eines Fahrzeugs. So hat der Volkswagen L1, der 2009 auf der IAA präsentiert wurde, ein CFK-Monocoque wie man es aus der Formel 1 kennt. Der Einsatz in einer Großserie setzt aber voraus, dass die Material- und Herstellungskosten gesenkt werden können – z. B. durch die Entwicklung einer speziellen Automotive-Faser.

 

VW Touareg Hybrid

E-Mobilität und Hybridantriebe, wie zum Beispiel im Touareg Hybrid, werden sich in den nächsten Jahren intensiv weiterentwickeln. - Bild: VW

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Noch einmal Fokus Deutschland: Ingenieur- resp. Fachkräftemangel, Alterung der Gesellschaft und Rente mit 67, drohende Lohnkostensteigerungen, (fehlgeleitete Kundenerwartungen an künftige Elektromobilität), wie schlimm ist es wirklich?
Volkswagen hat seine Arbeitgeberattraktivität in den vergangenen Jahren konsequent erhöht. Von unserem Konzern geht mittlerweile eine enorme Anziehungskraft aus. Daher haben wir keine Nachwuchssorgen bei der Besetzung von Ingenieursstellen.

Der Alterung stellen wir erstens die hohe Zahl junger Menschen entgegen, die wir als Auszubildende an Bord holen und nach erfolgreicher Abschlussprüfung in die Stammbelegschaft übernehmen. In diesem Jahr besetzt der Konzern alleine in Deutschland mehr als 2.360 Ausbildungsplätze neu und hatte Ende September fast 8.200 Auszubildende. Darüber hinaus stellen wir in diesem Jahr rund 1.000 Hochschulabsolventen in Deutschland ein.

Zweitens spielt das Thema Ergonomie eine wichtige Rolle. Von der Analyse jedes einzelnen Arbeitsplatzes über einen regelmäßigen, freiwilligen Gesundheits-Check-Up für jeden (!) Mitarbeiter bis zu zahlreichen Seminaren und Kursen kümmern wir uns darum, dass gesundheitliche Einschränkungen wenn möglich gar nicht erst entstehen.

Drittens gilt es, das Expertenwissen im Unternehmen zu halten und zu fördern – und zwar unabhängig vom Alter der Beschäftigten. Daher führen wir bei Volkswagen seit drei Jahren Berufsfamilien ein, in denen Wissen und Können generationen-übergreifend weitergegeben und perfektioniert werden. Das Prinzip: Die Experten der Berufsfamilie definieren die Lehrinhalte und werden aktiv in die Qualifizierung eingebunden. Sie trainieren und leiten an, sie halten Vorträge und führen Workshops durch. Jungfacharbeiter erhalten nach der Berufsausbildung einen erfahrenen Paten, der sie an stetig wachsende Herausforderungen heranführt und zugleich von ihrem top-aktuellen Fachwissen profitiert. Beispiele für Berufsfamilien sind das Design, die Elektronik, die Logistik, das Marketing und die Finanz. Oder die Berufsfamilie Werkzeugbau, die unter dem Motto „Präzision durch Kompetenz“ inzwischen weit mehr als 1000 Mitarbeiter maßgeschneidert qualifiziert hat. Dieses System der Berufsfamilien hält das Fachwissen von „Jung und Alt“ ständig top-fit.

Zur Lohnentwicklung können wir uns zurzeit nicht äußern, da wir vor Tarifverhandlungen stehen.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Ziele haben Sie sich für 2011 ff. gesetzt? Und wie wollen Sie diese erreichen?
Die Ziele unserer langfristigen Strategie 2018 sind:

  • Wir wollen der attraktivste Arbeitgeber werden.
  • Wir wollen bei Kundenzufriedenheit und Qualität führend sein.
  • Wir wollen eine Top-Rendite (8 Prozent Umsatzrendite vor Steuern) und hervorragende Ergebnisqualität erzielen.
  • Wir wollen 10 Millionen Fahrzeuge pro Jahr verkaufen.

 

VW-Standorte in Deutschland profitieren deutlich vom internationalen Wachstum, insbesondere die Komponentenwerke: Alleine das Werk Chemnitz liefert in diesem Jahr rund 160.000 Motoren nach China. Und aus Kassel gehen fast 400.000 Getriebe in diese Region, im Bild Qualitätsprüfung von Ventilen im VW-Werk Kassel. - Bild: VW

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wirkt sich der dauernd steigende Kostendruck vonseiten der Kunden und der Wettbewerber auf Ihr Unternehmen aus – umsatztechnisch im Hinblick auf Ihr Automotive-Geschäft? Mit welchen Auswirkungen auf bestehende Standorte und die künftige Standortauswahl? Wo planen Sie bis 2015 neue Investitionen, neue Werke? Was heißt das für den Produktionsstandort Deutschland?
Überzeugende Produkte mit hoher Wertbeständigkeit und Top-Qualität sowie ein umfassendes Serviceangebot sind die Voraussetzung, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. Durch unsere junge und effiziente Modellpalette sind wir gut gerüstet. Wir sind davon überzeugt, dass sich auf Basis starker Marken Fahrzeuge auch in der jetzigen Situation preislich erfolgreich positionieren lassen.

Attraktive Angebotspakete kombiniert mit Produkten auf der Finanzierungs-, Versicherungs- und Leasingseite unterstützen darüber hinaus den Verkauf. Um unsere weltweiten Volumenziele zu erreichen, werden wir in 2011 an unseren neuen Standorten in Chattanooga (USA) und Osnabrück mit der Fahrzeugproduktion starten. In 2013 werden wir dann mit unserem neuen Motorenwerk in Silao (Mexico) ans Netz gehen. Hinzu kommen noch zwei chinesische Standorte in Yizheng und Foshan, die wir im Laufe dieses Jahres verkündet haben.

Neue Fabriken, zusätzliche Modelle und Varianten erhöhen unsere Volumen und sichern gleichzeitig Arbeitsplätze im Inland. Unsere Standorte in Deutschland profitieren damit deutlich vom internationalen Wachstum. Dies gilt besonders für unsere Komponentenwerke. Alleine das Werk Chemnitz liefert in diesem Jahr rund 160.000 Motoren nach China. Und aus Kassel gehen fast 400.000 Getriebe in diese Region.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichwort Markt-/Einkaufsmacht: Die Verteilungskämpfe innerhalb der Gesellschaften wie zwischen den Staaten/Wirtschaftsmächten werden härter – viel scheint derweil auf ‚Krawall gebürstet‘ zu sein. Auch im Automobilbau kann von den vielbeschworenen Partnerschaften kaum eine Rede sein. Wie entwickelt sich Ihr Verhältnis zu den Zulieferern? Wird der Ton in der Branche noch rauer? Was bedeutet das für die Zukunft?
Volkswagen braucht innovative und leistungsfähige Zulieferer auf dem Weg zum Erfolg. Deshalb beziehen wir unsere Lieferanten in die technische Entwicklung unserer Produkte mit ein und stellen Ihnen umfangreiches Wissen und Technologien zur Verfügung. Das ist ein massiver Knowhow- Transfer und ein großes Investment in die Leistungskraft unserer Lieferanten. Um gleichbleibend hohe Qualität sicherzustellen, optimiert der Volkswagen Konzern deshalb sein Lieferantenmanagement stetig weiter.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: „Gelbe Gefahr“ – machen Sie sich von China auf Dauer zu abhängig?
China ist der wichtigste Auslandsmarkt für Volkswagen und hat damit natürlich eine sehr dominante Stellung als Absatzmarkt eingenommen. Volkswagen investiert momentan aber auch kräftig in andere Länder, etwa in den USA. Es ist also keineswegs so, dass der Volkswagen-Konzern nur allein auf China setzt. Auch in Deutschland wird der Konzern viele Milliarden in den kommenden Jahren investieren.

Der Volkswagen-Konzern wird in den kommenden fünf Jahren im Konzernbereich Automobile rund 51,6 Milliarden Euro investieren. Mit 57 Prozent wird mehr als die Hälfte davon allein in Deutschland investiert.

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald