Boschs Automotive-Chef Dr. Bernd Bohr

Boschs Automotive-Chef Dr. Bernd Bohr

Auf lange Sicht sieht er das wesentliche Wachstum auf den Kraftfahrzeugmärkten Asiens, insbesondere China und Indien, sowie in Südamerika und voraussichtlich auch in Russland stattfinden.

Zugleich hält er laut Trends-2011-Umfrage der AUTOMOBIL PRODUKTION am Standort Deutschland fest.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Dr. Bohr, Post-Automotive- und Post-Finanzkrise 2008/2009, wahrscheinlich die schwerste Zeit seit 1929 und dem Zweiten Weltkrieg, mit Blick in Ihre Auftragsbücher, wie positiv ging 2010 zu Ende, wie wird 2011 für Bosch?
Wir sind vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage haben wir die Kernmannschaft unter Nutzung der Flexibilisierungsinstrumente an Bord gehalten und unsere Investitionen in Forschung und Entwicklung kaum gekürzt. Das hat uns 2010 einen schnellen Neustart mit einer Wachstumsrate jenseits der 25 Prozent ermöglicht. Die Akquisition für neue Projekte – z. B. die Euro-6-Motorengeneration – verlief sehr erfreulich.

So haben wir eine gute Basis auch für Wachstum im Jahr 2011. Zugleich stellen wir uns auf dauerhaft volatilere Märkte ein.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Prof. Sinn vom Ifo rechnet für Deutschland – nach der vorhergesagten Apokalypse noch vor knapp zwei Jahren – nun mit „biblischen sieben fetten Jahren“. Trifft das Ihrer Ansicht nach zu? Wenn nicht, warum nicht für Sie?
Bosch ist ein global aufgestelltes Unternehmen und ist mit mehr als 300 Tochter- und Regionalgesellschaften direkt in mehr als 60 Ländern vertreten – insofern spielt die Entwicklung des deutschen Marktes eine wichtige, aber keine entscheidende Rolle. Auf lange Sicht findet das wesentliche Wachstum auf den Kraftfahrzeugmärkten Asiens, insbesondere China und Indien sowie in Südamerika und voraussichtlich auch in Russland statt. Die etablierten Märkte hingegen – Nordamerika, Europa oder Japan – werden nach der Erholung vermutlich nur noch marginal wachsen.

Wir sind regional in allen Märkten vertreten und decken mit unserem Portfolio alle wichtigen Segmente ab. Damit können wir die vorhandenen Wachstumspotentiale voll ausschöpfen. Sollten die „sieben fetten Jahre“ von Prof. Sinn wahr werden, werden uns unsere Kunden sicherlich „helfen“ schlank zu bleiben.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Damoklesschwerter wie Rohstoffknappheit, Stichwort seltene Metalle, Währungs-Schwankungen/-Konflikte (Dollarschwäche/Eurostärke), der drohende Double Dip in den USA (verunsicherter Absatzmarkt) – welches sind Ihrer Ansicht nach die wahren Herausforderungen 2011 und darüber hinaus?
Nach der Überwindung der globalen Finanzkrise und der großen Anstrengungen zur Gewährleistung der Belieferung unserer Kunden vor dem Hintergrund außerordentlich gestiegener Abrufe rücken die brennenden Themen höhere Energieeffizienz, weniger CO2-Emissionen, Ressourcen- und Umweltschonung sowie Fahrzeugsicherheit wieder in den Vordergrund. Unser Produktportfolio enthält die erforderlichen Techniken, mit denen sich die zunehmenden Anforderungen der Automobilhersteller und die schärfer werdenden gesetzlichen Vorschriften erfüllen lassen.

Eine spezielle Herausforderung stellt die notwendige Entwicklung verschiedenster Techniken für die zunehmende Vielfalt alternativer Antriebskonzepte dar. Parallel zur Entwicklung der Komponenten des elektrischen Antriebsstranges werden wir die Potenziale von Verbrennungsmotor und Hybriden technologisch noch ausreizen. Gleichzeitig gilt es, das immer stärker steigende Gewicht der asiatischen Märkte in der Führungs- und Unternehmensstruktur richtig abzubilden.

Zum Ende dieses Jahrzehnts will Bosch den Umsatz mit Kraftfahrzeugtech­nik auf 45 Milliarden Euro gesteigert haben – von voraussichtlich gut 27 Milliarden Euro im Jahr 2010: Turbolader-Entwicklung für Pkw und Nutzfahrzeuge bei der BoschMahle Turbo Systems. - Bild: Bosch

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte Leichtbau/Downsizing, Integration mobiler (internetbasierter) Technologien/Dienste, E-Mobilität/Hybridisierung bei Fahrzeugen/Materialien: Welche Trends im Automobilbau werden Ihr Produktportfolio mittelfristig wie verändern? Und was will Ihr Kunde?
Das wesentliche weltweite Stückzahlwachstum wird – getrieben durch die asiatischen Wachstumsmärkte – in der nächsten Dekade weiterhin bei Auto­mobilen mit Verbrennungsmotor stattfinden. Deshalb nimmt für uns der technische Trend zum Downsizing bei Otto- und Dieselmotoren eine bedeutende Rolle ein. Wesentlich Schlüsseltechniken sind dabei die Direkteinspritzung und die Turboaufladung. Für 2020 erwarten wir einen Welt­markt an mehr als 100 Millionen Neufahrzeugen, mehr als 95 Millionen davon mit einem Verbrennungsmotor ausge­stattet. Nach unseren Erwartungen werden dann gut 3 Millionen Fahrzeuge reine Elektrofahrzeuge oder Plug-in-Hybride sein.

Durch die weltweite Urbanisierung, durch die Erschließung von neuen Marktsegmenten und Märkten in Schwellen­ländern, wird der Anteil kleinerer Fahrzeuge zunehmen. Das erfordert Leichtbau bei Fahrzeugen und Kraftfahr­zeugtechnik und damit gewinnen aktive Sicherheits­systeme zusätzlich an Bedeutung.

Zudem steuern wir auf eine Verschmelzung mobiler Consumer Elektronik mit Elektronik im Kraftfahrzeug zu. Das wird zwangsläufig auch mit dem Einzug von Open-Source-Software für Navigation und Entertainment ver­bunden sein. Damit bedient die Automobilindustrie die zunehmende Emotionalisierung und Differenzierung der Fahrzeuge über Infotainment und Bedienkonzepte. Auch werden die Fahrzeuge mehr und mehr mit ihrer Umwelt kommunizieren. Das alles ist auf der einen Seite eine Chance, fordert andererseits aber auch erhöhte Anstren­gung zur Absicherung aller Elektronikfunktionen in den Fahrzeugen.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Fokus Deutschland: Ingenieur- resp. Fachkräftemangel, Alterung der Gesellschaft und Rente mit 67, drohende Lohnkostensteigerungen, fehlgeleitete Kundenerwartungen an künftige Elektromobilität, wie schlimm ist es wirklich?
Verlagerungen ins Ausland aufgrund eines etwaigen Fach­kräftemangels sind bei uns nicht geplant. Im Gegenteil: Wir halten am Standort Deutschland fest. Bestes Beispiel dafür ist das geplante neue Bosch-Forschungszentrum in Malmsheim bei Stuttgart, in den wir in den nächsten Jahren zunächst 160 Mio. Euro investieren werden.

Vielmehr zielen unsere Aktivitäten auf die gezielte Erhöhung des Aus- und Weiterbildungsangebots an Fachkräften mit Universitäten und Hochschulen aber auch intern. Hinzu kommt die Gründung des Robert Bosch Zentrums (RBZ) für Leistungselektronik in Kooperation mit der Hochschule Reutlingen und der Universität Stuttgart. Ferner kooperieren wir in unzähligen weiteren Initiativen wie Acatech, Wissensfabrik, Girls Day und Jugend forscht, um in Deutschland eine gute Basis für zukünftige qualifizierte Fachkräfte zu schaffen und zu fördern.

Neue Kapazitäten woill Bosch im wesentlichen dort aufbauen, wo das Wachstum stattfindet, etwa in Asien: im Bild eine Common-Rail-Fertigung im chinesischen Wuxi. - Bild: Bosch

AUTOMOBIL PRODUKTION: VW-Chef Prof. Dr. Martin Winterkorn will bekanntlich Toyota und GM als weltgrößte Autobauer ablösen. Welche Ziele haben Sie sich für 2011 ff. gesetzt?
Eher grundsätzlich: Wir wollen in den etablierten und in den neuen Märkten unsere führende Position ausbauen und stärken. In den Wachstumsmärkten wollen wir den Bosch-Umsatz pro Fahrzeug deutlich steigern.

Zugleich wollen wir unseren etablierten und auch neuen Kunden ein zuverlässiger, innovativer und leistungsfähiger Partner sein. Wir verwenden große Kraft darauf, in unseren Kerngeschäftsfeldern technologisch führende Positionen zu halten. Und nicht zuletzt haben wir das Ziel, zum Ende dieses Jahrzehnts unseren Umsatz mit Kraftfahrzeugtech­nik auf 45 Milliarden Euro gesteigert zu haben – von voraussichtlich gut 27 Milliarden Euro in diesem Jahr.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Und wie wollen Sie diese erreichen?
Mit einem Produktportfolio an Kraftfahrzeugtechnik und Dienstleistungen, das die Mobilität weiter sicher, saube­rer, sparsamer und komfortabler macht, mit einer globalen Präsenz immer in der Nähe des Kunden, mit der Bosch-eigenen Innovationskraft und mit einer nachhaltig wirksamen Unternehmenspolitik. Das waren bisher entscheidende Faktoren für unseren Erfolg und werden es auch künftig sein. Das ist die Basis für die Partnerschaften zu etablierten und neuen Kunden.

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AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie wirkt sich der dauernd steigende Kostendruck vonseiten der Kunden und der Wettbewerber auf Ihr Unternehmen aus – umsatztechnisch im Hinblick auf Ihr Automotive-Geschäft? Mit welchen Auswirkungen auf bestehende Standorte und die künftige Standortauswahl? Wo planen Sie bis 2015 neue Investitionen, neue Werke? Was heißt das für den Produktionsstandort Deutschland?
Die Beziehungen zwischen Zulieferern und Automobil­herstellern waren schon immer von Kostendruck geprägt, das ist für uns nichts Neues. Besonderen Kostendruck verursachen zum Teil die stark steigenden Rohstoffpreise. Hier sind wir mit unseren Zulieferern und unseren Kunden im intensiven Austausch, um eine angemessene Verteilung der Mehrkosten zwischen Zulieferer, Hersteller und Konsument zu erreichen.

Neue Kapazitäten werden wir im wesentlichen dort brauchen, wo das Wachstum stattfindet. Das sind in der nächsten Zeit die aufstrebenden Länder in Asien und Südamerika. Dabei achten wir aber immer auf einen guten Mix zwischen bestehenden und neuen Standorten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichwort Markt-/Einkaufsmacht: Die Verteilungskämpfe innerhalb der Gesellschaften wie zwischen den Staaten/Wirtschaftsmächten werden härter – viel scheint derweil auf ‚Krawall gebürstet‘ zu sein. Auch im Automobilbau kann von den vielbeschworenen Partnerschaften keine Rede sein, eher ist der Tenor: Der Kunde ruft, der Lieferant hat zu gehorchen. Wie entwickelt sich Ihr Verhältnis zu den OEM-Kunden/ zu den Zulieferern? Wird der Ton in der Branche noch rauer? Was bedeutet das für die Zukunft?
Wir pflegen mit unseren Kunden wie mit unseren Zulieferern partnerschaftliche Kooperationen. Dabei nutzen wir unsere Stärken als kompetenter, innovativer, langfristig orientierter und zuverlässiger Zulieferer. Das schätzen insbesondere auch unsere neuen Kunden in den aufstrebenden Ländern.

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„Gelbe Gefahr“ – machen Sie sich, macht sich die deutsche Autobranche von China auf Dauer zu abhängig?
China ist auch für die Automobilindustrie und seine Zulieferer einer der am stärksten expandierenden Märkte. Ein guter Teil unseres hohen Wachstums in diesem Jahr ist auf die Nachfrage aus China zurück zu führen. Bosch ist seit 100 Jahren in China aktiv und beschäftigt dort rund 30.000 Menschen, in Indien sind wir seit 60 Jahren tätig und haben dort rund 20.000 Mitarbeiter. Das zeigt, dass wir den Wettbewerb in und aus Asien nicht als Gefahr sehen. Im Gegenteil: Wir sind früh in diese Länder gegangen, bedienen dort die Automobilhersteller und machen den neuen Zulieferern in China und Indien intensiven Wettbewerb vor Ort. Wir sehen die Märkte Asiens für unser Unternehmen als Chance.

E-Maschinen für den Elektroantrieb: Eine Herausforderung stellt laut Bosch-Automotive-Chef Dr. Bohr die notwendige Entwicklung verschiedenster Techniken für die zunehmende Vielfalt alternativer Antriebskonzepte dar. - Bild: Bosch

Die Fragen der AUTOMOBIL PRODUKTION stellte Andreas Gottwald