Die Illustration eines Blattes, in dem ein Werk von Daimler zu sehen ist.

Ohne ein grünes Klimasiegel brauchen Zulieferer sich nicht mehr auf Daimler-Ausschreibungen bewerben. Bild: Daimler, Shutterstock/Mallinka1

| von Stefan Grundhoff

Corona hin, Absatzflaute her – bis zum Jahr 2039 soll Daimlers Neuwagenflotte CO2-neutral werden. Daran wird auch durch die weltweite Krise in der Autoindustrie nicht gerüttelt. „Auf lange Sicht soll sich die Wertschöpfungskette zum Wertschöpfungskreislauf entwickeln“, so die Aussage von Daimler-Konzernvorstand Ola Källenius, die der Zulieferbranche Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Bereits in eineinhalb Jahren will der schwäbische Premiumhersteller die Fahrzeugproduktion in seinen europäischen Werken CO2-neutral betreiben.

Daimler forciert den Klimaschutz

Ohne ein grünes Klimasiegel muss man es bei Daimler-Ausschreibungen zukünftig gar nicht mehr versuchen. „Bei der Umsetzung unseres langfristigen Ziels der Klimaneutralität setzen wir neben der konsequenten Elektrifizierung unserer Produktpalette auch in der Lieferkette an: Bereits für die nächste Fahrzeuggeneration unserer Produkt- und Technologiemarke EQ soll ein Teil der Batteriezellen zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien produziert werden“, erläutert Entwicklungs- und Einkaufsvorstand Markus Schäfer, mittlerweile als COO mit erweiterten Verantwortungen ausgestattet.

„Als erstes Ergebnis der Nachhaltigkeitspartnerschaft mit einem wichtigen Lieferanten von Lithium-Ionen-Batterien werden wir durch den Bezug CO2-neutral produzierter Batteriezellen deutlich über 30 Prozent am CO2-Fußabdruck der Gesamtbatterie künftiger Fahrzeugmodelle einsparen.“ Bestehende Sterne-Werke werden ebenso CO2-neutral umgerüstet. Neue Fertigungen wie die digitale Factory 56 in Sindelfingen, in der seit September die neue Mercedes-Benz S-Klasse der Baureihe W 223 vom Band läuft, werden ohnehin nach den verschärften Vorgaben errichtet.

Auf dem Dach der Factory 56 befindet sich dafür zum Beispiel eine Hightech-Photovoltaikanlage, die jährlich 5000 MWh selbst erzeugten grünen Strom in das Werk einspeist. „Mit der CO2-neutralen Produktion in unseren europäischen Pkw-Werken leisten wir einen entscheidenden Beitrag zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele unseres Unternehmens. Die Factory 56 dient als Blaupause für unsere künftigen Werke – nicht nur in Bezug auf modernste Produktionstechnologien, sondern auch in Bezug auf Umweltschutz, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit“, erklärt Jörg Burzer, Produktionsvorstand bei Daimler.

Veränderung der Denkweise

Bei anderen Automobilherstellern geht das in eine ähnliche Richtung. Die mächtigen OEMs können bei Ausschreibungen und selbst in laufenden Verträgen die Rahmenbedingungen festlegen oder ändern – das gilt auch für den CO2-Ausstoß. Das ist für viele Zulieferer nicht erst durch die angespannte Lage durch das Coronavirus ein zusätzliches Schreckensszenario. ZF ist einer der Zulieferer, denen es aufgrund einer soliden Auftragslage und internationaler Kunden lange Zeit besser als vielen anderen ging. Doch die Coronakrise setzt auch den Friedrichshafenern mächtig zu.

„Die ganze Branche arbeitet am längerfristigen Ziel der Klimaneutralität. Jedes Glied in der Kette – vom Hersteller über den Tier-One-Zulieferer bis zu dessen Lieferanten in der weiteren Lieferkette – muss dazu seinen Beitrag leisten“, so Christine Betz, Leiterin Nachhaltigkeit beim süddeutschen Zulieferer. „ZF ist seit jeher der Nachhaltigkeit verpflichtet, verfolgt eigene Klimaschutzziele und wird auch den CO2-Vorgaben der Kunden entsprechen, mit denen wir in regelmäßigem Austausch zu Klimaschutzfragen stehen.“ Was vielen Zulieferern fehlt, ist eine einheitliche Marschrichtung. Das Thema CO2 wabert durch alle möglichen Arbeitsebenen, Aufträge oder Vergaben – doch derzeit dreht sich vieles um die Bewältigung der Coronafolgen.

Um zukünftige Vorgaben erfüllen zu können, müssen sich viele der Zulieferer im Tagesgeschäft genauso umstellen wie beim Blick in die Zukunft. Daran ändert auch das Coronavirus nichts. So gilt es zum Beispiel die Beleuchtungs- oder Lüftungstechnik mit einer intelligenten Steuerung zu versehen. In Betriebspausen sind Verbraucher vom Netz zu nehmen oder neue Energiegeräte anzuschaffen, die effizienter als bisher, aber bestenfalls miteinander vernetzt sind. Was mindestens ebenso von hoher Wichtigkeit ist, sind jedoch die Veränderungen in den Köpfen der Mitarbeiter. Nicht einfach in einer Branche, die nicht nur seit einem Jahrhundert tiefenindustrialisiert ist, sondern viele Jahrzehnte mit bekannten Prozessen und Geräten reibungslos funktionierte.

Auftragslage bleibt größtes Problem

Dass die Automobilbranche nicht nur durch die Folgen der Coronakrise mehr denn je unter Druck von außen steht, macht es nicht einfacher, das Energiebewusstsein im Kopf der Angestellten zu stärken; viele bekunden offen, dass man derzeit wirklich größere Probleme habe. Doch was bedeutet der Faktor CO2 für das Unternehmen und kann der Zulieferer die Vorgaben in Abhängigkeit von seiner Größe, seinen Produktionsstandorten oder der aktuellen Finanzsituation überhaupt erfüllen? Christine Betz von ZF: „Wünschenswert wären zwischen allen Kunden harmonisierte Anforderungsprofile, damit Zulieferer wie ZF die bislang teils noch diffusen CO2-Vorgaben nach einheitlichen Kriterien umsetzen und damit schnell und kosteneffizient den bestmöglichen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.“

Die schwierige Auftragslage und entwicklungsintensive Themenfelder sorgen bei Bosch für mehr Probleme als die CO2-Vorgaben an sich selbst oder die der Auftraggeber. „Bereits ab diesem Jahr wird Bosch vollständig klimaneutral sein. Das bedeutet, dass die über 400 Bosch-Standorte weltweit – von der Entwicklung über die Produktion bis zur Verwaltung – keinen CO2-Fußabdruck mehr hinterlassen“, heißt es beim Stuttgarter Zulieferer. Seit 2019 seien bereits alle deutschen Standorte klimaneutral. Bosch will die Energieeffizienz steigern, den Anteil regenerativer Energien an der Energieversorgung erhöhen, vermehrt Ökostrom zukaufen und unvermeidbaren CO2-Ausstoß kompensieren. 3,3 Millionen Tonnen CO2 sollen so noch bis einschließlich dieses Jahr neutralisiert werden, so der Zulieferer. Bis 2025 sollen in Deutschland bis zu 45 Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen stammen.

Continental wurde trotz der zunehmend angespannten Lage im Gesamtkonzern im vergangenen Jahr für Strategien und Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen in der gesamten Lieferkette als „Supplier Engagement Leader“ ausgezeichnet. Die Organisation CDP bewertet seit einigen Jahren die Umweltleistung von Unternehmen hinsichtlich des CO2-Ausstoßes, des Wassermanagements sowie das nachhaltige Wirtschaften an sich. Bis 2040 will auch Continental CO2-neutral produzieren. Ende des Jahres soll an allen Produktionsstandorten nur noch Strom aus erneuerbaren Energien genutzt werden.

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