Fläschchen mit Automobilschredder

Mit Pyrolyseöl aus gemischten Abfällen soll das Recycling von technischen Kunststoffen im Automobilbau ermöglicht werden. Bild: KIT/Markus Breig

| von Chris Löwer

Die Lage ist längst unübersichtlich geworden: Rund 150 verschiedene Kunststoffe werden in Autos verbaut – sie machen zwischen zehn und 20 Prozent des Gesamtgewichtes aus, Tendenz steigend. Denn so wird Leichtbau günstig. Laut dem Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie ersetzen 100 Kilo Kunststoff bis zu 300 Kilo andere Werkstoffe. Aber der so erzielte Umwelteffekt hält sich in überschaubaren Grenzen, da sich die Materialien immer noch schlecht recyceln lassen – vor allem komplexe Mischstoffe.

Bei Metallen kann die Fahrzeugindustrie meist auf geschlossene Materialkreisläufe verweisen, wovon bei automobilen Kunststoffen kaum die Rede sein kann. Doch das soll sich jetzt ändern. Das Mittel der Wahl ist die chemische Aufbereitung (im Gegensatz zum mechanischen Recycling für sortenreine Kunststoffe). Hierbei wird mit Chemikalien bei hohen Temperaturen Plastik wieder in seine Rohstoffe zerlegt, so dass daraus Kunststoffrezyklate gewonnen werden können, die den hohen Qualitätsansprüchen der OEMs gerecht werden. In diesem Prozess wird aus alten Kunststoffbauteilen wie Türverkleidungen, Radhausschalen oder Kühlergrills vor allem Pyrolyseöl gewonnen, aus dem wie mit Erdöl wieder neue Kunststoffe produziert werden können – ohne Qualitätsverluste.

Für Paul Mayhew, Vorsitzender der European Plastics Recycling Branch (EPRB) und General Manager bei MBA Polymers, ist es bis zum Jahr 2025 machbar, einen Anteil recycelter Thermoplaste im Fahrzeugbau von 25 Prozent zu erreichen. Bis 2030 könnte die Quote auf 30 Prozent und bis 2035 auf 35 Prozent steigen. Diese Ziele seien durchaus realistisch, betont Mayhew.

Das vor allem dank neuer Forschungsanstrengungen von Wissenschaftlern und der Industrie, wie etwa der Kooperation des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und Audi. Auch hier sieht man in chemischem Recycling den Schlüssel dazu, gemischte Kunststoffabfälle, wie sie in der Autoindustrie anfallen, wieder „in Produkte mit Neuwarenqualität“ umzuwandeln. Zusammen mit den Ingolstädtern arbeiten die KIT-Forscher des Thinktank Industrielle Ressourcenstrategien in einem Pilotprojekt daran, möglichst ressourcenschonend und kostengünstig Kunststoffkreisläufe zu realisieren.

„Wir wollen intelligente Kreisläufe in unseren Lieferketten etablieren und Ressourcen effizient einsetzen“, so Marco Philippi, Leiter Beschaffungsstrategie bei Audi, „Chemisches Recycling birgt hierfür großes Potenzial.“ Wenn Kunststoffbauteile ohne Qualitätsverlust statt aus Erd- aus Pyrolyseöl hergestellt werden können, wäre es möglich, den Anteil an nachhaltig hergestellten Teilen im Auto signifikant zu erhöhen, ist Philippi überzeugt: „Auf lange Sicht kann dieses Verfahren auch im Altfahrzeugrecycling eine Rolle spielen.“

Inwieweit sich das Verfahren einigermaßen energieeffizient im großtechnischen Maßstab etablieren lässt, wird die Karlsruher Pilotanlage im Laufe der nächsten Jahre zeigen. Fest steht: Automotives Kunststoffrecycling steht zwar noch am Anfang. Aber der ist gemacht – und vielversprechend.

 

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